Interview

Junior Boys


Kanada, Kanada, Kanada... Im Gespräch mit Jeremy Greenspan hat man nicht selten den Eindruck, dass da jemand ganz stark an seiner Heimat hängt. Wahrscheinlich würde er jetzt lieber zu Hause Holz fällen und sich über Amerikaner lustig machen. Zuviel Klischee? Ach was! Damit kann der Frontmann der Junior Boys locker umgehen.

Ihr habt euren Sound mehr in Richtung Elektropop verschoben. Was waren eure Motive dafür?

Jeremy Greenspan (überlegt lange): Das ist wie mit einer Diät. Ok, du bist schlank, du warst wahrscheinlich noch nie auf einer Diät. Aber schau mich an! Man hört für einige Tage oder Wochen auf, richtig zu essen, und wenn man am Ende in den Spiegel schaut, sieht man trotzdem noch gleich aus. Dann geht man auf die Straße und plötzlich spricht dich jeder darauf an, wie sehr du doch abgenommen hast. Genauso ist es mit diesem Album. Weißt du, ich arbeite ja ununterbrochen mit Musik. Veränderungen fallen mir gar nicht auf. Und trotzdem kommen Leute auf mich zu und sagen, das neue Album klingt total anders. Das Einzige, was ich bewusst als neues Element wahrgenommen habe, ist der stärkere 80´s Disko Sound. Das liegt aber einfach daran, dass ich das zum Zeitpunkt der Aufnahmen verstärkt gehört habe.

War es ein anderes Gefühl, an die Aufnahmen zum neuen Album heranzugehen? Ihr seid ja jetzt nur noch ein Duo.

Jeremy: Das könnte vielleicht auch ein Grund sein, warum sich unser Sound für andere Leute anders anhört als auf dem ersten Album. Es ist aber tatsächlich so, dass John bereits nicht mehr Teil der Band war, als wir den Plattenvertrag für das erste Album unterzeichnet hatten. Also entstand das erste Album nicht wirklich mit den Junior Boys als Trio, sondern hauptsächlich mit Matt und mir. Natürlich war John an vier oder fünf Songs beteiligt, aber selbst die haben wir für die Aufnahmen noch einmal verändert. Den Rest haben Matt und ich geschrieben. Trotzdem war es natürlich was anderes, mit John zusammenarbeiten, als ich es heute mit Matt tue. Er hatte eine ganz andere Herangehensweise und abgedrehte Ideen. Matt hat die auch, aber eben in einer anderen Richtung.

Ihr habt das Album "So This Is Goodbye" genannt. "Goodbye" von was genau?

Jeremy: Das ist ein wenig kompliziert zu erklären. Das letzte Jahr war ziemlich verrückt, und ich hab eine Menge über verschiedene Dinge nachgedacht. Dabei stößt man auf viele Sachen, die einen beschäftigt haben oder es immer noch tun. Mit manchen kann man abschließen und sie endgültig der Vergangenheit angehören lassen. Die Platte reflektiert in der Hinsicht diese Dinge, mit denen ich abgeschlossen habe. Daher also der Albumtitel "So This Is Goodbye".

Jetzt wo mir die Bedeutung klar wird, bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt einen tiefsinnigeren Albumnamen kenne?!

Jeremy: Ernsthaft? (lacht) Ohje, jetzt komme ich mir irgendwie wie ein totaler Nerd vor. Ähm? Wir in Kanada sind alle so, weißt du? Die Gegend hier erinnert mich übrigens sehr an Kanada. Die riesigen Wälder hier sehen aus wie bei uns. Ich glaube der einzige Unterschied ist, dass man hier nicht häufiger ein paar Stunden fahren muss, um von Stadt zu Stadt zu gelangen.

Das Artwork zur neuen Platte ist, sagen wir mal, auch recht naturverbunden ausgefallen. Steckt da eine besondere Bedeutung dahinter?

Jeremy: Gott sei Dank fragt mal jemand danach! Ich wollte unbedingt ein Artwork haben, das gleichzeitig abstrakt, aber doch in gewisser Weise vertraut ist. Es sollte für mich den Herbst symbolisieren. Deshalb auch diese verschiedenen Braun- und Grüntöne. So stelle ich mir Herbstsonnen vor. Genauso wie auf dem Artwork. Es ist eine Art Oktoberfest Artwork (lacht).

Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit mit Domino? Wenn ich mir den Bandkatalog so durchschaue, passt ihr nicht so ganz in das vorherrschende Raster.

Jeremy: Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, in welches Genre man uns genau stecken könnte. Ich weiß aber, dass wir nicht zu einem Dancelabel gehen wollten, weil uns das zu nischenhaft war. Wir wollen keinen Stempel aufgedrückt bekommen, nur weil wir bei dem und dem Label sind. Domino haben uns von Anfang an gefallen, da sie uns behandeln als wären sie ein Indielabel. Ich meine, die sind ja verdammt groß, aber trotzdem haben wir keinerlei Vorgaben oder dergleichen bekommen.

Kanada ist ja mittlerweile bekannt für seine Fülle an guten Indiebands. Gibt es auch eine vergleichbare elektronische Szene, von der die Meisten nur noch keine Notiz genommen haben?

Jeremy: Ohja, die gibt es auf jeden Fall. Kanada ist ja auch die Heimat des Synthesizers und es gibt hier eine Menge aufregender Acts. Das liegt vielleicht aber auch an der Nähe zu Detroit, wo es ja eine riesige Elektroszene gibt. Du hast aber recht, wenn du sagst, dass Kanada im Moment hauptsächlich für seine Indiebands bekannt ist. Leider kenne ich von denen aber so gut wie keine, was schon ziemlich seltsam ist, weil da ja jeder in jeder Band spielt. Siehst du, da haben wir es wieder! Ich bin einfach nicht normal! Ich fühl mich nicht verbunden zur kanadischen Musikszene.

Vielleicht zur Amerikanischen?

Jeremy: Oh Gott! Nein, sagen wir zur Deutschen (lacht). Ne, mal ernsthaft. Ich fühl mich zu so gar keiner Szene zugehörig.

Was ja im Prinzip nichts Schlechtes ist. Was genau willst du denn mit DEINER Musik noch erreichen?

Jeremy: Zuerst einmal will ich unbedingt eine neue Platte aufnehmen. Wir haben sogar schon vereinbart, dass wir die in Asien aufnehmen werden. Da kann man, denke ich, auf einige Überraschungen gespannt sein. Was sonst?... Um ehrlich zu sein, hab ich gar keine bestimmten Ziele (lacht). Ich bin einfach mit dem zufrieden, was ich gerade habe. Ich kann machen, was ich will und besonders viel harte Arbeit hab ich dafür gar nicht reingesteckt?

Sowas darfst du doch bei einem Interview nicht sagen!

Jeremy: Fuck! Zu spät, aber was solls? Ein Rat an jeden: Werdet Musiker!

Benjamin Köhler

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