Interview

Jonsi


Von wegen, die Mitglieder von Sigur Rós seien alle reserviert und einsilbig: Freundlich und gesprächsbereit empfängt uns Jonsi und lässt sich sogar zu der einen oder anderen Zote hinreißen. Der Isländer trifft uns kurz vor seiner im Vorfeld viel gerühmten Soloshow, über die er einiges zu erzählen weiß.

Hey Jonsi! Wie lief die Tour bisher? Ich mach mir ja immer Sorgen, dass du als Veganer, der nur Rohkost isst, nichts Ordentliches zu essen bekommst.

Jonsi: Die Tour lief bisher supergut. Und das Essen war überraschenderweise auch kein Problem, wir haben hier in Berlin gestern ein tolles Restaurant namens „Lamano Verde“ gefunden – vegetarisches und veganes Essen, auch Rohkost. Richtig gut!

Okay, das ist schön. Weiterhin hab ich mich gefragt, ob es nicht irgendwie nervig ist, wenn du quasi der einzige Mensch auf dieser Tour bist, der eure tolle Show nicht selber sehen kann. Du musst ja immer zum Publikum schauen.

Jonsi: Ja, das ist schon schade. Die Show ist wirklich gut, ich bin sehr stolz auf sie und habe sie bisher nur über eine kleine Kamera sehen können. Dabei gibt es da soviel zu sehen... Kommst du heute abend?

Ja, ich freue mich auch sehr darauf! Auf Festivals wirst du die Show aber nicht mitnehmen können, oder?

Jonsi: Nein, das wird leider nicht klappen. Es dauert fast einen ganzen Tag, das Set aufzubauen und bei Festivals heißt es ja nur „rein-raus“, alles geht so schnell. 

Weißt du noch, wann du für dich selber erkannt hast, dass dein Album so eine opulente Live-Umsetzung brauchen würde?

Jonsi: Eigentlich hat das mehr oder weniger mein Manager angeleiert. Ich habe mich vollkommen darauf konzentriert, mein Album zu schreiben und aufzunehmen und über nichts anderes nachgedacht, auch nicht über die Konzerte. Eines Tages sind dann zwei Mitarbeiter von 59 Productions gekommen, die uns etwas von ihrer Arbeit gezeigt haben. Sie kamen aus einer ganz anderen Welt und wirken ja normalerweise an Theater- und Operproduktionen mit. Eigentlich haben sie gar nichts mit der Welt des Rock 'n Roll zu tun und sind auch sehr professionell. Ich habe ihnen die Songs und Lyrics gezeigt und ihnen von meinen Ideen erzählt. Als ich das Album aufgenommen habe, waren nämlich andauernd Tiere und ihre Geräusche um mich herum – Bienengesumme, Vogelflattern... Die ganzen Anregungen haben sie dann mit nach London genommen und uns immer wieder Clips und Ähnliches gezeigt, wie die Show aussehen sollte.

Die Tatsache, dass dich ständig Tiergeräusche bei den Aufnahmen begleitet haben, finde ich herrlich, da Natur ja auch eine große Rolle in „Go“ spielt. 

Jonsi: (mehr zu sich) Ja...

Findest du, der Mensch hat sich zu weit von der Natur entfernt?

Jonsi: Definitiv. Ja. Das habe ich alleine dadurch schon erkannt, dass ich jetzt ein Rohkostveganer bin. Wir waren hier auch in einem Supermarkt, der aber auch nur eine Reihe für frisches Gemüse, Obst und Nüsse hatte. Der ganze Rest war vorverpackt, also so weit weg vom Menschen. Im Hotel wollten wir dann etwas Nuss-Paté machen, wir haben uns an der Rezeption ein paar Teller und eine Salatschüssel geliehen und wurden dafür ausgelacht. Im Hotelzimmer hatten wir dann diese Packung Nüsse und haben probiert, Paté daraus zu machen (imitiert Mörserbewegungen), wie Höhlenmenschen. Es hat aber richtig Spaß gemacht. Wir können ja auch nicht einfach eine Pizza essen gehen, wir müssen dafür arbeiten. Schon irgendwie merkwürdig, dass wir für etwas schief angeschaut werden, was die Menschen eigentlich von Anfang an gemacht haben.

Das Ganze lässt mich auch an „Walden“ von Henry David Thoreau denken. Dort wendet sich der Protagonist ja auch wieder mehr der Natur zu.

Jonsi: Oh, davon habe ich gehört, ich habe es aber nicht gelesen. Wie lautet der Titel noch einmal? Kannst du mir den aufschreiben?

(Nachdem dies getan wurde): Schon lustig, wenn man überall kulturelle Referenzen sieht, die gar nicht geplant sind...Aber ein Aspekt, der schon sehr deutlich in „Go“ ist, ist meines Erachtens der Wunsch nach Freiheit und danach, einfach sein Leben zu leben. Stimmst du da zu?

Jonsi: Ja, auf jeden Fall. Als ich mir die Lyrics noch einmal angeschaut habe, nachdem ich das Album beendet hatte, sind mir auch sehr viele Gegensätze aufgefallen. Die fröhlicheren Songs handeln davon, den Tag zu ergreifen und zu tun, was man will, während es in den langsameren Liedern um's Gegenteil geht. Wenn man älter wird, hat man vielleicht einen größeren Überblick über alles – was dann auch dazu führt, dass man immer öfter Angst davor hat, bestimmte Sachen zu tun. Wenn man jung ist, ist man weniger ängstlich, bei mir war das zumindest so. Und naiver – vielleicht ist Naivität ja eine gute Sache (lacht)

Den Aspekt „Furcht“ werden aber vielleicht nicht so viele in den Lyrics wiederfinden, weil er ja gerade im auf Isländisch gesungenen „Hengilás“ auftaucht. Ich finde interessant, dass du gerade diesen Song und das ebenfalls recht dunkle „Kolniður“ noch in deiner Heimatsprache singst, besonders weil du ja als Herausforderung für dich auf Englisch umsteigen wolltest.

Jonsi: Ja, aber ich wollte trotzdem noch etwas Abwechslung beibehalten. Ich weiß aber auch nicht, wieso es gerade diese beiden Songs waren. Das ist ein Zufall, da muss man nichts interpretieren.

Fühlst du dich denn auch sicherer, wenn du auf Isländisch singst? Dann versteht ja fast niemand die Texte.

Jonsi: Ja, das ist ganz angenehm, in Isländisch zu texten, was nur ein kleiner Prozentsatz der Weltbevölkerung versteht. Es ist ja auch viel leichter für mich, weil mein Vokabular viel größer ist.

Ich kann mich auch an eine Show in Frankreich erinnern, bei der du den Text vergessen hast und einfach irgendwas gesungen hast – was aber natürlich dann doch jemand verstanden hat... Würdest du sagen, dass die Texte dir jetzt wichtiger sind als bei Sigur Ròs, oder gerade nicht? Einerseits verstehen dich jetzt eben mehr Zuhörer, andererseits ist die Muttersprache ja immer auch emotionaler behaftet.

Jonsi: Eigentlich weder noch. Aber es stimmt schon, was du sagst. Wenn die Texte nicht verstanden werden, interpretiert sie aber auch jeder auf seine eigene Weise und kreiert selber die Bedeutungen. Wrenn man auf Englisch singt, kann man aber auch schon durch einzelne Wörter oder Sätze dafür sorgen, dass der, der den Song hört, sich dazu eigene Bilder im Kopf erschafft. Das ist auch schön. 

Wählst du denn manchmal einzelne Wörter der Texte nur wegen ihres Klanges und nicht wegen ihrer Bedeutung?

Jonsi: Das tu ich auf jeden Fall. Du bist der Erste, der mich danach fragt! Oft singe ich, wenn ich einen Song geschrieben habe, auch einfach irgendwas – keine Wörter, nur Geräusche. Manchmal stoße ich dabei dann auf einzelne Wörter oder auch mal einen ganzen Satz, der zuerst keinen Sinn zu ergeben scheint, aber nach einer Weile dann immer schlüssiger würd. Dadurch erkenne ich hin und wieder auch erst, wovon ein Song überhaupt handelt. Früher habe ich ja auch in dieser Fantasiesprache „Hopelandish“ gesungen, in der es ja auch nur um den Klang ging. Das ist die natürlichste Form des Singens, finde ich. Sowas kann man aber auch nicht für immer machen, weil es auf Dauer immer gleich klingt. Dann muss man den Gesang interessanter gestalten.

Ist es nicht auch schwieriger, sich einen „Text“ zu merken, wenn eigentlich keine Bedeutung dahintersteckt?

Jonsi: Interessanterweise nicht. Als ich Songs auf „Hopelandish“ (macht Anführungszeichen mit seinen Fingern) geschrieben und sie dann live gesungen habe, sind immer sofort die gleichen Klänge herausgekommen. Es ist aber auf Dauer eben zu repetitiv.

Können wir denn auch in Zukunft, auf neuer Musik von Sigur Rós, mit englischen Texten rechnen oder waren diese jetzt exklusiv für dein Soloalbum reserviert?

Jonsi: Da habe ich überhaupt keine Ahnung. Manchmal klingen diese ersten Klänge, die ich singe, irgendwie Englisch, dann mache ich von da aus weiter. Oder eben Isländisch. Das passiert dann sehr schnell.

Ist es denn mittlerweile so, seit du mit Alex (Jonsis Lebensgefährte, mit dem Jonsi 2009 auch „Riceboy Sleeps“ schrieb, Anm. des Autors) zusammenwohnst, dass du über bestimmte Sachen auf Englisch nachdenkst und nicht mehr Isländisch, manches mehr mit der Fremdsprache verknüpfst?

Jonsi: Ja, mit Alex spreche ich zuhause wirklich nur Englisch, deswegen denke ich immer häufiger auch in dieser Sprache nach. Ich ertappe mich beispielsweise dabei, dass ich in meinem Kopf auf Englisch zähle und dann nur denke: „Hä?“ (lacht) Englisch ist mittlerweile meine Alltagssprache, aber auch so beschränkt. Mein Vokabular ist einfach noch ziemlich klein. Daher lese ich nun auch viele Songtexte und Gedichte auf Englisch, um mich mit schönen englischen Wörtern umgeben zu können. Meine Stärke im Englischen ist es aber, Wortspiele zu erfinden, was ich ja auch in meinen isländischen Texten oft tue.

Noch eine letzte Frage, da wir ja schon über Tiere gesprochen haben: Was für ein Tier wärst du? Oder: Welches würdest du gerne sein?

Jonsi: Ich finde Hunde momentan toll. Alex und ich hätten sehr gerne einen Hund, aber da wir immer auf Tour sind, geht das nicht. Irgendein Tier des Waldes, das herumstreunen kann und so. Vielleicht ein Wolf? Es müsste dann aber ein vegetarischer Wolf sein.

Ein vegetarischer Wolf?

Jonsi: Ja. Ein schwuler, vegetarischer Wolf.

Photo by Lilja Birgisdottir, Pressefreigabe EMI Music

Jan Martens

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Rezension zu "Go" (2010)

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