Rezension

Ulrika Spacek

Modern English Decoration


Highlights: Silvertonic // Everything All The Time // Victorian Acid
Genre: Garage-Rock // Psychedelic Rock
Sounds Like: Black Rebel Motorcycle Club // Deerhunter // Television

VÖ: 02.06.2017

In einer viktorianischen Villa aufgenommen, ist „Modern English Decoration“ mehr als nur Ausdruck britischer Dekadenz. Der psychedelisch-hypnotische Garagensound geht vielmehr den Weg in abgedunkelte, verrauchte Schuppen, klanglich ebenso inspiriert von Krautrock wie Britpop. Da passt es ja, dass Ulrika Spacek als Heimatstadt mal abwechselnd London oder Berlin angeben.

Ulrika Spaceks Anfänge gehen auf eine Schulfreundschaft zurück, aus der über die Zeit das heutige Quintett heranwuchs. Eine gewisse jugendliche Ausstrahlung haben sich die Herren dabei aber erhalten. Auch wenn einem das Meiste auf ihrem Zweitwerk nicht unbekannt vorkommt, der darauf anzutreffende Schrammelsound kultiviert eine stylische Verschrobenheit, ein Gefühl der Andersartigkeit, das das Album dann doch irgendwie schön macht. Man kann sich dazu wunderbar eine Gruppe abseits auf dem Schulhof lümmelnder Jugendlicher vorstellen – einsame Außenseiter zwar, die aber gleichzeitig in der coolsten Band der Stadt spielen.

„Does it feel too real?“ fragte Peter Hayes einmal mit seiner Gang Black Rebel Motorcycle Club und vieles auf „Modern English Decoration“ klingt tatsächlich wie ein nahezu reales Echo dieses Songs. Ulrika Spaceks Gitarrist und Sänger Rhys Edwards drückt an manchen Stellen mit seiner Stimme einen ähnlichen Grad an Sehnsucht aus (man nehme etwa den Song „Ziggy“). Mit seinen zwei weiteren Gitarristenkollegen Williams und Stone ist er in der Lage, ähnliche Lärmwände zu produzieren, die sich immer wieder in klareren Passagen auflösen („Everything All The Time“). Doch damit nicht genug. Inmitten der locker schwingenden Gitarren von „Silvertonic“ tauchen schließlich Bradford Cox und seine Mannen von Deerhunter vor dem inneren Auge auf. Verrauchter, psychedelischer Rock, der seine Vorbilder in den 70er Jahren in Deutschland sieht, ist ebenso mit von der Partie (beispielsweise in „Saw A Rabbit Forming“).

Bei all der Übersteuerung war der Band wichtig, wenig Reverb zu benutzen, um der Musik so nicht ihre Intimität zu nehmen, die durch die Aufnahmen in dem Wohnzimmer der Villa entstand. Es schadet nicht, der Einladung der Band dorthin zu folgen und gemeinsam mit ihr, umgeben von „Modern English Decoration“, ein wenig nostalgisch zu sein. Denn in der Summe ist das Album trotz der offensichtlichen Referenzen eine kurzweilige Freude.

Jonatan Biskamp

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