Rezension

Tua

Tua


Highlights: Vorstadt // Gloria // Vater
Genre: Hip-Hop
Sounds Like: Sevdaliza // James Blake // Die Orsons // Young Fathers

VÖ: 22.03.2019

Ekstase. Finsternis. Horizont. Ein Konzept-Epos in drei Teilen. Das erste Solo-Album nach zehn Jahren – und autobiografisch. Tua liefert einen persönlichen Meilenstein mit dem Potential, ein genauso wegweisendes Album wie „Grau“ 2009 zu werden. Er genießt es, nach einer guten Zeit mit den Orsons, wieder solo zu arbeiten. Jetzt kann er wieder alles selbst machen. Alles heißt hier wirklich alles: Lyrics, Songwriting, Produktion, Artwork, Fieldrecordings, und ein unbestimmtes et cetera.

Beispielhaft für die Genialität des Albums sei der Song „Vorstadt“ angeführt. Hier wandern die Beats genau wie Tua selbst durch 20 Jahre Vergangenheit. Von Boom-Bap und 90er über Dipset und die 00er-Jahre in eine von starken Synths getriebene Produktion ins Jetzt! Die Übergänge sind so smooth, dass die Jahrzehnte Unterschied gar nicht auffallen. Die Schatten kleben an ihm und er wird sie nicht los: „Und hier ist es nicht, als ob ich nur mal draußen wär' // Sondern mein altes Ich ist kein Zuhause mehr // Ich such' ein neues und muss damit laufen lern'n // Ich weiß zwar noch nicht, wohin, aber genau, woher, Digger.“ Die innere Zerfahrenheit wird in den nächsten elf Tracks noch weiter seziert. Tua ist ein Zerdenker – und Sportwagenlenker. Zwei Features sind gut versteckt, wie viele Überraschungseier auf dem Album, Bausa und Afrob singen jeweils eine Zeile im Refrain. Es ist ein Album für Schatzsucher und im Gegenteil zu „Grau“ wesentlich nahbarer.

Selbst wenn sehr schwere Themen verarbeitet werden: abgeschobene Freunde, sterbender Vater, toxische Beziehungen, Egotrips, Leere und Zerfall. Denn Tua hat einen sehr poppigen Sound neben den Tüfteleien, dem genreübergreifenden Spielereien, dem Andeuten von Techno, Fado, TripHop, Folk und Glitch. Es ist ein sehr schmaler Grad, auf dem Tua sich bewegt. Angemessen über den Tod seines Vaters zu rappen, dabei ein Beatmungsgerät zu samplen – ohne pathetisch zu wirken. Respekt. Ein siebenminütiges Monster gegen Seelenfresserin Gloria, welches bassig auslotet, wie viel Schmerz ein Mensch erträgt. Dabei nicht den Verstand verlieren. Doppelrespekt. Sehr glückliche Momente kunstfertig in Musik verpacken. Das Respekts-Trio ist voll – und das dreiteilige Konzeptalbum verdient die Dauerschleife für 10 Jahre oder spätestens bis das nächste Tua-Album kommt.

Peter Heidelbach

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Tua - Vorstadt
Tua - Gloria

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