Rezension

The Mountain Goats

Heretic Pride


Highlights: Sax Rohmer #1 // San Bernadino // Autoclave // Michael Myers Resplendent
Genre: Folk-Rock // Singer-Songwriter
Sounds Like: Bonnie 'Prince' Billy // The Weakerthans // Iron & Wine // Bright Eyes // Neutral Milk Hotel

VÖ: 29.02.2008

Neulich kam ein Freund zu Besuch und sah auf meinem Schreibtisch "Heretic Pride" von den Mountain Goats liegen. Er so: "Was ist denn das für 'ne Metal-Platte?" Eine berechtigte Frage angesichts der dunklen, fast schwarzen Wolken und des eher mittelalterlichen Titelschriftzugs. Ich trotzdem so: "Nee, das ist eher Folk."

Heute sitzt eine Freundin in meinem Zimmer und ich spiele ihr "Heretic Pride" von den Mountain Goats vor. Ich solle was darüber schreiben. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau und drinnen fängt das erste Lied an, "Sax Rohmer #1". Sie meint, es erinnere sie an den Frühlingsanfang: "Jemand fährt mit dem Fahrrad... oder joggt... und: Wenn man die Musik anmacht, verschwinden die dunklen Wolken auf dem Cover." Die erste Zeile, die John Darnielle singt: "Fog lifts from the harbor, dawn goes down to day." Später: "I am coming home to you." Passt also alles ziemlich wunderbar.

Und damit weiß man eigentlich auch schon, was man über "Heretic Pride", das mindestens sechzehnte Album der 1991 gegründeten Mountain Goats, wissen muss: Es macht gute Laune. Die schnell angeschlagene Akustikgitarre Darnielles, die neuerdings manchmal der E-Gitarre weicht ("Lovecraft In Brooklyn"), Peter Hughes als zweites relativ festes Bandmitglied am Bass sowie Jon Wurster am Schlagzeug jeweils mit einer grundsoliden Leistung, und besonders schön Erik Friedlander am Cello - jedes Element trägt seinen Teil zu der positiven Stimmung bei. Hervorzuheben sind neben der bereits erwähnten Eröffnung vor allem "San Bernadino" und "Autoclave" - dieses Cello, diese Streicher! - oder auch der Titelsong, den die Band ausnahmsweise mit dem Schlagzeug beginnt. Oder natürlich das Finale "Michael Myers Resplendent", das man im Mountain-Goats-Zusammenhang durchaus als episch bezeichnen kann, auch wenn es paradoxerweise das kürzeste Stück des Albums ist. Wer hört, wird verstehen.

Eine Mountain-Goats-Besprechung, die nicht auf Darnielles Texte eingeht? Ist wie eine Ziege, die keine Milch gibt. Eine wunderbare Geschichte verbirgt sich zum Beispiel hinter "How To Embrace A Swamp Creature". Darnielle gibt sich als Seemonster, das sich durch die ganze Stadt gequält hat, um jemanden zu besuchen: "I start to sweat, I can't cool down/ I'm scared of all the strangers in this town/ I try to tell you just why I've come/ It's like I've got molasses on my tongue." Und dann: "I made it through town somehow/ But who's going to save me now?/ I'm out of my element, I can't breathe." Man muss schon sagen: Darnielle ist ein hervorragender Geschichtenerzähler.

Was meine so hilfreiche wie liebenswerte Besucherin noch konstatierte: Auffallend sei, dass die ersten Takte jedes Stücks schon viel über die Stimmung verraten. Und man entdecke vielleicht nicht unbedingt mit jedem Hören viel Neues, aber es ist einfach schön für den Moment. Darf ich das so unterschreiben?

Nur dreieinhalb Punkte übrigens wegen der Befürchtung, dass das Album nach 25 Durchläufen vielleicht nicht mehr so begeistert wie nach sechs oder sieben. Zumindest beim achten - wenn ich mich nicht verzählt habe - ist "Heretic Pride" allerdings noch ziemlich wunderbar.

Mario Kißler

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