Rezension

The Jesus And Mary Chain

Damage And Joy


Highlights: Always Sad // Mood Rider // Facing Up To The Facts
Genre: Indie-Rock // Noise-Rock // Americana
Sounds Like: Ride // Slowdive // My Bloody Valentine // Mazzy Star

VÖ: 17.03.2017

Jedes Jahr hat sein unerwartetes Comeback. Waren es letztes Jahr die Avalanches, die nach sechzehn Jahren völliger Funkstille unerwartet ein zweites Album ankündigten, so kehren dieses Jahr die Indie- und Noise-Legenden The Jesus And Mary Chain zurück und setzen sogar noch einen drauf, schließlich sind seit dem letzten Album 19 Jahre vergangen. Ganz weg waren sie natürlich dann doch nicht, schließlich spielten die beiden schottischen Reid-Brüder regelmäßig Reunion-Gigs, die dann allerdings doch nie ganz den Verdacht wegwischen konnten, dass es sich hier lediglich um schnelle Cash Grabs handelte.

Nun also „Damage And Joy“. Die goldenen Zeiten der Band wollen die beiden Reid-Brüder wohl nicht aufleben lassen, schließlich klingt dieses neue Album wie eine Best-Of-Compilation nach „Automatic“. Also der Zeit, als die Band längst nicht mehr wegweisend war und die krachigen Experimente ihres legendären Debüts „Psychocandy“ ad acta gelegt hatte. „Damage And Joy“ ist also keineswegs akustische Provokation und Lärminferno, sondern eine nostalgische Reise zurück in die Neunziger. Das beginnt mit dem kontrastgesättigten Albumcover, geht über die amphetaminabgestumpfte Stimme von Jim Reid und hört mit einer Produktion auf, welche die Gitarrenorgien von „Siamese Dreams“ der Smashing Pumpkins aufleben lässt.

Überraschend ist dabei, wie zeitlos der Klang von The Jesus And Mary Chain dann doch ist. Sicher, die Band bedient gerade das auf Hochtouren laufende Neunziger-Revival. Nichtsdestrotz besitzen Lieder wie „All Things Pass“ dann doch eine zeitlose Qualität. Trotzdem wirkt „Damage And Joy“ wie eine kalkulierte Platte, die am Reißbrett entstanden ist. So ist „Song For A Secret“ eine direkte Kopie der Hitballade „Sometimes Always“ mit Hope Sandoval von „Stoned And Dethroned“, nur dass Hope nun durch Isobell Campbell von Belle And Sebastian ersetzt wurde. Auch das aufbauende „War On Peace“ klingt wie ein verworfenes Outtake von „Automatic“. Doch das ist unter dem Strich dann doch alles völlig egal, wenn Jim Reid auf „Mood Rider“ den eigenen Zerfall herbeisäuselt, damit Bruder William den Song dann Sekunden später in einem Lärmgewitter zersägt. Auch „Facing Up To The Facts“, welches ungezügelte Misanthropie hemmungslos feiert, ist gerade aus diesem Grund ein Hit.

Größte Schwäche des Albums sind die Lyrics, die noch stärker als auf den vorherigen Alben wie zusammengewürfelte Bausteine wirken. Sicher, das war schon immer der Fall. Auf „Damage And Control“ fällt es hingegen gerade wegen des starken Neunziger-Flairs auf. „Get On Home“ mit seinen Referenzen auf MTV oder LSD ist völlig aus der Zeit gefallen und wirkt gerade für Männer, die zwischen Mitte bis Ende Fünfzig alt sind, lächerlich. Ähnlich ergeht es den Anspielungen auf die Ermordung Kurt Cobains auf „Simian Split“. Hier werden über weite Strecken lediglich nichtssagende Coolness-Floskeln aneinander gereiht, die zwar den dunklen Grundton der Band widerspiegeln, doch trotzdem zu profillos bleiben, um dem Song neue Facetten zu eröffnen. Vielleicht unterstreicht gerade diese Beliebigkeit auch wieder die häufig kopierte und selten erreichte Unantastbarkeit und Arschlochhaltung der Band.

Natürlich braucht niemand wirklich ein neues Album von The Jesus And Mary Chain – Nostalgie ist die treibende Kraft hinter diesem Album. Nichtsdestotrotz tut es gut, endlich wieder von der Band zu hören, die diesen tausendfach imitierten Klang erfunden hat. Hört „Damage And Joy“ und lernt es endlich richtig, Black Rebel Motorcycle Club, Crocodiles, A Place To Bury Strangers und und und. Es scheint doch echt nicht so schwer.

Yves Weber

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"Always Sad"
"Amputation"

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