Rezension

The Fall Of Troy

Doppelgänger


Highlights: Ace One, Scene One // Macaulay McCulkin // Laces Out, Dan!
Genre: Progressive // Hardcore // Alternative
Sounds Like: The Blood Brothers // The Mars Volta

VÖ: 30.09.2005

Sie sind gerade einmal 19 Jahre alt und gelten in Fachkreisen bereits als DIE Zukunft des Rock. Die Rede ist diesmal nicht von einer der unzähligen Hypebands aus dem britischen Königreich, sondern von The Fall Of Troy. Drei Milchgesichter aus der Nähe Seattles, die auf ihrem bereits zweiten Album sämtliche Register ziehen und sowohl den Hörer, als auch die Konkurrenz mit Herz- Rhythmusstörungen auf der Strecke lassen. Ganz ehrlich, diese Band quillt vor so viel Talent und Kreativität über, dass sie selbst Mühe haben, alles auf einer Platte unterzubringen. Was sich auf dem mit gerade mal 16 Jahren (sic!) aufgenommenen Debüt angedeutet hat, wird bei „Doppelgänger“ nahezu zur perfekten Vollendung gebracht.

Gemeint ist eine Achterbahnfahrt musikalischen Wahnsinns, die mitreißt und dich trotzdem so tief in den Sitz nagelt, dass dir die Luft zum Atmen wegbleibt. Besonders Musikstudenten und Profimusiker dürften begeistert in die Hände klatschen oder rot vor Scham werden angesichts der überragenden musikalischen Fähigkeiten der drei Jungspunde. Allein schon was Sänger Thomas Erak im Opener „I Just Got This Symphony Goin´” mit seiner Gitarre veranstaltet wird zu zahlreichen gebrochenen Fingern führen. Dazu keifen selbiger oder wahlweise auch Bassist Tim Ward in höchsten Höhen um die Wette, dass selbst Danny Filth noch blasser vor Neid werden dürfte. Der Eröffnungssong ist einer von vier Stücken, die bereits auf dem selbstbetitelten Debütalbum zu finden waren. Da dieses jedoch schwer auf dem europäischen Markt erhältlich war, entschloss man sich kurzerhand, die nach Meinung der Band besten Tracks noch einmal zu überarbeiten und mit auf die angestrebte Coming- Out Platte zu packen.

Wie sehr sich The Fall Of Troy seither weiterentwickelt haben zeigt „Ace One, Scene Two“. Vermehrt setzt man hier auf die an Cedric Bixler Zavala (The Mars Volta) erinnernde Stimme von Sänger Thomas und glättet dadurch immer wieder die aufkeimenden Wogen, die die gefühlten 300 Tempiwechsel aufwerfen. In 5 Minuten wird hier eine musikalische Vielfalt dargeboten, für die andere Bands eine ganze Karriere brauchen. Doch man will sich nicht als reine Progrock Kapelle verstehen und so schüttelt man auch mal kurze und knackige Songs aus dem Ärmel. „You Got A Death Wish, Johnny Truant?” beispielsweise, bei dem Drummer Andrew Forsman beweist, dass man auch alleine den Job von zwei übernehmen kann. Oder „We Better Learn To Hotwire A Uterus”, wo sich die Band einen kleinen Scherz erlaubt und das Mission Impossible Theme auspackt, bevor sie den Song komplett an die Wand fährt. Wer hier schon die Waffen streckt, der höre erst mal „Laces Out, Dan!“. Eine selten erreichte Dynamik schraubt die Anzeige der Herzschrittmachers in den dunkelroten Grenzbereich und der gute „Tom Waits“ lässt zur Abwechslung in Form eines Songs Musikjournalisten wahnsinnig werden. Das größte Knallbonbon hat man sich aber für den Schluss aufgehoben. „Macaulay McCulkin“ reißt auch die letzten Barrikaden nieder und verwurstet 10 Songs zu einem epischen Bastard.

Zugegeben, eingängig ist hier wenig bis nichts. Aber wer das sucht, der möge doch bitte gleich durchziehen und die Klappe halten. Für alle anderen offenbart sich hier eine Band, die mehr als nur eine Alternative zu den gängigen Experimentalrockern ist. Besonders zu empfehlen für Leute, denen das Gefriekel von The Mars Volta ein Stück zu weit geht und eine gehörige Portion Härte vertragen können. Dann schleicht sich nämlich schon bald diese Sucht nach dem nächsten irrsinnigen Break und dem nächsten halsbrecherischen Tempowechsel ein.

Benjamin Köhler

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