Rezension

TG Mauss

Dear Stranger,


Highlights: Tuesday // Sun King // Circle Line
Genre: Indie-Electro
Sounds Like: Mouse on Mars // Brian Eno // Sølyst // The Notwist

VÖ: 05.07.2013

Das nunmehr vierte Album von TG Mauss fordert seine HörerInnen in vielerlei Hinsicht heraus. Es ist ein Spiel mit der Irritation, das „Dear Stranger,“ hier betreibt. Schon auf dem Plattencover blickt uns der Fremde, und mit ihm das Fremde unverwandt an. Viel erkennen können wir von ihm freilich nicht, lediglich eine dunkelblaue Strickjacke vor hellblauem Grund, eine Hand und an der Stelle des Kopfes etwas, das einem Stein ähnlich sieht. Passend zum Sound könnte es auch ein Asteroid sein. Ganz schön obskur also, was will dieser Fremde von uns? Fasst man den Albumtitel als Ansprache auf, würde das Komma darauf hindeuten, dass sich hier eine Kommunikation anschließen soll. Aber was will der Fremde uns sagen? Will er uns vielleicht in die Geheimnisse eines neuen Hörens einführen?

Ganz so fremd kommt die Musik dann jedoch gar nicht daher. Man fühlt sich an Brian Eno erinnert, aber auch an Mauss' Bekannte von Mouse On Mars. Mit etwas Abstraktionsvermögen sogar an seinen Labelkollegen Volker Bertelmann, besser bekannt unter dessen Künstlernamen Hauschka, mit dem Thorsten Mauss auch schon unter dem Projektnamen Tonetraeger zusammen arbeitete. Die Stücke „Tuesday“ und „Sun King“ erinnern schließlich an Bodi Bill und deren Nachfolgeorganisation/Nebenprojekt The/Das. Und doch ist sich dieser liebe Fremde von einem Album wohl selbst nicht so ganz eins. Er zeigt uns keine klar erkennbare Identität, sondern hat viele Gesichter und wechselt zwischen verschiedenen Facetten.

Da ist der Opener „OMG“, der von Synthie-Flächen getragen wird, die anmuten, als wollten sie gleich zersplittern. Diese in Kombination mit einer mittels Vocoder extrem verfälschten Stimme machen die distinktiv elektronische Erscheinung dieses Tracks aus. Im darauf folgenden „Tuesday“ findet eine Synthese von tiefem Bass und warmer, fast samtiger Gesangsstimme statt. Im krassen Kontrast zum Beginn des Albums steht das verträumte, gitarrendominierte Stück „Circle Lane“, das schon fast an Folkpop erinnert. Irgendwo dazwischen dann der Titeltrack, der die analoge und die digitale Seite gekonnt verwebt. Das Fremde muss also nicht nur „das Andere“ sein, sondern es wird deutlich, dass in ihm immer Elemente sowohl von Identität als auch Alterität mitschwingen.

Dieses sehr moderne Element wirkt bei TG Mauss jedoch in keinster Weise bedrohlich. Ganz im Gegenteil vermittelt das gesamte Album, auch und gerade da, wo man sich an das Fremde im Eigenen erinnert fühlt, eine angenehme Atmosphäre, das Exotische bekommt etwas fast Heimeliges. Dies ist jedoch auch der vielleicht einzige Kritikpunkt an „Dear Stranger,“ – das Album ist voller Ideen, krankt jedoch etwas an seiner Selbstgenügsamkeit. Es ist keinesfalls langweilig, aber auch nicht gerade radikal, die Stimmung könnte man vielleicht mit „behaglich“ treffend beschreiben. Ein klein wenig mehr Experimentierfreude und Mut zum Bruch, zum Bombast, zur Verschrobenheit und „Dear Stranger,“ hätte ein ganz besonderes Album werden können. Nichtsdestotrotz ist es jedoch nach allem immer noch ein sehr gelungenes Werk, das dazu anregt, alte Hörgewohnheiten zu überdenken. Lieber Fremder, wir kennen uns zwar nicht, aber das können wir ja gemeinsam ändern.

Christoph Herzog

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