Rezension

Sleater-Kinney

No Cities To Love


Highlights: Price Tag // Surface Envy // No Cities To Love
Genre: Riot Grrrl Rock
Sounds Like: Wild Flag // Bikini Kill

VÖ: 16.01.2015

Sleater-Kinney sind wieder da: Nach knapp zehnjähriger Pause meldet sich das Trio aus Olympia mit ihrem neuen Album „No Cities To Love“ zurück. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre haben Sleater-Kinney mit ihren kritischen Texten und Corin Tuckers eindringlichem Gesang die Riot-Grrrl-Bewegung, die ganz im Zeichen von Feminismus und linksgerichteter Politik stand, entscheidend mitgeprägt. Kein Wunder also, dass die Erwartungen an das Comeback groß sind. Immerhin gibt es auf dem Gebiet nach wie vor genug Missstände zu beklagen.

In gewohnter Manier behandeln Tucker und ihre Mitstreiterinnen Carrie Brownstein und Janet Weiss denn auch Probleme wie Selbstzweifel und Oberflächlichkeit in der mediendominierten Gesellschaft. Hier knarzt eine Gitarre, da scheppern die Drums und über allem immer wieder Tuckers Stimme, die man wohlwollend als interessant beschreiben könnte. Schön ist sie nämlich nicht. Aber das war sie noch nie und sollte sie nie sein, sondern genauso unangenehm wie die Themen, denen sie ein Gehör verschafft. Also alles wie immer, könnte man meinen. Von Stagnation ist aber keine Spur. Im Gegensatz zu den frühen Alben ihrer Karriere haben Sleater-Kinney einen etwas ruhigeren und konventionelleren Weg eingeschlagen. Das Gitarrensolo in „Gimme Love“ wäre früher etwa nicht möglich gewesen und auch wenn die Lieder nicht unbedingt so eingängig sind wie alte Titel, drängt sich die Idee einer poppigeren Struktur auf. Auch die Vorabsingle „Bury Our Friends“ lädt zum rhythmischen Mitnicken ein, begeistert aber nicht.

Der Funke will einfach nicht so richtig überspringen. Kann es daran liegen, dass Tucker, Brownstein und Weiss alle mittlerweile die 40 überschritten haben? Ohne sie in die Ecke Soccer Moms stellen zu wollen, muss man doch zugeben, dass sie nicht mehr unbedingt in der Situation sind, aus der die Lieder der Riot-Grrrl-Bewegung entstanden sind. Abgesehen davon natürlich, dass sie nach wie vor Frauen sind, die in einem Amerika leben, in dem Dinge wie eine allgemeine Krankenversicherung als kommunistisches Teufelszeug abgetan werden.

Woran liegt es also, dass die neuen Lieder trotz der sich einschleichenden Pop-Versatzstücke nicht wirklich hängen bleiben wollen? Vielleicht ist auch das, wie Corin Tuckers Gesangsstil, ein weiterer Verweis auf ihre Unbequemlichkeit: Sleater-Kinney deuten an, dass sie Pop können, aber nicht wollen. Den Refrain von „Surface Envy“ oder das Ende des Openers „Price Tag“ kriegt man etwa so schnell nicht wieder aus dem Kopf. Davon kann man sich für die Zukunft mehr wünschen. Vorerst haben Sleater-Kinney mit „No Cities To Love“ aber erst einmal ein respektables Comeback-Album geschaffen. Es ist zwar keine Offenbarung, aber ein Lebenszeichen, das auf Größeres hoffen lässt.

Lisa Dücker

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"Surface Envy" bei Soundcloud
"Bury Our Friends" bei Soundcloud

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