Rezension

Sharon Van Etten

Remind Me Tomorrow


Highlights: Comeback Kid // Jupiter 4 // Seventeen // Stay
Genre: Songwriter // Pop
Sounds Like: Cat Power // Angel Olsen // Julia Holter

VÖ: 18.01.2019

"Remind Me Tomorrow", das fünfte Album der New Yorker Songwriterin Sharon Van Etten, beginnt mit dem gleichen Klavierakkord wie der Vorgänger "Are We There", und nimmt mit dem zweiten Akkord eine andere Abbiegung. Das ist sicher kein Zufall und trifft nicht nur auf rein musiktheoretische, sondern auch künstlerische, thematische Aspekte zu. Bis zu besagtem vierten Album "Are We There" – übrigens ein Meisterwerk – war van Etten eine Künstlerin der Suche, nach sich, nach dem Leben, nach Liebe, und wir konnten ihr dabei zuhören, mitspüren, mitleiden, uns mitfreuen. "Are We There" klang nach einer Künstlerin, die niemals ankommen würde, es machte die Dichte und Schwere dieses Lebens musikalisch und textlich fühlbar, und doch gab es immer Lichtblicke, Schwere löste sich in Frohmut auf, so fand das Album passend sein Ende mit der Zeile "Everytime the sun comes up // I'm in trouble".

Und siehe da – die etwas versteckten Lichtblicke sind zu viel Licht geworden, und "Remind Me Tomorrow" zeigt, nein, macht spürbar: Sharon Van Etten ist doch angekommen. Mehr in dem, was sie will – sie hat Psychologie studiert und will spätestens mit 50 Therapeutin sein, mit einem Menschen, den sie will, und Mutter ist sie auch noch geworden, Schauspielerin nebenher auch. Zwei Jahre hat sie vollkommen Pause vom Musikmachen eingelegt, und kehrt so präsent wie nie zuvor zurück. "Remind Me Tomorrow" klingt klar, selbstbewusst, mitunter sogar leichtfüßig, nicht mehr so schwer und dicht wie die vorherige Musik. Auf dem Cover ein chaotisches Kinderzimmer, auf dem Backcover die erwachsene Frau, die aus dem Chaos geworden ist. Im großartigen "Seventeen" verarbeitet sie ihre Vergangenheit als wichtigen Teil dessen, was sie geworden ist.

Dieser Song, ebenso wie die Vorabsingle "Comeback Kid", sind mitreißende Songs, häufig von bassigen, griffigen Synthies unterlegt, die dem Album an vielen Stellen mehr Schmiss verleihen. Hier ist eine Künstlerin zu hören, die aufsteht, vorangeht, Mut zu mehr Einfachheit hat. Das macht das Album auf Anhieb vielleicht etwas zugänglicher als die Vorgängeralben, es geht jedoch wesentlich weniger tief unter die Haut. Songs wie "Your Love Is Killing Me" oder "Ask" sind nicht zu finden. Das fehlt zwar, gleichzeitig ist aber berührend zu beobachten, wie Sharon sich entwickelt, eine Künstlerin, die sich Menschen, die wirklich zuhören, so verletzlich zeigt und sie somit so nah an sie heranlässt, dass sie sich ein bisschen wie eine alte Freundin anfühlt. Und mit der alten Freundin freuen wir uns über dieses Album und alles, was dazu geführt hat, dass es ist, wie es ist.

Daniel Waldhuber

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