Rezension

Saul Williams

MartyrLoserKing


Highlights: Think Like They Book Say // The Bear/Coltan As Cotton // The Noise Came From Here
Genre: Experimenteller Hip-Hop // Noise // Spoken Word
Sounds Like: Young Fathers // Death Grips // Gil Scott-Heron

VÖ: 29.01.2016

Saul Williams ist zu jedem Zeitpunkt Musiker, Spoken-Word-Künstler, Dichter und Aktivist zugleich. Es ist daher unmöglich, „MartyrLoserKing“ einer dieser Persönlichkeiten zuzuordnen oder nur einen einzigen Maßstab zur Bewertung des Werks anzulegen. Es ist ein lautes und politisches Album. Poesie – aggressiv-leidenschaftlich artikuliert und mit der Wucht lärmender Industrial-Sounds vorgetragen.

Eigentlich einem französisch-amerikanischen Aussprachefehler geschuldet, entwickelte sich die Idee „MartyrLoserKing“ schnell zu einem die Arbeit vorantreibenden Motiv, das die Ansichten des engagierten Williams nur zu gut widerspiegelt. Martyr – die Verbeugung vor all denjenigen, die ihr Leben dem Dienste an der Menschlichkeit unterordnen. Loser – die Akzeptanz eigener Schwäche und die Infragestellung des Strebens nach immer mehr Reichtum. Zuletzt King – königliches Blut oder Herkunft, die über soziale Verhältnisse entscheiden kann.

Wer eine Moralpredigt erwartet, kann beruhigt sein. Williams erschafft für sein Konzeptalbum den fiktiven Charakter Marytr Loser King, der als Hacker in dem afrikanischen Staat Burundi das System angreift. Die Figur gibt ihm den Freiraum, politisch zu sein, ohne den Zeigefinger zu erheben: einen Held mit Fehlern zu erschaffen.

Musikalisch sorgte der Amerikaner Saul Williams erstmals 2001 mit dem Erscheinen des von Rick Rubin produzierten „Amethyst Rock Star“ international für Aufsehen. Damals noch stärker im Hip-Hop verankert als heute, aber bereits mit stählernem Sound. Konsequenterweise führte die klangliche Entwicklung zur Zusammenarbeit mit Trent Reznor, 2007 auch in Albumlänge für „The Inevitable Rise And Liberation Of NiggyTardust!“. „MartyrLoserKing“ und Produzent Justin Warfield knüpfen mit voluminösen, angezerrtem Klang hier an, bedienen sich aber einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Instrumentierung.

Globale Themen sind Drohkulisse („How can I describe it? It's a feeling // … // When pain is the government that governs the unknown“) und werden mit Williams’ Drummachine zu einem Amalgam aus Hip-Hop, Rock und Dance verarbeitet. Teilweise geschieht dies auf packende Art und Weise, wenn beispielsweise das melodiöse „The Bear/Coltan As Cotton“ in Spoken Word umbricht. Anderes klingt bekannt, wie das an TV On The Radio erinnernde „The Noise Came From Here“. Nicht alles packt einen rein durch seine musikalische Erscheinung. Vielmehr ist „MartyrLoserKing“ ein Werk, das auf vielen Ebenen funktionieren soll. Dazu passend erscheint demnächst nun noch der Comicroman mit gleichem Titel. Dem Einen mag das alles zuviel Denke sein, die Anderen seien eingeladen, in Williams’ Welt oder die seines Protagonisten King einzutauchen.

Jonatan Biskamp

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