Rezension

Samy Deluxe

Schwarz/Weiss


Highlights: Hände Hoch // Zurück Zum Wir // RapGenie
Genre: Deutscher HipHop
Sounds Like: Jan Delay // Denyo // Freundeskreis // Massive Töne // Peter Fox // Clueso // Curse // Prinz Pi // Beginner // Dynamite Deluxe // Die Orsons // Afrob

VÖ: 29.07.2011

Das öffentlich-rechtliche ZDFKultur gab sich in den letzten Wochen alle Mühe, das Interesse an Rap und speziell an Samy Deluxe zu erhöhen. Die Ausgaben 2010 und 2011 des Splashfestivals wurden groß präsentiert und gleich zwei Konzerte von Hamburgs Bestem wurden ausgestrahlt. Besonders in der Aufzeichnung aus 2010 konnten Samy und seine Tsunami Band beweisen, dass sie live eine HipHop- und Pop-Urgewalt sind. In diesem Spannungsfeld aus Pop und HipHop steht auch das neue Album „SchwarzWeiss“. Einerseits singt und schmalzt Samy auch diesmal wieder vor sich hin – wie schon auf dem jede Lust auf deutschen HipHop vertreibenden „Dis Wo Ich Herkomm“ – und karrt erneut seine persönlichen Gefühle reichlich pathetisch sowie seine politischen Meinungen eher platt vor sich her. Andererseits besitzt er unter den aktiven Rappern deutscher Sprache mit die größten Fähigkeiten und beweist dies hier auch – wenn auch nicht so flüssig und mitreißend wie auf seinen Live-Auftritten.

Alles in allem zeigt dieses Miteinander von Pop und HipHop, dass Samy zwar wieder Lust auf HipHop hat, wie er selbst rappend bekundet, aber vor allem halt doch eigentlich mehr sein will als einfach nur ein Rapper. Er ist in erster Linie bestrebt, einfach nur Musik zu machen – wie Jan Delay, Peter Fox und Prinz Pi vor ihm. „Heute gehört deutscher Rap in den Müll, offiziell, prinzipiell, generell“, rappt Samy Deluxe in „Hände Hoch“ über aggressive Beats, die in ihrer minimalen Reduzierung sofort aufhorchen lassen, den Kopf zum Nicken bringen und ganz einfach nur begeistern. In dieser sofort packenden Qualität steht der vorab schon zu Werbezwecken genutzte Track jedoch relativ allein auf dem Album. Die davon ausgelöste Vorfreude war also in letzter Konsequenz unangebracht.

Ähnlich kämpferisch rappend gibt sich zwar auch die offizielle Vorabsingle „Poesie Album“, schleicht aber ansonsten eher kitschig voran. Dennoch überzeugt sie mehr als die Mehrheit des Vorläufer-Albums. Zwischen balladeskem Deutschsoul mit Band und Raptracks mit pumpenden, synthetischen Beats entfaltet sich hier ein Album, das nicht hochklassig ist, das aber bei aller angebrachter Kritik im Grunde durchgängig gefällt. Darin ähnelt es dem letzten Dynamite-Deluxe-Album „TNT“. Mit den minimalen tribalistischen Beats in „Hände Hoch“, manch einem kleinen Autotune-Element und dem Hin und Her von Rap, Soulcrooning und Spoken-Word-Vortrag lässt „SchwarzWeiss“ gelegentlich die Vermutung aufkommen, Samy und Mitstreiter hätten sich bewusst oder unbewusst von Kanye Wests Schaffen der letzten Jahre inspirieren lassen. Neben „Hände Hoch“ und dem doppelten Intro („SchwarzWeiss Anfang“ und „Intro“) fällt vor allem „RapGenie“ mit seinen verqueren, aus Vocal-Samples bestehenden Beats in diese Reihe. Auf Albumlänge allerdings waren Samy und seine Produzenten nicht in der Lage oder aber auch nicht willens, diese Kanyefizierung bis zu letzter Konsequenz durchzuführen.

Dass Samy und sein Stil tatsächlich auch in der Soul-Schiene funktionieren, beweisen das Autotune und 1970er Jahre Soul verbindende „Allein“ sowie das von Max Herre begleitete „Zurück Zum Wir“. Andererseits kann man „Keine Wahre Geschichte“ und „Doppelt VIP“ nicht immer gut ertragen. Unter den latent pathetischen Stücken überzeugt musikalisch soulig wie auch textlich am ehesten noch Samys Reflexion über seine eigene Doppel- oder Nicht-Identität.

Als Gesamtwerk aus Produktion, Flow und Texten muss auch diese Samy-Deluxe-Platte erneut als Enttäuschung gewertet werden, selbst wenn Raps und Gesang fast immer funktionieren, die Beats und Instrumentals in der Mehrheit durchaus gewinnen und der Inhalt um einiges mehr überzeugt als auf dem Vorgänger. Trotzdem schlagen die besten Momente auf „SchwarzWeiss“ sowohl Samys Schaffen der letzten Jahre als auch viele der angeblich so grandiosen jüngeren Vertreter des deutschen HipHops.

Oliver Bothe

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Video zu "Hände Hoch Remix feat. Megaloh"
Video zur Single "Poesie Album" bei Tape.TV
www.tape.tv

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