Rezension

Night Beds

Ivywild


Highlights: Corner // Tide Teeth // Seratonin
Genre: Wave // R&B // Ambient
Sounds Like: SOHN // Bon Iver // Kanye West

VÖ: 07.08.2015

Beschäftigt man sich im Vorfeld der Rezension zur aktuellen Platte „Ivywild“ mit der Diskographie Winston Jellens und seinem Projekt Night Beds, so stößt man auf das 2013 erschienene Debüt "Country Sleep". In einem früher von Johnny Cash bewohnten Haus, nahm er zehn von Americana getränkte Songs auf, welche ebenfalls auf Langspielern von Elliott Smith oder City & Colour wunderbar funktioniert hätten. Getragen vom herzzerreißenden Falsett-Gesang Jellens lag die Messlatte für die „schwierige“ zweite Platte doch recht hoch.

Ganze 65 Minuten und 16 Songs umfasst die aktuelle Veröffentlichung, auf der Jellen eine Trennung nach langer Beziehung ausführlich verarbeitet. Doch eine Frage drängt sich nach dem ersten Hördurchgang dann doch auf. Ist das wirklich die richtige Promo-CD, oder hat sich da jemand schlicht vergriffen?

Denn was Night Beds hier mit insgesamt 25 Mitstreitern produziert hat, ist schwer einzuordnen und lässt den Hörer im ersten Moment sicher etwas ratlos zurück. Gitarren und Weltschmerz vom Vorgänger werden hier von Drum-Computern und Synthie-Flächen abgelöst. Wäre da nicht der charakteristische Gesang, man würde wohl nie Night Beds hinter diesen Songs vermuten. Der R&B-Stampfer „Me Liqour And God“ ist nahe am Sound von SOHN, nur leider noch nicht an dessen Qualität angekommen. So wabern einige Songs ziellos durch die Playlist und sind bestenfalls als Füllmaterial anzusehen. Das tanzbare „Corner“ und das psychedelisch zuckende „Tide Teeth“ bilden hörenswerte Ausnahmen.

Laut Pressetext beschloss Jellen, nachdem er Kanye Wests „Yeezus“ zum ersten Mal hörte, keinen klagenden Gitarrenbarden wie Elliott Smith und Ryan Adams mehr verkörpern zu wollen und entschied sich für diese einschneidende Veränderung. Bemerkenswert ist dabei die Spannweite seines musikalischen Könnens. Nicht viele können in dieser Qualität grundverschiedene Genres bedienen. Bleibt ihm zu wünschen, dass er sich mit "Ivywild" erneut eine Fanbase aufbauen kann, da die gitarrenaffinen Karohemdträger wohl spätestens nach dem dritten Song ausgestiegen sind. Vielleicht hätte es erst eine Platte mit einem Mix beider Genres gebraucht, um neue Fans zu gewinnen und die treuen Anhänger auf diesen Stilbruch vorzubereiten, bevor dann endgültig die Gitarre vom Synthie abgelöst wird.

Sönke Holsten

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