Rezension

Lubomyr Melnyk

Rivers And Streams


Highlights: Parasol // Ripples In A Water Scene // The Amazonas
Genre: Klassik
Sounds Like: Nils Frahm // Ólafur Arnalds // Grandbrothers

VÖ: 27.11.2015

Wie sagte Lubomyr Melnyk einst so schön in der Halderner Dorfkirche, wo er im Rahmen des Haldern Pop Festivals spielte? „Keine Ahnung, warum die mich alten Mann so für sich entdeckt haben.“ Mit „die“ meint er das Label Erased Tapes um Robert Raths, denen man dafür, dass sie Melnyk entdeckt haben, einfach nur dankbar sein kann. Die Frage, warum sie so an ihn glauben, beantwortet er mit „Rivers And Streams“ ganz gut selbst. Der über siebzig Jahre alte, rauschebärtige Ukrainer hat eine einzigartige Art, Klavier zu spielen, der sich der Hörer nicht enziehen kann.

Auf „Rivers And Streams“ bannt er seinen einzigartigen Stil, den Sog, den seine Liveshows erzeugen, so brilliant wie nur möglich auf Platte. Er selbst nennt seinen Stil „Continuos Music“, vergleicht ihn häufig mit Wasser, einem Element, mit dem er sich sehr verbunden fühlt. Jahrelang brauchte er, um den Stil zu verfeinern, zu meistern, er spielt schnell, aber nicht einfach nur technisch versiert schnell, sondern mit Hingabe, die mit jedem Ton spürbar ist. Die Noten verfließen miteinander, Höhen und Tiefen verschmelzen, ziehen den Hörenden mit wie ein großer, anmutiger Fluss, mal aber auch nur wie dicke, schöne Regentropfen.

„Rivers And Streams“ ist eine fließende Reise, auf die Melnyk die Hörenden mitnimmt, auf Konzerten pflegt er das dort oft am Stück gespielte Album mit einer langen Geschichte anzukündigen. Er sagt dann, dass das Publikum auf all die Schönheit achten soll, die es am Rande des Flusses zu sehen gibt. Und die Schönheit ist zu spüren, sie ist dort, während der Fluss sich windet, Lubomyr Melnyk sich mit ihm windet, mal virtuos, mal dahintreibend, aber immer mit völliger Hingabe.

Hier einzelne Stücke hervorzuheben, fällt schwer. „The Pool Of Memories“ ist schönerweise eine Aufnahme aus besagter Halderner Dorfkirche, die letzten Stücke der Platte sind dem ultimativen, größten Strom der Erde gewidmet: dem Amazonas. Im ersten Teil dessen fügt die Koreanerin Hyelim Kim wundervoll achtsame Flötentöne in Melnyks Spiel ein. Und wenn wir nach dem letzten Dahinplätschern des Wassers wieder an Land gehen, sind wir froh, dass der „alte Mann“ entdeckt wurde und uns mit aufs Wasser genommen hat.

Daniel Waldhuber

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