Rezension

Liturgy

Aesthetica


Highlights: True Will // Glory Bronze // Harmonia
Genre: Hipster Black-Metal // Transzendentales Geblubber
Sounds Like: Wolves In The Throne Room // Blut Aus Nord // Krallice

VÖ: 15.04.2011

Kaum ein Musikgenre lebt mehr vom Image als Black Metal. Eiert die Kassette, zetert der Pandabär, brennt die Kirche und röchelt der Todfeind, so frohlockt und hüpft das kalte Herz des Schwarzmetallers. Jahrzehntelang war dieses Genre für Schaulustige kaum erschließbar: Ein hermetisch abgeschlossener, elitärer Kreis von wahren Paganrittern und Verfechtern des Unedlen. Jahrzehntelang war alles schön grau im Düsterwald, bis 2008 vier durchaus indieaffine Musiker aus den frostigen Bergen richtung Brooklyn stapften und schnurstracks zu den meistgehassten Musikern eines ganzen Genres wurden. Mit „Aesthethica“ veröffentlichen Liturgy nun ihr zweites Album auf dem hauptsächlich auf Post-Rock gepolten Label Thrill Jockey. Ist der Ruf erst ruiniert...

Natürlich ist das, was Liturgy hier servieren, eine durch den Hipster-Fleischwolf gedrehte Version von Black Metal. Und das sollte nicht negativ zu verstehen sein: Liturgy haben glücklicherweise nichts mit Immortal-Corpsepaint, brennenden Kreuzen und morschen Vier-Track-Aufnahmen am Hut. Sicher, die großen Vorbilder sind auch hier die üblichen Norweger, aber das, was aus den Einflüssen gebraut wird, ist völlig eigenständig.

Das beginnt mit der transparenten Aufnahme, die sich klar von darkthroneschem Gerumpel abgrenzt. Wer Realness mit No-Fi gleichsetzt, sieht in Liturgy wohl Dani Filth. Alle anderen dürfen sich über eine opulente und detailverliebte Aufnahme freuen, welche – oh Schreck! – der Musik erst die nötige majestätische Atmosphäre verleiht. Kaum vorstellbar, wie „Transilvanian Hunger“ in solcher Tonqualität klingen würde.

Musikalisch blüht das Album dadurch auf. Hyperventilierende Blastbeats, flirrende Gitarren, heilloses Durcheinander. Das mag in den ersten Durchläufen verwirrend und unfokussiert wirken, entpuppt sich dann allerdings schnell als äußerst dicht und clever verwebte Musik. Indem das Mantra der Steigerung ad absurdum geführt wird, hat „Aesthethica“ schlussendlich auch mehr mit Post-Rock auf Hyperspeed als mit klassischem Black Metal am Hut: Hier türmt die Musik Crescendo auf Crescendo, ohne jemals in bloßes Gitarrengeprotze auszuarten.

Überraschenderweise wird nach einigen Durchläufen deutlich, dass Hatebreed wohl weiterhin den Soundtrack zur zünftigen Wirtshauskeilerei liefern. Zu keinem Zeitpunkt wirkt die schiere Lautstärke von „Aesthethica“ vulgär. Das liegt vor allem daran, dass Hunter Hunt-Hendrix (sic!) sich seines dünnen Stimmchens durchaus bewusst ist. Das typische bedrohliche Grollen muss hier einem hohen Kreischen weichen. Die Texte bleiben eh unverständlich. Hunt-Hendrix scheucht Varg Vikernes mit Traktaten wie „Transcendental Black Metal – A Vision Of Apocalyptic Humanism“ wohl zum Schleifstein. Trotzdem ist diese pseudotiefsinnige Wortkette nicht bloß ein Fall für den Oxford English Dictionary (davor) und die Klapsmühle (danach): „Aesthethica“ leuchtet tatsächlich gleißend hell und ist dann doch irgendwie erhebend.

Liturgy sind damit die Black-Metal-Band für alle, welche die Majestät dieser Musikrichtung schon immer anziehend fanden, dabei allerdings auf die Puppenkiste verzichten können. Natürlich wird nicht jeder Kopfhörerkrieger die nordische Härte besitzen, heil aus diesem Lärminferno herauszutreten. Wie lehrt die Werbung? Sind sie zu stark – bist du zu schwach. Ihr lieben Liturgy: Untrue bleiben.

Yves Weber

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