Rezension

Kaltenkirchen

Im Namen Der Liebe


Highlights: Die Lichter // Harry Haller // Die Wolke // Testosteron
Genre: Anti-Schlager
Sounds Like: Drangsal // Mia Morgan

VÖ: 27.12.2019

Kaltenkirchen – nicht wenigen kommt bei dem Namen direkt der Ohrwurm in den Kopf: „Auf geht's, ab geht's, drei Tage wach”. Die namentliche Nähe zu Lützenkirchen dürfte jedoch die einzige Ähnlichkeit bleiben, mit dem Anti-Schlager auf „Im Namen Der Liebe” hat der Charthit von 2008 wenig am Hut. Zum Glück, denn Kaltenkirchen, der aus dem kreativen Umfeld von Künstler*Innen wie Mia Morgan und Drangsal stammt und mit diesen sogar schon die Supergroup Möse Onkelz gründete, liefert auf seinem Debüt eine spannende Mischung aus New Wave, Indie-Pop und tatsächlich einem Hauch Schlager. Wollte Kaltenkirchen aka Philip Maria Stoeckenius in einer universitären Arbeit versuchen, die Frage zu beantworten, ob sich die Neue Deutsche Welle auf ihrem Zenit überhaupt vom Schlager unterschieden habe, verbindet er diese nun selbst.

Textlich orientiert sich Kaltenkirchen gerne an der deutschen Literaturgeschichte. Bestes Beispiel ist dabei „Harry Haller”, benannt nach dem Hauptcharakter aus Hermann Hesses „Steppenwolf”, das zugleich mit einem Zitat aus Goethes Faust beginnt. Für die weniger Literaturinteressierten dürfte „Harry Haller” besonders eins sein: Einer der größten Hits des letzten Jahres. „Zweisam ist besser als Einsam // Deshalb bleib doch bei ihr und bleib hier” – wie ein Klaus Lage in seinen besten Zeiten. Musikalisch in die Sphären einer neuen Neuen Deutschen Welle eintauchend ist das Lied, geprägt von eingängigen Synths und drängenden Drums, ein großes Highlight auf „Im Namen Der Liebe”. Ein Album, das jedoch eigentlich nicht verdient, auf einzelne Höhepunkte reduziert zu werden. Zu experimentierfreudig sind die Synthie-Klänge, zu vielfältig, hitlastig und schlicht gut ist die gesamte Platte. Immer wieder meint man, Inspirationen bei den ganz Großen der 80er Jahre zu erkennen, ohne dass es abgekupfert wirkt.

So bleiben knappe 40 Minuten Hits, deren Melodien und Texte sich immer wieder für Stunden im Kopf festsetzen, egal ob von „Die Lichter”, „Die Wolke”, „Testosteron” oder „Wir Sind Das Volk”. Wer also noch nicht genug vom 80er-Revival hat und sich von Bezeichnungen wie Schlager oder New Wave nicht abhalten lässt, wird mit „Im Namen Der Liebe” seinen Spaß haben.

Lewis Wellbrock

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Video zu „Harry Haller"

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