Rezension

Human Abfall

Tanztee Von Unten


Highlights: Überkatze // Psychohygiene 5 Minus // 14 Tage Urlaub // Dauerlauf
Genre: Post-Punk // Noise-Rock // Punk // Garage-Rock // Industrial
Sounds Like: Goldene Zitronen // Einstürzende Neubauten // Fehlfarben // Mittagspause

VÖ: 02.05.2014

Ab Minute 1:30 setzt das Scheppern und Dröhnen wieder ein. Es fiept und brutzelt und zieht sich wie Kaugummi. „Völlig Abgebrannt“ und „Wo Sind Überhaupt Meine 10 Mark“ sind die einzigen konstruktiven Soundfetzen, die man in dem Noise-Gewabber vernimmt. Gegen Minute 2 wünscht man sich, das Fiepen würde doch endlich einmal aufhören. Das tut es dann auch wenige Sekunden später. Zum Glück. Man atmet durch. Nicht nur wegen dieser Passage, sondern auch wegen der ganzen Platte. Unvorstellbar, Human Abfall wären diesem Beispiel gefolgt und hätten das auf die ganze Länge der Scheibe ausgedehnt. Doch „Tanztee Von Unten“ ist gnädig. Stark genug ist der Tobak trotzdem noch.

Human Abfall ist nichts für in Watte gebauschte Gehörgänge. Hall und Distortion sind die Meister. Alles klingt nach einer Aufnahme-Session in einer abgewrackten Fabrikhalle neben monströsen, vor sich hin rostenden Industriemaschinen. Wenn das Krach-Kollektiv den Pegel etwas dimmt, so von 10 auf 8, dann wird’s richtig gut. Noch immer quietscht und rumpelt es. Aber das ist auch gut so. Bei Human Abfall wird man gefordert. Leicht nebenher geht das nicht. Man muss schon Leidensfähigkeit mitbringen, Misstöne ertragen. In die Indiedisko wird es hier kein Lied schaffen. Wer eine Vorstellung vom Sound Human Abfalls bekommen möchte, sollte sich zuerst einmal das quirlige „Dauerlauf“ zu Gemüte führen. Eingängiger wird’s nicht mehr. Wer hier schon zusammenzuckt, wem es hier zu unbequem wird, der braucht gar nicht erst weiterhören.

Wobei: Wer aufgibt, verpasst das Schönste an „Tanztee Von Unten“: ungehobelte, angepisste, philosophische Lyrik. Die teils gebrüllten, teils rezitierten Passagen haben es in sich, tragen einen gewissen Schalk im Nacken und haben nebenbei noch das Zeug, in großen Lettern an die nächste Hauswand in der nächstbesten dreckigen Stadt geschmiert zu werden. Am besten in blutroter Farbe. „Sie haben mir die Arme abgetrennt und damit meine Eltern geschlagen!“ Oder „Ab wann war dein scheiß Schäferhund wichtiger als die Post-Moderne?.“ Oder „Zeit ist abgelaufen. Alles explodiert. Dialektik und Verstand völlig ruiniert.“ Oder: „Mit Schaum vor dem Mund in der Rating-Agentur. 5 nach 12, nur auf wessen Uhr?“ Dazu passt dann auch die Schelte auf Absurdistan Deutschland in „14 Tage Urlaub“. Und auch die in das zehnminütige „Abgesagt“ gegossene Frage nach der beruflichen Umorientierung, die festhält: „Sie sind ja nicht das schärfste Messer in der Schublade.“ Man könnte so ewig weitermachen. Als Erkenntnis aus all dem Frust, Hass und der Resignation folgt die Mutter aller Sprüche auf „Tanztee Von Unten“: „Nie wieder Realität.“ Eigentlich ganz einfach. Der Slogan fürs nächste, selbstgemachte T-Shirt.

Charmant, dekonstruktiv und alles andere als langweilig. Human Abfall schaffen ein wunderbares Beispiel für unangepasste, herausfordernde Kunst, die unter dem Deckmantel Musik firmiert. Kein Anbiedern. Der Mehrwert dieser Scheibe liegt darin, dass all das zum Nachdenken anregt. Es bleibt ja auch nichts Anderes. Die Musik alleine würde nicht funktionieren, dazu lärmt es manchmal zu arg. Als Einheit mit sinnigen Worten ist „Tanztee Von Unten“ aber prächtig. Die Musik klingt nach Bauch und Jam, die Texte nach Kopf. Eine wunderbare Melange. Das muss begossen werden. Deshalb: Zwei Prosecco bitte für mich und die Überkatze, Herr Ober. Aber Pronto!

Joachim Frommherz

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