Rezension

How To Destroy Angels

How To Destroy Angels EP


Highlights: Parasite
Genre: Ambient // Industrial
Sounds Like: Nine Inch Nails // Ulver // Massive Attack

VÖ: 01.06.2010

Klar, man kennt das. Kaum ist man verliebt, schaltet sich das Gehirn aus. Alles ist schön, bunt, toll. Jede noch so große Peinlichkeit wird begangen, um den bei der/dem Angebeteten gewünschten Effekt der Aufmerksamkeitserhaschung zu erzielen. Geschenke, Gedichte, Gesänge. Meist kitschig und sinnfrei und auf gar keinen Falle für Augen und Ohren außerhalb der betreffenden Person gedacht. Leider scheint dies noch nicht bis zu Trent Reznor durchgedrungen zu sein. Nachdem er das vorläufige Ende der Liveaktivitäten seiner Band Nine Inch Nails verkündet hatte, nahezu sämtliches Equipment bei Ebay an die Fans brachte, heiratete er seine Freundin Mariqueen Maandig. Anstatt sich aber auf ihren Millionen auszuruhen, ging das frisch getraute Pärchen ins Studio und veröffentlicht nun unter dem Namen How To Destroy Angels eine erste EP im Internet, frei für Jedermann.

Sofort merkt man jedem der sechs neuen Stücke an, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Die EP ist eine konsequente Fortsetzung des Stils, den Reznor bei NIN mit „Year Zero“, „The Slip“ und „Ghosts“ zuletzt fuhr. Dies bedeutet vor allem: Düstere, sphärische Keyboardflächen, hallende Drumcomputer, seichter Gesang. Durchaus spannende, durchdachte Kompositionen, die zwar nichts mehr mit dem zu tun haben, was Reznor Anfang der Neunziger als energiegeladenen Industrial ablieferte, aber dennoch qualitativ hochwertig. Wäre da nicht Mariqueen. Denn leider funktioniert die Aufteilung bei How To Destroy Angels so: Trent macht den Lärm, Mariqueen „singt“ und versucht dabei auch noch, den Gesangsstil ihres Mannes zu imitieren. Bereits „The Space In Between“ ist recht beliebig, nervt aber immerhin nicht. „Parasite“ ist sogar sowas wie ein Highlight. Neben ordentlich schiefem Drumming und verzerrten Effekten stützt Reznors tiefe Stimme die Gesangslinien. Was sich jedoch in Stücken wie „Fur Lined“ oder „BBB“ abspielt, ist eine Beleidigung für die Hörnerven. „Fur Lined“ klingt, als würde eine erkältet stöhnende Mariqueen den NIN-Song „The Hand That Feeds“ Covern.

„BBB“ wäre gern verrucht böse, auch soll „BBB“ für Big Black Boots stehen, leider singt Mariqueen so schlecht, dass es wohl niemanden gibt, der statt einem „t“ nicht ein „b“ im letzten Wort wahrnimmt, was einer gewissen Komik nicht entbehrt. „The Believers“ klingt 1:1 nach jedem der 36-Ghosts-Teile. Während man sich bei deren Veröffentlichung noch gewünscht hätte, irgendjemand würde singen, wünscht man sich bei „The Believers“, es wäre instrumental. Das abschließende „A Drowning“ wurde bereits mehrfach als Nine-Inch-Nails-Stück veröffentlicht. Ob die Klaviermelodie aus „Hurt“, das Geplucker aus „All The Love In The World“ oder der ganze Song als „Zero-Sum“: Es braucht nicht noch eine Version davon. Er ist genauso verzichtbar wie die gesamte EP. Bei diesem Niveau kann man nur sagen: Lieber nichts mehr veröffentlichen und in guter Erinnerung mit dem bleiben, was mit Nine Inch Nails in den vergangenen zwei Dekaden geschaffen wurde.

Klaus Porst

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