Rezension

Guided By Voices

Let's Go Eat The Factory


Highlights: Doughnut For A Snowman // Chocolate Boy // Either Nelson
Genre: Indie Rock // Lo-Fi
Sounds Like: Pavement // Sebadoh // Big Star

VÖ: 20.01.2012

In den Neunzigern hätte sich nicht mal der größte Slacker im Delirium zusammenfabuliert, dass Guided By Voices sich mal acht Jahre zur Veröffentlichung eines neuen Albums Zeit lassen würden. Guided waren Gott: Alpha und Omega. Doch am siebten Tag war Gott müde und setzte sich bei einem vierstündigen Abschiedskonzert am 31. Dezember 2004 selbst in Flammen. Aus die Maus. Sieben magere Jahre, während denen belanglose Epigonen Angst und Schrecken verbreiteten, bis Gott entschloss, mit flammendem Schwert emporzusteigen und die Sünder und Abtrünnigen zu richten. Der einst hyperproduktive Robert Pollard, der selbst NASA-Rechner bei der Dokumentation all seiner Lieder in die Knie zwingen würde, ist ausgenüchtert, versöhnt mit seinen Ex-Band-Kollegen und nach kläglichen Solo-Bauchlandungen bereit, den Piss- und Kotzkübel wieder auf die Bühne zu zerren. „Let's Go Eat The Factory“: Aus der Garage, selbstveröffentlicht und natürlich vollkommen verballert.

Fans dürfen nun entweder aufjauchzen oder müssen ganz tapfer sein, abhängig von der Schaffensphase von GBV, zu der man sich hingezogen fühlt. Wer den hübsch arrangierten und clever produzierten Beatles-Pop der 00er Platten liebte, den wird „Let's Go Eat The Factory“ maßlos enttäuschen. Alle anderen dürfen sich vor Freude ein, zwei oder drei Schnäpschen hinter die Binde kippen: Das Album atmet „Bee Thousand“ und „Alien Lanes“. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.

Die Gründe für diese Rückbesinnung auf die Wurzeln sind offensichtlich: Zum ersten Mal seit „Unter the Bushes, Under The Stars“ (das war immerhin 1996!) versammelt Pollard wieder Tobin Sprout, Greg Demos, Mitch Mitchell und Kevin Fennell, also das klassische GBV-Lineup, um ein Album aufzunehmen. Und obwohl die Band sich etwas zu sehr anstrengt, wie ein betrunkener und abgewrackter Haufen zu klingen, geht das Resultat vollkommen in Ordnung. Eine merkwürdige Rückentwicklung, die wohl nicht zuletzt dem rezenten Lo-Fi-Boom, den GBV allerdings mal wieder ironischerweise verpasst haben, geschuldet ist. 21 Songs, 41 Minuten und man weiß bereits, wohin die Reise geht. Ja, hier fehlt ein „Glad Girls“, ein „Best Of Jill Hives“ oder ein „Game Of Pricks“, doch schlecht sind die Songs auf „Let's Go Eat The Factory“ trotzdem nicht. Das entspannte „Doughnut for a Snowman“ mit schrägem Flötenintro ist eine schöne GBV-Ballade, „Spiderfighter“ besitzt eine aufmüpfige Lead-Gitarre und „My Europa“ ist dermaßen zerschossen produziert, dass man sich nur in den Song verlieben kann. „Old Bones“ besitzt sogar eine gewisse Ähnlichkeit zum Traditional „Auld Lang Syne“.

Eine besondere Rolle spielt der ewig unterbewertete Tobin Sprout, der immerhin sechs Songs auf „Let's Go Eat The Factory“ beisteuern darf. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, wie sehr Robert Pollard Controlfreak ist. Doch das große Problem am neuen Album sind nicht die Treffer, sondern die für die Band obligatorischen Abfallprodukte, die es trotzdem aus abstrusen, alkoholgeschwängerten Gründen mal wieder aufs Album geschafft haben. Nun weiß natürlich jeder, dass GBV ohne diesen Müll eigentlich nicht vorstellbar sind, gehören sie doch seit jeher zur Band. Doch dieses Mal besitzen die Tonnentreter nicht den Unterhaltenswert eines „Kicker Of Elves“ oder „Ex-Supermodel“. Nein, „The Big Hat and Toy Show“ oder „The Things That Never Need“ sind einfach nur richtig scheiße. Und daran zerbricht das Album paradoxerweise dann doch ein bisschen.

Natürlich könnte man „Let's Go Eat The Factory“ nun als Aufwärmübung ansehen, die zu erwarteten Großtaten führt. Doch Rob Pollard hat GBV längst wieder aufgelöst. Bloß nicht riskieren, von der gerade grassierenden Neunziger-Comeback-Welle vereinnahmt zu werden. Selbstsabotage als zeitloses Markenzeichen. Egal, ob man das neue Album nun geil oder scheiße findet: Lasst diesen Mann werkeln. Er weiß sehr wohl, was er tut.

Yves Weber

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