Rezension

Foals

Antidotes


Highlights: The French Open // Olympic Airwaves // Big Big Love (Fig. 2)
Genre: Indie-Rock // Post-Punk // Experimental
Sounds Like: Bloc Party // Battles // Dartz! // Interpol // Tapes 'n Tapes

VÖ: 28.03.2008

Selten hat eine Band im Helga-Board so polarisiert wie die Foals. Während die einen sie in den Himmel lobten und „Antidotes“, obwohl gerade erst erschienen, flugs zu ihrem persönlichen Album des Jahres erklärten, hielten sie die anderen nur für eine weitere britische Band, von denen man heutzutage in jedem Dorf der Insel mindestens gefühlte drei findet. (Sprechen wir von London oder im Grunde genommen jeder anderen Universitätsstadt, so steigt diese ohnehin schon enorme Dichte selbstverständlich nochmals exponentiell an). Die Foals kommen übrigens aus Oxford. Oxford, war da nicht was? Ach ja, richtig, die Uni.

Studentenband = mehr Anspruch, sollte man meinen. Doch trifft dieses Klischee auch auf die Foals zu? Ein Zitat aus einschlägigen Musikmedien, das ihnen den Stempel „die verspielteren Bloc Party“ aufdrückt, deutet zumindest an, dass diese Annahme so fern ab vom Schuss nicht sein kann. Eigentlich ist dem auch nichts mehr hinzuzufügen. Geradezu charakteristisch die Gitarre, der während der kompletten Spielzeit von „Antidotes“ nahezu kein einziger Akkord entlockt wird, zu beschäftigt sind Yannis Philippakis und Jimmy Smith damit, in unzähligen Singlenotes die Melodie von allen Seiten zu umspielen. Fast schon, um dem Bandnamen gerecht zu werden, wie eine Herde ungezähmter Fohlen (engl.: „Foals“).

Wem die Frage unter den Nägeln brennt, wie die Beiden es hinbekommen, ihre Sechssaiter wahlweise fast wie Klaviergeklimper, oder teils auch in Richtung sphärisches Gewaber klingen zu lassen, der wende sich am Besten an Roadie, Tontechniker oder an die Herren selbst. Fakt ist allerdings, dass „Antidotes“ noch ganz anders hätte klingen können. Dann nämlich, wenn die Band mit dem Roughmix von Dave Sitek (TV On The Radio) einverstanden gewesen wäre, den sie, weil zu verhallt und science-fiction-mäßig, aber zurückwies. Dennoch ist „Antidotes“ keineswegs nur der nächste 08/15-Britrock-Release unter vielen. Ganz im Zeichen Foals’scher Math-Rock-Vergangenheit bilden vor allem die Drums das Gerüst der Songs und sorgen für musikalischen Anspruch. Wo andere es stur beim 4/4-Takt belassen, haben die Foals (oder besser gesagt, deren Drummer Jack Bevan) einen ganzen Sack voller Rhythmuswechsel und flinker Breaks im Gepäck.

Der richtige Drive kommt dabei aber nicht immer herum, da Yannis Philippakis’ Stimme stets zu distanziert wirkt, um einen Song nach vorne peitschen zu können. Eigentlich als Dancefloor-Stampfer gedachte Nummern wie „Cassius“ und „Balloons“ mangelt es so an Durchzug. Unverständlich daher, dass man sich den Luxus gönnte, die beiden 2007er Singles „Hummer“ und „Mathletics“, die unter diesem Manko weniger zu leiden hatten, gar nicht erst auf die reguläre Albumversion (sondern nur auf die Bonus-CD) zu packen. So kommt auf „Antidotes“ die verspielte, gleichzeitig aber auch düster angehauchte Seite der Foals stärker zur Geltung. „The French Open“ beispielsweise nimmt uns mit Saxophon-Akzenten und auf Franko-Akkordeon gestimmtem Keyboard mit auf einen Kurztrip zu Roland Garros, und die „Olympic Airwaves“ wirbeln uns Aufbruchstimmung und ein denkwürdiges Gitarrenriff um die Ohren. Wobei allerdings festgehalten werden muss, dass die Absichten eines Songs dank Philippakis’ viel- und doch nichtssagender Lyrics oftmals im Verborgenen bleiben.

Letztenendes liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Dementsprechend scheinen beide im Helga-Board vertretenen Sichtweisen auf den experimentell angehauchten Indie-Rock der Foals in vollem Umfang vertretbar. Um es so objektiv wie möglich auszudrücken: Für die ganz große Offenbarung hätte die Platte gerade gegen Ende eine Nuance weniger homogen ausfallen können, denn von dem Gitarrenspiel, das einem Schwarm von Glühwürmchen gleicht, wird sich in keinem Song vollends abgewandt. Was das Begeisterungspotential dieser Variante keinesfalls schmälern soll. Das frühe Fohlen fängt den Wurm (oder zeigt zumindest die Anlagen dazu). Kryptischer hätte es auch Yannis Philippakis kaum ausdrücken können.

Johannes Neuhauser

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