Rezension

David Bowie

Blackstar


Highlights: Lazarus // Blackstar
Genre: Rock // Pop // Jazz
Sounds Like: David Bowie

VÖ: 08.01.2016

Auf einmal erscheint „Blackstar“ völlig anders. Es ist das erste Album, welches nicht David Bowie zeigt, sondern lediglich ein Symbol. Zwei Tage nach Erscheinen wurde auch deutlich und schmerzhaft klar, warum das so ist: David Bowie ist nicht mehr da. Der Einfluss und die Bedeutung, die Bowie mit seinem Schaffen aufgebaut hat, ist gar nicht hoch genug zu bemessen. Als er vor drei Jahren aus dem Nichts „The Next Day“ veröffentlichte, sprühte dies vor Aufbruchstimmung. Nun verabschiedet sich Bowie für immer und hinterlässt uns ein Album, welches seinem Abschied ein letztes künstlerisches Denkmal setzt.

Die gleichnamige erste Vorabsingle verwirrte zunächst. Bis zum letzten Augenblick hielt Bowie seine Krankheit geheim, von daher sind die Andeutungen in Text und Video zwar wahrgenommen worden, galten aber als Ausdruck künstlerischer Gestaltung, nicht Realität. Mit dem Wissen von heute ist dies natürlich, wie alles, anders. Es hieß, „Blackstar“ handele vom „Islamischen Staat“. Selbst wenn dies stimmen mag, so zieht sich doch durch diesen Song und durch dieses Album: Es handelt von Ihm. David Bowie, schwerkrank, von dem bald nicht mehr viel bleiben würde, als die Verehrung eines Toten. In der ersten Videoeinstellung sieht man einen skelettierten Astronauten, der von einem Wesen mit langem Schwanz abgeholt wird. Major Tom wird vom Teufel geholt und wird fortan zu einem schwarzen Stern, so die Kurzinterpretation. Etwas später sieht man dieses Skelett auf die Sonne zutreiben, während allerlei Okkultes aus und um den „Blackstar-Bowie“ die Menschen zu paralysieren scheint. Während sich hier noch ein tiefdunkler Bezug zum Abschied einstellt, wird zumindest textlich „Lazarus“ die Seite des Himmels betonen, aber dazu später mehr.

Ebenfalls auf „Blackstar“ vertreten sind „Sue (Or In A Season Of Crime)“ und „‘Tis Pity She Was A Whore“. Beide sind schon etwas älter und wurden 2014 veröffentlicht. Letzteres trägt den Titel eines englischen Dramas aus dem 17. Jahrhundert von John Ford. Beide Stücke wurden für das Album neu eingespielt. In „‘Tis Pity She Was A Whore“ überwiegen die auf dem Album immer wieder vertretenen Jazz-Anleihen. Verquere Saxophonmelodien zerschneiden den recht einfachen Drumsound des Stückes, zu dem Bowie das inzestuöse Thema des Theaterstückes aufgreift. „Sue (Or In A Season Of Crime)“ wirft den Jazz größtenteils beiseite und lehnt sich an einen bekannten Bowiesound: Den düster-elektronischen von „Outside“. Interessanterweise hat sich dieser Sound bis heute nicht abgenutzt, der klaustrophobische Industrial hat nichts von seiner Faszination eingebüßt.

„Girl Loves Me“ zeigt erneut, warum Bowie über Jahrzehnte hinweg Erfolg hatte und so verehrt wird. Es ist gar nicht so sehr das Stück an sich, sondern, was dahinter steht. Bowies Karriere begann in den 1960ern, wurde groß in den 1970ern – parallel zu vielen anderen. Während so ziemlich jede Band der damaligen Zeit allerdings spätestens hier stehen geblieben ist und es sich nur noch in der selbst geschaffenen Ecke gemütlich machte, zog es Bowie immer weiter. Wie ein Wandervogel entdeckte er immer wieder neue Regionen für sich, machte sich neue Entwicklungen zu eigen. Für „Girl Loves Me“ wird überall Kendrick Lamars letztjähriges „To Pimp A Butterfly“ als Referenz benannt, da dieses Album während der Aufnahmen immer wieder lief. Was Bowie, der selten kopierte, jedoch unfassbar viel adaptierte, daraus machte, sind Zeilen wie diese, deren Worte zunächst gar nicht so im Vordergrund stehen:

“Where the fuck did Monday go?
I'm cold to this pig and pug show
Where the fuck did Monday go?”

Interessanter ist, dass Bowie hier das Element des Rap aufgreift, aus der Stimme ein groovendes Instrument zu machen und das gelingt ihm in Verbindung mit dem röhrenden Bass dahinter ausgesprochen gut.

„Dollar Days“ nimmt das hohe Tempo der zwei voran gegangenen Stücke merklich raus und beginnt erst einmal mit einem Saxophonsolo direkt aus der 1970er-Jahre-Kiste. Zusammen mit der Akustikgitarre erinnert der sehr seichte Track an die Anfangstage des Künstlers. Passend dazu wirken die Lyrics in Verbindung als eine Art Rückblende (eben „Dollar Days“) an jene Zeit. Wie bei den zu diesem Album geschriebenen Stücken steht auch hier das Vanitasmotiv im Vordergrund. „I’m Dying To“ ist das Mantra, welches bis zum Ende immer wieder auftaucht. „Dollar Days“ geht nahtlos in das abschließende „I Can’t Give Everything Away“ über, den musikalisch schwächsten Part von „Blackstar“. „I Can’t Give Everything Away“ beginnt mit Mundharmonika-Intro, seichtem Drumcomputersound und cheesy Saxophonmelodien. In der wahllosen Zeitreise durch die Jahre 1965 bis 2015 werden hier die 1980er aufgegriffen, in denen Bowie vor allem Popstar war. Er feierte hier mit seine größten Erfolge, wurde aber von der Kritik zerrissen. „I Can’t Give Everything Away“ verhält sich ebenfalls ambivalent. Der Wohlfühlpop trieft aus allen Enden, die Lyrics jedoch künden vom Ende. Auf seinem letzten Stück mag Bowie nicht loslassen, nicht das Unumwegbare zulassen. Und doch strahlt „I Can’t Give Everything Away“ eine fast zynische, unbeschwerte Lebensfreude aus.

Der eigentliche Schlusspunkt, versteckt als drittes Stück auf "Blackstar", ist „Lazarus“. Musikalisch wähnt man sich im Moll-Gewand des Albums „Disintegration“ von The Cure. Nun, mit verändertem Blickwinkel, fällt es, wie bei „Blackstar“ leider auch, leicht, das zunächst kryptische „Lazarus“ zu interpretieren. Nun ist es kein Wink mit dem Zaunpfahl mehr, sondern pure Realität, was dieser Song ist, wofür dieser Song steht. „Lazarus“ ist sowohl musikalisch, als auch bildlich Bowies Verabschiedung. Explizit und drastisch wird der nahende Tod verarbeitet, neben den Lyrics ist vor allem das Video keine leichte Kost.

“Look up here, I'm in heaven
I've got scars that can't be seen
I've got drama, can't be stolen
Everybody knows me now”

“Look up here, man, I'm in danger
I've got nothing left to lose
I'm so high, it makes my brain whirl
Dropped my cell phone down below
Ain't that just like me?”

Von oben schaut er herab, nicht offensichtlich verwundet, sondern durch den Krebs gezeichnet. Im Video dazu sehen wir Bowie, wie in „Blackstar“ mit verbundenen Augen, nur diesmal „noch“ nicht als über allem schwebende Gottheit, sondern schwerkrank auf dem Totenbett, er windet sich, kämpft, hat Fieberträume. Eine Tür eines Wandschrankes öffnet sich.

“By the time I got to New York
I was living like a king
Then I used up all my money
I was looking for your ass”

Es entsteigt Bowie aus diesem Schrank. Vergreist, allerdings im Outfit von 1976 des Songs „The Man That Fell To Earth“. Die Reminiszenz an New Yorker Erfolgs- und Lebenszeiten. Der Versuch von Tanzschritten der damaligen Bühnenshow. Sie wirken ein wenig wackelig, aber sie sitzen noch.

Grauhaarig steht Bowie im Mittelpunkt eines Raumes und setzt sich an ein Schreibpult. In abwechselnden Blenden zeigt das Video das Bett mit dem langsam aufsteigenden Kranken, dessen ausgebreitete Arme noch ein letztes Mal die Welt umarmen und gleichzeitig ausbreitend die Freiheit begrüßen. Die zweite Einstellung zeigt den Akkordarbeitenden Bowie, hektisch Zeile für Zeile niederschreibend, das zu nutzen, was an Zeit noch bleibt. So viele Projekte, so viele Ideen, so wenig Möglichkeiten, diese umzusetzen.

“This way or no way
You know I'll be free
Just like that bluebird
Now, ain't that just like me?

Oh, I'll be free
Just like that bluebird
Oh, I'll be free
Ain't that just like me?”

Die Kraft reicht nicht mehr, die letzten Zeilen am Pult bleiben unvollendet. Rückwärtsgehend schließt „The Man That Fell To Earth“ die Schranktür in die Welt, aus der er gekommen ist. Was auch immer dahinter ist – mach es gut, David.

Klaus Porst

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