Rezension

Culk

Zerstreuen Über Euch


Highlights: Nacht // Jahre Später // Dichterin
Genre: Post-Punk // Shoegaze
Sounds Like: Klez.E // Messer // Die Nerven

VÖ: 09.10.2020

Vergangenes Jahr war die österreichische Formation Culk noch so etwas wie ein Geheimtipp, der vor allen Dingen mit der Single „Begierde/Scham“ für Aufmerksamkeit sorgte. Gerade einmal zwölf Monate später legt die Band um Sängerin und Multiinstrumentalistin Sophie Löw auch schon mit dem zweiten Album „Zerstreuen Über Euch“ nach. Während die Platte klanglich an die Post-Punk- und Shoegaze-Ästhetik des selbstbetitelten Debüts anknüpft, werden die Texte zur konzeptionellen Absage an das herrschende Patriarchat

Die Lyrics von Löw behandeln scheinbar Alltägliches: den nächtlichen Heimweg, Sex, gängiger Sprachgebrauch. Für viele Frauen sind aber gerade diese vermeintlich beiläufigen Themen mit potenziell traumatischen, unterdrückenden und zerstörerischen Erfahrungen verbunden. In „Dichterin“ prangert Löw pointiert das generische Maskulinum an: „Du verdrängst mich / Und du verkennst mich / Ich verrenne mich an dunkle Orte / Du kennst keine Worte für mich / Und die du für mich hast / Führen mich weit weg von Einfluss und Macht.“ In der Single „Nacht“ wird der Heimweg zum Spießrutenlauf des (weiblichen) lyrischen Ichs. Hervorgerufen durch anzügliche Blicke von Männern und der Bedrohung, die sie ausstrahlen.

Es sind unangenehme Themen und es ist eine Schande, dass sie 2020 immer noch so deutlich ausgesprochen werden müssen. Darüber zu schweigen wäre allerdings noch schlimmer und daher ist es umso wichtiger, dass Culk mit „Zerstreuen Über Euch“ stattdessen ein (feministisches) Ausrufezeichen setzen. Mit intelligenten und wohldurchdachten Lyrics, die viel mehr entlarven und den Spiegel vorhalten, anstatt bloß den Anklagefinger zu heben.

Musikalisch gelingt es Culk wunderbar, ihr Anliegen zu untermalen. Die Atmosphäre ist generell distanziert und kühl. Viel Hall und glasklar abgemischte Instrumente verstärken noch einmal diesen Effekt. Produziert wurde das Album von Wolfgang Möstl, der mit seiner Arbeit unter anderem auch schon den Sound von Voodoo Jürgens oder Nino aus Wien geprägt hat. Sein Beitrag hievt den Sound von Culk noch einmal deutlich auf ein neues Level. „Zerstreuen Über Euch“ klingt in jeder Hinsicht professioneller, reifer und vor allen Dingen in sich geschlossener als das Debüt.

Homogenität ist ohnehin das abschließende Stichwort, unter dem sich die neun Songs des Albums zusammenfassen lassen. Ihre Qualität ist gleichermaßen auf ganz hohem Niveau, es gibt keinen Ausfall. Klanglich, musikalisch und lyrisch sowieso. Es ist Culk zu wünschen, dass sie mit „Zerstreuen Über Euch“ ihre Popularität weiterhin steigern können. Die Band ist zu wichtig, um ein Geheimtipp zu bleiben.

Benjamin Köhler

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