Rezension

Burial

Tunes 2011-2019


Highlights: -
Genre: Ambient // Dubstep // Electro // Jungle
Sounds Like: Aphex Twin // The Bug // Kode9 // Zomby

VÖ: 06.12.2019

Seit 2007 verweigert Burial konsequent ein drittes Album und Nachfolgewerk zu „Burial“ (2006) und „Untrue“ (2007), den zwei Werken, die die Szene nachhaltig aufmischten und die damit zurecht als Meilensteine der (elektronischen) Pophistorie gelten. Somit kommt die nun erschienene (hundertfünfzigminütige!) Compilation „Tunes 2011-2019“ – wenn auch nicht Album – einer Verbeugung gleich, dem Ausdruck äußerster Wertschätzung, die William Emmanuel Bevan alias Burial gegenüber seinem Label Hyperdub aufbringt und die Londoner damit zu ihrem fünfzehnten Geburtstag beschenkt. Was macht Burial so besonders? Woher der Trubel um einen Mann, der sich zu entziehen versucht?

Vor zehn Jahren hätte die Frage noch gelautet: Wer ist Burial überhaupt? Zunächst waren da nur dieses eine Foto einer sich in einer Pfütze spiegelnden Silhouette eines Mannes und zahlreiche Mutmaßungen. Aphex Twin oder Fatboy Slim sind nur zwei von vielen illustren Namen, die zeitweilig für Burial gehalten wurden. Und selbst als der Name William Bevans 2008 in einem Zeitungsartikel fiel, rissen die Diskussionen nicht ab. So richtig konnten einige nicht glauben, dass irgendein gesichtsloser Londoner Urheber dieser bahnbrechenden Musik sein sollte. Es dauerte nicht lange und mit Kieran Hebden war der nächste Kandidat ausgemacht, der wohl heimlich neben Four Tet ein zweites Pseudonym pflegen sollte. Hebden nahm es mit Humor. „I am burial“ twitterte dieser von seinem Künstleraccount. 2014 dann erschien das wohl berühmteste Webcam-Selfie der Popgeschichte in einer Pressemitteilung von Hyperdub. Von da an hatte Bevan plötzlich ein (ziemlich gewöhnliches) Gesicht.

Doch Burial blieb sich treu. Keine Live-Konzerte, kaum Interviews. Die existierenden Pressefotos lassen sich an einer Hand abzählen. William Bevan gibt an, nur ein „normaler Typ“ zu sein, der Musik macht. „I'm just a well low key person. I want to be unknown, because I'd rather be around my mates and family than other things … I just want to be in a symbol, a tune, the name of a tune.“ Die Geschichte der vergangenen dreizehn Jahre belegt eindrücklich, dass ihm das gelungen ist. Und seine Haltung scheint seine Verehrung gerade in Zeiten der unentwegten Selbstdarstellung verständlicherweise nur zu steigern.

Im vergangenen Jahrzehnt folgten Veröffentlichungen Burials daher immer dem gleichen Ritual: Auf Blogs blickte einen wieder und wieder das gleiche Selfie an und weiter unten wurden zwei oder drei neue Tracks verkündet. Die physischen Kopien dieser EPs waren stets schneller vergriffen, als man brauchte, um in seinem Browser einen neuen Tab zu öffnen. Dann nach Starten des Webplayers: Analoges Rauschen, Knarzen und Knacken. Es war leicht, sich anfixen zu lassen. Sieben dieser Singles oder EPs wurden im Flimmern hell erleuchteter Bildschirme seit 2011 verkündet. „Tunes 2011-2019“ versammelt sie alle, bleibt hierbei jedoch nicht chronologisch. Vielmehr, und dies zeichnet sie aus, bildet sie die Dramaturgie einer „typischen“ Burial-EP im großen Kontext nach.

Los geht es daher knarzend, knackend mit den Ambient-Tracks „State Forest“ (2019), „Beachfires“ und „Subtemple“ (beide 2017). Anschließend bauen „Young Death“ und „Night Market“ (beide 2016) behutsam Spannung auf. Den musikalischen Gipfel der als Doppel-CD physisch erscheinenden Zusammenstellung bilden die in Kritikerkreisen besonders gefeierten EPs „Rival Dealer“ (2013) am Ende der ersten und „Kindred“ (2012) zu Beginn der zweiten CD. Gerade die melodiösen „Hiders“, „Come Down With Us“ (beide „Rival Dealer“-EP) oder die erst dieses Jahr erschienene Single „Claustro“ (2019) kommen so in ihrer poppigen Strahlkraft besonders zur Geltung. Denn es ist der Kontrast zwischen düsteren und geisterhaft gestaltlosen Versatzstücken auf der einen und dem Gespür für großartige Melodien und Samples auf der anderen Seite, die das Werk des Künstlers ausmachen und die wie einem Versprechen jedem Burial-Track vorauseilen.

Die zweite Hälfte von „Tunes 2011-2019“ widmet sich schließlich vor allem Burials charakteristischem Post-Rave-Sound, der zu einem Markenzeichen und viel zu oft nachgeahmt wurde. „Loner“ oder „Ashtray Wasp“ (beide „Kindred“-EP) sind Highlights der Karriere des Londoners. Auch „Rough Sleeper“ (2012) oder „Street Halo“ (gleichnamige EP 2011) verfolgen diesen sehr club-tauglichen Ansatz, ehe man sich mit den abschließenden „Stolen Dog“ und „NYC“ (ebenfalls „Street Halo“-EP) wieder gemütlich auf Downtempo-Geschwindigkeit begibt.

Was macht Burial aus? Musikalisch war es immer auch ein Zusammenprall von Vergangenem, Gegenwart und Zukünftigem. Bereits die 2006 und 2007 erschienenen Alben klangen eigentlich nach Raves der 90er und wirkten dennoch wie ferne Erinnerungen, die sich umso weiter von einem entfernten, je genauer man hinschaute, ehe man sich plötzlich in einer kargen elektronischen Landschaft unklaren Alters wiederfand, die man so zuvor noch nicht erkundet hatte. Dieses Sich-Auflösen, das sehr abstrakte und wenig gegenständliche Existieren lebt William Bevan als Künstler vor. Vielleicht ist es daher genau dieses Geräusch, dieses knarzende Knacken, das jeden Track einläutet, das Burial ist, mehr Stimmung denn konkreter Ausdruck und doch so verheißungsvoll auf das, was noch folgen mag.

Jonatan Biskamp

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