Rezension

Blis.

No One Loves You


Highlights: Take Me Home // Lost Boy // Home
Genre: Alternative-Rock // Grunge
Sounds Like: Manchester Orchestra // Sorority Noise // Weezer // Brand New

VÖ: 03.11.2017

Was passiert, wenn der Sohn eines Pastors sich den Alternative Rock als neues goldenes Kalb aussucht, haben Manchester Orchestra gezeigt. Blis. werden auf andere Art und Weise von gottesfürchtigen Elternhäusern beeinflusst: Auf „No One Loves You“ verarbeitet Frontmann Aaron Gossett die Beziehung zur Mutter seines Kindes und ihrer religiösen Familie – und zwar so intensiv, wie es auch Priestersohn Andy Hull nicht besser hinbekommen hätte.

„No One Loves You / Like I Do“, flüstert Gossett in „Lost Boy“ seinem Sohn zu, und ähnlich, wie diese komplette Songzeile die Düsterheit des für sich alleine stehenden Albumtitels aufhellt, ist auch das Album an sich ein Spiel der Gegensätze: Aus tosenden Riffs und schmerzzerissenem Gesang, aus straightem Rock und vertrackten Strukturen und flirrenden Postrock-Gitarren, die die ungewöhnliche Label-Heimat Sargent House (And So I Watch You From Afar, Boris) erklären. Und nicht zuletzt ist es ein Spiel unterschiedlicher Gefühle: Hass, Trauer, Verzweiflung – oder um es in Songtiteln zu sagen: „Ugly“, „Pathetic“, „Broken“.

Wer solch emotionale Musik jedoch sogleich auf das „Emo“ reduzieren will, könnte falscher nicht liegen: Dafür kratzt, beißt und wütet „No One Likes You“ an jeder Stelle zu sehr, statt sich weinerlich in sein Schicksal zu ergeben. Mal ganz davon abgesehen, dass der Indie ein „Where Is My Mind?“-Gedächtnis-Intro wie in „Old Man“ mit Sicherheit nicht kampflos der schwarz-lila Seite überlassen würde. Ganz genre-unabhängig ist es Gossett und Blis. gelungen, aus dem Ballast seiner Probleme das vielleicht spannendste Rock-Debüt des Jahres zu meißeln, statt davon zerquetscht zu werden. Gott sei Dank, kann man sagen – und seinen Predigern.

Jan Martens

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