Rezension

Black Midi

Schlagenheim


Highlights: 953 // Near DT, MI // Ducter
Genre: Math-Rock // Art-Punk
Sounds Like: Shellac // Talking Heads // The Fall Of Troy // The Fall

VÖ: 21.06.2019

Bereit für die aufregendste neue Band in diesem Jahr? Wobei der Überraschungseffekt sich zugegeben etwas in Grenzen hält, schließlich eilte der Ruf von Black Midi ihrem Debütalbum schon Monate voraus. Ausverkaufte Shows inklusive Menschenaufläufen vor den Locations, Vinyl-Singles zu absoluten Mondpreisen auf Discogs. Dazu lange Zeit eine komplette Spotify-Verweigerung und sowieso, viele Songs gab es bis hierhin nicht wirklich zu hören. Dann heißt die erste Platte auch noch nichtssagend „Schlagenheim“ und die Tracklist soll doch bitteschön bis zum Release geheim bleiben. Alles sehr weird, alles sehr mysteriös, aber eben auch spannend: Was soll der ganze Terz und können Black Midi tatsächlich der riesigen Erwartungshaltung überhaupt ansatzweise gerecht werden?

Wenn man die knapp 45 Minuten von „Schlagenheim“ zum ersten Mal hinter sich gebracht hat, bleiben eher noch viel mehr Fragen als irgendeine Antwort. Was zur Hölle ist hier denn gerade passiert? Das blutjunge Quartett aus London zelebriert Songs jenseits irgendwelcher Normen. In jeder Sekunde kann buchstäblich etwas vollkommen Unvorhergesehenes passieren. Trotz der überschaubaren Spielzeit fühlt man sich erschlagen von dem, was Black Midi auf die strukturverwöhnten Ohren einprasseln lassen. Und das ist verdammt gut so! Endlich mal wieder eine Band, die sich richtig was traut und wirklich keinerlei Kompromisse eingeht. Vor allen Dingen klingen Black Midi aber einzigartig, was heutzutage kaum noch möglich zu sein scheint. Natürlich könnte man allerhand Namen und Genres in den Topf werfen: Shellac, Math-Rock, Pere Ubu, Post-Punk, Talking Heads... Passt davon irgendwas so richtig? Nicht wirklich...

Wahnwitzige Tempowechsel, Gitarren im Feedbackhimmel, Riffs auf der Überholspur, ein Sänger mit seltsam quäkender Stimme und ein Schlagzeuger, der nicht von dieser Welt scheint. Wessen Herz bei dieser irren Mixtur nicht vor Freude höherschlägt, hat wahrscheinlich schon längst die Hoffnung aufs Außergewöhnliche aufgegeben. Mit dem Opener „953“ geben Black Midi direkt einen unverblümten Eindruck, was den Hörer in der kommenden Dreiviertelstunde erwarten wird... oder auch nicht. Denn „Speedway“ geht im Anschluss dann direkt in eine vollkommen andere Richtung und führt den eigenen Titel ad absurdum. Es ist mehr eine beklemmende Midtempo-Fahrt am Rande des Abgrunds mit eineinhalb Reifen schon drüber.

Ein ähnlich mutiger Stilwechsel vollzieht sich wenig später gleich noch einmal. Zuerst wischt „Near DT, MI“ mit jeder Core-Whatsoever-Nummer der letzten Jahre den Boden auf, bevor Gitarrenpicking dann zu Beginn von „Western“ tatsächlich staubige Prärieatmosphäre heraufbeschwört. Doch keine Sorge: Das achtminütige Herzstück von „Schlagenheim“ bandelt nicht mit Country an, sondern driftet schon wenig später in einen wirren Strudel ab, dem nur noch schwer zu folgen ist.

Jeden Song des Albums müsste man im Prinzip einzeln in seine Bestandteile zerlegen. Aber wozu? Wenn im abschließenden „Ducter“ in einer wilden Kakophonie der Vorhang fällt, ist schon längst klar, dass der kontrollierte Wahnsinn gar keine Auflösung braucht. Lieber lässt man sich bei jedem Durchlauf von Black Midis Debütalbum aufs Neue überraschen. Und gegebenenfalls auch überfordern. Denn wenn Musik nicht mehr die Grenzen auslotet, wird das dann nicht irgendwann zu bequem und als Konsequenz langweilig? Zum Glück gibt es noch junge Bands, die genau das vermeiden wollen. Black Midi bilden dabei gegenwärtig mit „Schlagenheim“ die Speerspitze.

Benjamin Köhler

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