Rezension

bergen

Gegenteil Von Stadt


Highlights: An Reklametafeln // Rand Der Erde // Jagger // B2 nach Traubing // …
Genre: Indiefolkpop
Sounds Like: Calexico // Element Of Crime // Les Garcons // Locas In Love // Fink // Nils Koppruch // Herman Dune

VÖ: 13.03.2009

Auch wenn es von Hamburg aus nur immer die Elbe entlang geht, erscheint die Musikszene Sachsens von hier fast so fremd wie die russische oder die chinesische. Allerdings gilt diese Aussage ähnlich für Nürnberg, Mannheim oder Düsseldorf. Obwohl einerseits Polarkreis 18 das Elbflorenz Dresden in den Fokus gebracht haben, oder vor einem guten Jahr auch Penumbra an dieser Stelle gewürdigt wurden, ist es doch eher schwer, die qualitativ hochwertigen Newcomer zu würdigen. So erscheinen Alben über Alben, die ihren (inter)nationalen Kollegen vermutlich wenig nachstehen, fast unter Ausschluss einer Öffentlichkeit.

Dies gilt ebenfalls für bergen aus Dresden und ihr Debüt „Gegenteil Von Stadt“, das Indiefolkpop voller großartiger Melodien und lyrischer Tiefe bietet. Wo die Musik der einfachen Poppigkeit klassischer folkloristischer Instrumente – Gitarre, Bass, Klarinette, Melodika, Bläser, etc. – frönt, hören wir in den Texten schiefe biblische Bilder, popkulturelle Versatzstücke und emotional verklemmte wie freigeistige Assoziationskettenlyrik. Innig offenherzig Persönliches wechselt mit verschroben Unverständlichem mit absurdem Feierabends-Smalltalk. Wir hören Lieder, „wo ein Pärchen beim Knutschen stirbt“.

Geradlinig und einfach entwickeln sich die Melodien. Vollkommen unspektakulär und doch wohltuend fließt das Album vorbei: wie Rauchfahnen am Horizont, wie die Elbe durch Dresden oder Hamburg. Während die Lieder sich so harmlos geben, weben sie ein dichtes Netz, lassen uns in kreisenden Bewegungen in ein emotional melancholisches Wohlgefühl taumeln, aus dem kaum ein Entrinnen möglich ist. Wenn der Nord-West-Wind einmal wieder von der Nordsee die Elbe hinabweht, fühlt der Hörer sich in bergen geborgen. „Sex und Krieg und Hass … und Liebe auch“, all das findet statt, gibt sich zutraulich und stürzt die Welt ins Chaos.

Element of Crime wie Calexico, Herman Dune wie Fink klingen als Referenzen an, doch werden sie nicht gebraucht. Voller unkompliziertem Wohlklang entfalten sich neue Welten, die sofort so einladend sind, dass es leicht fällt, sich in ihnen zu verlieren. Sie erscheinen möglicherweise zu ereignisarm, übermäßig simpel und zu gefällig, „wenn [aber] gerade einmal wieder der Groove die Runde macht“, vermögen sie es, „ein kollektives Lächeln“ auf die Lippen zu zaubern.

Oliver Bothe

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