Rezension

Bear In Heaven

Beast Rest Forth Mouth


Highlights: Wholehearted Mess // Lovesick Teenagers // Ultimate Satisfaction
Genre: Electro // Experimental Rock // Krautrock
Sounds Like: Memory Tapes // Washed Out // Can

VÖ: 20.08.2010

Natürlich ist das Internet wieder mal an allem Schuld. Seit einigen Jahren sind neue Trends nicht länger Resultat einer geographisch festlegbaren physischen Musikszene, vielmehr sind Gattungsbegriffe nun rein virtuelle Konstrukte, welche nicht länger auf Entstehungsorte zurückzuführen sind, sondern von Bloggern und Journalisten über mittelpunktlose, bloß vage verbundene Einzelkämpfer gestülpt werden. Letztes prominente Beispiel für diese Virtualisierung der jungen Musikszene ist die 2009 vom Hipster-Runoff-Blog erschaffene Chillwave-Gattung, zu der auch Bear In Heaven lose Verbindungen besitzen. Nun wird das im Oktober 2009 in den Vereinigten Staaten erschienene zweite Album “Beast Rest Forth Mouth” mit fast einjähriger Verspätung endlich in Deutschland veröffentlicht. Überraschend, wenn man in Betracht zieht, dass Musiktrends immer kurzlebiger werden und keine der erfolgreichsten Chillwave-Bands jemals in Deutschland Fuß gefasst hat. Kann das gut gehen?

Sicherlich weisen Bear In Heaven die wichtigsten Chillwave-Merkmale auf und verweisen auf Shoegaze, 80er-Synthiepop und Lo-Fi-Heimaufnahmen. Glücklicherweise beschränkt sich die Band jedoch nicht auf diese wenigen Merkmale, um sich so in eine kreative Sackgasse zu manövrieren. Vielmehr verbindet Bear In Heaven eher eine allgemeine Grundstimmung mit den weiteren Chillwave-Bands als eine Beschränkung auf Synthesizer, Loops und Samples. Bear In Heaven übernehmen die nostalgische und verschlafene Atmosphäre, drücken dieser allerdings durch die traditionelle Bandinstrumentierung einen organischen Stempel auf. Dadurch erinnert die Band sogar an die Krautrock-Ikonen Can, wenn sie wie in “Deafening Love” den Titel des Liedes umsetzen und behutsam verschiedene Soundschichten zu einer undurchdringbaren Wand auftürmen.

Da Bear in Heaven nicht bloß isoliertes Schlafzimmergetüftel, sondern eine eingespielte Band sind, fallen die Kompositionen weitaus komplexer als bei verwandten Gruppen aus. Erscheinen viele Lieder beim ersten Durchlauf ernüchternd sperrig, haken sich nach mehrmaligem Anhören verstärkt isolierte Melodiefetzen im Ohr des Hörers fest und bilden Orientierungspunkte. Nur wenige Songs sind leicht zugänglich: So schraubt sich das wundervolle “Wholehearted Mess” zu einem berauschend euphorisierenden Refrain hoch, auf dessen Wiederholung man während des gesamten Songs verzweifelt wartet. Zugeständnisse an konventionelle Songstrukturen gehen Bear In Heaven zum Glück nie ein, ihre Musik bleibt stets unvorhersehbar und spannend.

Die unterkühlte Synthiepop-Grundstimmung wird dabei durch die ätherische Stimme von Jon Philpot hervorgehoben. Dieser erinnert nicht nur frappierend an Jeremy Enigk zu “How It Feels to Be Something On”-Zeiten, sondern veredelt, wie der frühere Sunny-Day-Real-Estate-Sänger, die einzelnen Lieder zu kleinen weltflüchtenden Meisterwerken. Besonders “Lovesick Teenagers” wird von progressiven und überraschungsreichen Gesangslinien getragen. Nicht ohne Grund wird dieser Refrain im Schlusslied “Casual Goodbye” wiederholt und wirkt dabei nicht wie ein uninspiriertes Aufkochen, sondern wie das abschließende Zusammentragen aller Tugenden dieses wundervollen Albums.

Ob Bear In Heaven nun zur ersten erfolgreichen Chillwave-Band in Deutschland werden, ist unwichtig. “Beast Rest Forth Mouth” ist ein hervorragendes Album, welches selbst ohne Berufung auf flüchtige, trendige Gattungen genug Substanz besitzt, um eine verspätete Veröffentlichung zu rechtfertigen. Gerade diese Resistenz lässt erhoffen, dass Bear In Heaven nicht bloß Eintagsfliegen, sondern eine vitale und wandlungsfähige Band mit Entwicklungsmöglichkeiten sind. Sie wären die ersten dieser neuen Bewegung.

(Die deutsche Veröffentlichung des Albums wird mit einer Remix-CD ausgeliefert.)

Yves Weber

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