Rezension

Bartees Strange

Live Forever


Highlights: Mustang // Boomer // Flagey God // Stone Meadows
Genre: Indie-Rock // Rap // Neo Soul // Post-Punk
Sounds Like: Moses Sumney // Bon Iver // Bloc Party // Algiers

VÖ: 02.10.2020

„Is anybody really up for this one // If I don’t hold nothing back?“, schmettert uns Bartees Strange in „Mustang“ entgegen. Gute Frage. Zurückhaltung ist nicht der Modus seines Debütalbums „Live Forever“, auf dem er mit viel Selbstbewusstsein und Charme seine Unsicherheiten und seine Identität als schwarzer Amerikaner und Musiker verhandelt. In 35 Minuten beweist er sein Können als Multiinstrumentalist und vermengt schwindelerregend und formwandlerisch Indie-Rock, Rap, Blues und Soul miteinander.

Sein Spiel mit diesen Genres ist geprägt von einem selbstverständlichen Zugang zur Musik, die in seiner Familie immer präsent war, und einem komplizierten Verhältnis zu den meist weißen Bands, die sie heute trotz deren afro-amerikanischer Wurzeln dominieren. Wenn es in „Mossblerd“ heißt „Genres // Keep us in our boxes“, dann geht es auch um die rassistischen Strukturen, die ihn als Fan und Künstler in eine Außenseiterrolle zwingen, in der Vorbilder wie Bloc Party oder TV On The Radio eine Seltenheit sind. Situationen wie ein The-National-Konzert, bei dem Strange als einzige Person of Color im Zuschauerraum stand, sind für ihn nur ein weiterer Grund, sich in der Szene Gehör zu verschaffen.

„Come to a place where everything’s everything”, lädt er im Opener „Jealousy“ mit einer Stimme ein, die sich von dunklem Timbre bis spitzem Falsetto spannt und fasst damit auch gleich das Album zusammen. „Mustang“ und „Boomer“ waren nicht ohne Grund die ersten Singles: Das eine ein nach vorne preschender Arena-Rocker, das andere ein Pop-Punk-Hit, auf dem sich Blues-Gitarren und locker gerappte Strophen abwechseln. „Kelly Rowland“ baut ein Sample aus Nellys Hit „Dilemma“ von 2002 in ein Gerüst aus R‘n‘B und Electronica ein, während sich Strange hedonistischen Träumen von Berlins Nachtleben und unbezahlbaren Modelabels hingibt. Ganz unerwartet erinnert „Flagey God“ an Burial und auch Unkle. Man hört den Schweiß von der düsteren Clubdecke tropfen. Und wie passend, dass es im letzten Song „Ghostly“ um Bindungsangst und das Sich-nicht-festlegen-Wollen geht, denn mit jedem Track wird die Liste an Einflüssen länger. Was unvereinbar klingt, reiht sich durch Stranges Ausstrahlung und Stimme nahtlos aneinander.

„Live Forever“ ist kein einfaches Mash-Up, dafür funktioniert es zu gut. Konsequent und ohne Ironie baut sich Bartees Strange eine eigene Klangwelt, die mitreißt, Spaß macht und trotzdem die Hürden aufzeigt, die er überwinden musste, um an diesem Punkt anzukommen. Es ist ein Debüt, dem man die jahrelange Erfahrung eines Künstlers anhört, der endlich seinen Platz am Tisch einfordert. „And sometimes, it’s kinda hard to tell exactly where I wanna go // I know it don't show“, sagt er. Nein, tut es wirklich nicht.

Marc Grimmer

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