Rezension

A. Dyjecinski

The Valley Of Yessiree


Highlights: Goad By The Valley // I'm The Woods // The Fight // Dry Bread
Genre: Singer/Songwriter // Slowcore // Alt-Country // Folk
Sounds Like: Bill Callahan // Lambchop // Jason Molina // Tindersticks

VÖ: 29.04.2016

Mal Hand aufs Herz: Wann habt ihr zum letzten Mal ein Album so wirklich „entdeckt“? Also ohne vorher den Künstler bereits gekannt und die halbe Platte auf Spotify oder Soundcloud gehört zu haben. Ist schon lange her, oder? Im digitalen Zeitalter kann uns nur noch wenig überraschen. Als Musikredakteur fällt das Ganze noch schwerer, weil man beinahe täglich mit neuer Musik zugeballert wird. Einem Songwriter aus Kanada ist es dennoch irgendwie gelungen. Er war in der Stadt für ein Konzert, vorher kurz ein Youtube-Video angeschaut. Klang ganz gut, also spontan hin. Auch der Gig war sehr schön und natürlich wurde die aktuelle Platte in der Nach-Konzert-Euphorie mitgenommen. Zuhause dann aufgelegt und direkt aus den Socken gehauen worden. Wie großartig ist bitte dieses Album?

Die Rede ist von „The Valley Of Yessiree“ und der Songwriter heißt A. Dyjecinski. Bei dem Titel und Namen wahrscheinlich auch kein Wunder, dass man bisher nichts davon mitbekommen hatte. Wer ist also dieser Mann mit dem unaussprechlichen Namen? Artur Dyjecinski (sprich: Di-je-tschins-ki) trägt wie jeder Songwriter von Format natürlich Vollbart und spielt normalerweise in einer Londoner Garage-Rock-Band mit dem absurden Namen Dracula Legs. Irgendwann wollte Dyjecinski dann einmal die Erfahrung von ultimativer Einsamkeit machen. Er verbrachte Wochen und Monate auf einem Segelboot mitten im Atlantik und in den abgeschiedenen Bergregionen Kanadas und Alaskas. Seine Erkenntnis: Die vollkommene Einsamkeit gibt es nicht. Andere Menschen sind immer gegenwärtig. Wenn nicht persönlich, dann zumindest in den eigenen Gedanken. Und die Auseinandersetzung mit diesen kann bisweilen schwieriger sein, als mit den Personen selbst.

Davon handelt „The Valley Of Yessiree“ und musikalisch hat A. Dyjecinski diesem philosophischen Thema passenderweise in kompletter Eigenregie ein reduziertes Korsett verpasst. Gitarre, Mini-Drumkit, ab und an ein Piano, gelegentlich eine weibliche Background-Stimme. Mehr braucht Dyjecinski nicht, um Songs von herzzereißender Schönheit zu schreiben. Musik in schwermütigem Moll, die man sich zwar nicht erarbeiten muss, aber für die man offene Türen bereithalten sollte. Dann entfacht dieses Ausnahme-Album seine volle Wirkung. Sowieso kann man sich der tiefen Bariton-Stimme von Dyjecinski nur schwerlich entziehen, selbst wenn man es darauf anlegen würde. Mal an Bill Callahan, mal an Kurt Wagner von Lambchop, manchmal sogar an Anohni erinnernd croont sich der Kanadier durch die zehn Songs seines Debüts. Ein Timbre, das runtergeht wie Öl.

Vielleicht klingt das nun alles etwas zu euphorisch und zu sehr in den Himmel gelobt. Aber welcher Songwriter hat denn bitteschön zuletzt so bewegende Songs wie „Goad By The Valley“ (diese Gitarre...), „I'm The Woods“ (Anohni würde vor Rührung heulen) oder „The Fight“ (uff...) geschrieben? Welcher Songwriter hat sich zuletzt so gekonnt zwischen Slowcore, Alt-Country und Folk bewegt? Welchem Songwriter ist es zuletzt gelungen, so ein Album ohne jegliches Backing oder Marketing abzuliefern? Deswegen muss ein Meisterwerk wie „The Valley Of Yesiree“ auch einfach das bekommen, was es verdient: die Höchstwertung.

Benjamin Köhler

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