Interview

The Paper Chase


Im spärlich gefüllten Hamburger Hafenklang steht John Congleton - Sänger, Gitarrist und Frontgeisteskranker von The Paper Chase - uns Rede und Antwort. Über Ästhetik, Doppelalben und andere Naturkatastrophen.

Hi! Wie schaut's aus, wie ist die Tour bisher gelaufen?

John Congleton: Richtig gut, wir haben am Wochenende zum Beispiel die ATP Festivals gespielt.

Ihr spielt ansonsten ja nicht wirklich auf europäischen Festivals, oder?

John: Wir werden selten zu welchen eingeladen.

Warum nicht?

John: Gute Frage, weiß ich auch nicht.

Zu den ATP Festivals seid ihr ja von Explosions In The Sky eingeladen worden (beim britischen ATP Festival wird jedes Jahr eine Band ausgewählt, die das Line Up zusammenstellen bzw. andere Bands einladen darf. Dieses Jahr waren das Explosions In The Sky, Anm. des Autors)

John: Ja, wir kommen ziemlich gut mit ihnen aus, ich habe auch ihre letzten zwei Platten produziert.

Das habe ich gelesen, ja. Wie seid ihr denn auf dem Festival empfangen worden?

John: Sehr gut eigentlich!

Schön. Ich habe mich das gefragt, weil viele eure Band richtig zu hassen scheinen. Ich habe einen Kommentar auf einem Message Board gelesen, nachdem ihr Explosions In The Sky supportet hattet. Der Kommentar lautete: "Paper Chase sind wie ein dicker, hässlicher Mann, der sich vor dem Spiegel einen runterholt."

John: Das ist für mich schon fast ein Kompliment. Ich mache keine Musik, um bei Leuten ein hübsches Kribbeln zu verursachen. Du kannst es wahrscheinlich wirklich hässlich nennen, weil wir ja auch ziemlich hässliche Bilder heraufbeschwören. Wir wollen ja auch hässliche Musik machen.

Warum wollt ihr das?

John: Ich finde, dass es eine sehr feine Linie zwischen hässlich und wunderschön gibt, und ich sehe oft Schönheit in Dingen, die dissonant und ungemütlich und einfach schwer zu verdauen sind. Die feine Linie zwischen Melodie und Dissonanz, zwischen Schönheit und Hässlichkeit hat mir schon immer gut gefallen. Ich denke, man kann sehr gut in der Mitte dieser zwei Gegensätze tanzen.

Fallen dir andere Bands ein, die das genauso können?

John: Ich finde, eine Menge moderner klassischer Komponisten tun das. Ich höre mir nicht besonders viele dieser Komponisten an, aber mit denen, die ich höre, glaube ich, ein ziemlich ähnliches Glaubenssystem zu teilen. Was Rockbands angeht...Ich weiß nicht, wenn ich intensiv darüber nachdenken würde, würden mir wahrscheinlich einige einfallen, aber so spontan könnte ich dir keine nennen.

Du hast ja schon erwähnt, dass du die letzten Alben von Explosions In The Sky produziert hast und auch sonst warst du ja schon mit vielen Bands im Studio tätig. Wenn du das tust, schnappst du da irgendetwas von anderen Bands auf? Beeinflusst das manchmal dein Songwriting, deine Musik auf irgendeine Weise?

John: Das ist eine gute Frage, aber ich glaube, dass ich sagen müsste: Wahrscheinlich nicht. Was ich jedoch von der Arbeit mit anderen Bands mitgenommen habe, ist, dass ich gelernt habe, mit anderen Menschen innerhalb meiner Band zu kommunizieren. Ich denke, man kann eine Menge lernen, wenn man nur beobachtet, wie andere Bands miteinander umgehen.

Ich habe gelesen, dass euer nächstes Album ein Doppel-Konzept-Album über Naturkatastrophen werden soll. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

John: Das ist ganz lustig, weil ich mit der Idee jetzt schon seit einigen Jahren herumspiele. Kill Rock Stars (Label von The Paper Chase, Anm. des Autors) haben dann gesagt, dass sie ein Soloalbum unter meinem Namen herausbringen wollten. So bin ich dann auf die Idee gekommen, ein Album zu machen, auf dem jeder Song eine Naturkatastrophe behandelt. Ich habe dann etwas darüber nachgedacht, und zu der Zeit hatte ich auch den Eindruck, dass es The Paper Chase nicht mehr lange geben würde, da unser damaliger Drummer nicht den Anschein machte, als ob er noch allzu lange Lust darauf hätte. Er hat dann zu einem Zeitpunkt aufgehört, als wir leider noch zwei weitere Touren zu bewältigen hatten und daher einen Ersatzdrummer benötigten. Wir haben dann Jason ins Boot geholt, der jetzt bei uns spielt. Das hat alles sehr gut geklappt und wir mögen Jason sehr gerne und es wirkt auch so, als ob er noch längere Zeit dazu Lust hätte. Da haben wir uns dann also gedacht. "What the hell, warum bringen wir keine neue Platte heraus, auf der Jason mitspielt?". Zur selben Zeit wurde dann auch Marsha, die Ehefrau des ehemaligen Labelchefs, Vorsitzende bei Kill Rock Stars, und Marsha war von der Idee, dass ich ein Soloalbum herausbringen soll, nicht so begeistert. Also dachte ich mir: "Scheiße, jetzt hab ich den ganzen Kram geschrieben, also warum machen wir kein Paper-Chase-Album daraus?" Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon mehr als genug für ein Album geschrieben und dachte mir dann: "Warum machen wir nicht gleich zwei Alben?" Der momentane Plan ist auch nicht, zwei Alben auf einmal zu veröffentlichen, sondern sie nur in einem ziemlich kurzen Abstand voneinander zu veröffentlichen.

Als dir also die Idee gekommen ist, zwei Alben zu machen, hattest du schon alle Songs beisammen?

John: Ja, so ziemlich, ich habe danach noch etwas an ihnen herumgeschraubt.

Was mich nämlich interessiert hatte: Wenn du solch ein doch recht enges Konzept im Kopf hast, hilft das deiner Kreativität oder behindert es sie eher?

John: Ich glaube, das kommt daran auf an, wie du bist und was für eine Art von kreativer Persönlichkeit du bist. Ich glaube, ich kann gut mit solchen Einschränkungen arbeiten. Was ich mache, ist sowieso immer etwas "Over the top", da ist es schon OK, wenn ich dann solche Einschränkungen habe.

Habt ihr schon einen Namen für das Album?

John: Momentan sieht es nach "Some Day This Will All Be Yours", Part 1 & 2 aus.

Das ist eine Zeile aus einem neuen Song, den ihr heute auch schon gespielt habt, oder?

John: Ja, das stimmt!

Ich habe den Song schon im Internet angehört, dort gibt es bei Youtube ein Video, wo du und Sean (Paper-Chase-Keyboarder, Anm. des Autors) den Song auf dem Geburtstag eines Plattenladens spielen. Heutzutage ist ja sowieso immer alles sofort im Internet...Dort aber ja, im Gegensatz zu heute, nicht voll instrumentiert. Glaubst du, dass ein Paper-Chase-Song auch so funktionieren könnte, nur mit Klavier und Gitarre? Oder braucht es noch irgendetwas Bestimmtes, damit ein "richtiger" Paper-Chase-Song entstehen kann? So akustisch reduziert war der Song schließlich auch sehr viel mehr auf der "Schönheits"-Seite als....

John: ...als auf der dissonanten, das stimmt. Aber nein, die Songs unterliegen keinen bestimmten Einschränkungen. Weißt du, wir spielen oft Akustikshows, wenn sich die Gelegenheit bietet, und ein Paper-Chase-Song kann das sein, was ich will, das er ist. Ich finde nicht, dass ein Paper-Chase-Song irgendetwas Bestimmtes braucht, und so denkt der Rest der Band auch. Ich meine, so werden die Songs ja auch geschrieben, so schreibe ich sie in meinem Schlafzimmer.

Mal zu den Texten: Ich habe eine Aussage deinerseits in einem Interview gelesen, dass die Horrorthematiken auf den letzten Alben mehr metaphorisch verstanden werden sollten. Ist das bei den Naturkatastrophen auch der Fall?

John: Ja, absolut. Ich sage Dinge in meinen Texten selten frei heraus, ich bin ein ziemlich metaphorischer Schreiber.

Was für Metaphern wären das denn in diesem Fall?

John: Das ist natürlich von Song zu Song verschieden. Ich finde auch nicht, dass ich jetzt zu viel sagen sollte, da ich den Leuten ermöglichen möchte, sich die Songs selber zu eigen zu machen. Sobald ich eine Platte mache, gehört sie allen anderen ebenso sehr wie mir.

OK, dann mal eine andere Frage: Wenn eure Band eine Naturkatastrophe wäre, welche wäre sie dann?

John: (lacht) Sie wäre wahrscheinlich ein Tornado, weil wir aus Texas sind.

Das war ja mal eine langweilige Antwort. Was hättet ihr denn noch mit einem Tornado gemeinsam, abgesehen davon, dass ihr aus Texas seid?

John: Hmm... wir spielen ja meistens nicht sehr lange, und ein Tornado dauert auch nie sehr lange. Außerdem ist es auch immer eine Art Wirbelwind, wenn wir auftreten, und wir können uns hinterher nicht erinnern, was genau passiert ist.

OK, das klingt schon besser! Dann danke ich dir für das Interview!

Jan Martens

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Rezension zu "Someday This Could All Be Yours" (2009)

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