Interview

Muff Potter


Zwecks Promotion des neuen Albums "Gute Aussicht" spielen Muff Potter einen Akustik-Gig im Schaufenster von Michelle Records, Hamburgs sympathischem Plattenladen. Im Anschluss schaut Frontmann Nagel mit uns durch das metaphorische Fenster auf die Entstehung des Albums, das Texten in Mutter- und Fremdsprache und leider illusorische Weltherrschaftspläne.

Ich möchte das Interview mal ganz unkonventionell anfangen: Was findest DU, was über "Gute Aussicht" zu sagen ist? Was müssen Welt und Nachwelt wissen?

Nagel: Da erwischt du mich genau auf dem falschen Fuß. Ich mach ja momentan viele Interviews, und ich verzweifle teilweise ein bisschen daran, weil ich es schwierig finde, über die Platte zu sprechen - beziehungsweise habe ich immer, wenn ich über einzelne Songs spreche oder Linernotes nachdenke, das Gefühl, dem Song nicht gerecht zu werden. Was muss man darüber wissen....Fünf Sachen: Die Platte ist spontan, ruppig, energisch, lebensbejahend und....überlegt....na gut, vier Sachen.

Da hast du aber auch schon ein paar Aspekte angesprochen, bei denen ich sowieso noch nachgehakt hätte. Stichwort "ruppig" - das habt ihr eben auf der Bühne ja auch mehrmals erwähnt und es ist wirklich deutlich zu bemerken, dass "Gute Aussicht" wieder sehr viel dreckiger und kantiger geworden ist. Kannst du mir sagen, wie es dazu gekommen ist?

Nagel: Es liegt natürlich daran, dass wir live aufgenommen haben, aber nicht nur live, sondern wirklich eine Proberaumsituation geschaffen haben - jeder sitzt im Kreis vor seinem Verstärker, ohne räumliche Trennung. Normalerweise stehen ja auch bei Live-Aufnahmen die Verstärker in verschiedenen Kabinen, damit alle Signale fein säuberlich getrennt sind und man überall schön reingehen kann, zum Ausbessern und so. Das haben wir nicht so gemacht, und dadurch klingt es eben nicht so differenziert, sondern schmutzig und tendenziell etwas matschig. "Matschig" ist ja jetzt so ein negativ konnotiertes Wort, was es aber gar nicht sein muss, wie ich finde, dadurch wird es ja auch etwas lebendiger.

Also lag es vielmehr an der Aufnahmesituation als an den Songs?

Nagel: An den Songs auch. Wir haben ja so aufgenommen, weil wir dachten, dass die Songs das eben verlangen.

Dann kann ich jetzt zur Ursprungsfrage zurückkommen und fragen, warum gerade solche Songs entstanden sind, die dies und keine differenziertere Aufnahme verlangt haben.

Nagel: Im Prinzip einfach nur, weil wir gerne so eine Platte machen wollten. Nachdem wir zwei Platten gemacht haben, in denen wir viel mit harmonischen Gesängen und anderen Instrumenten - natürlich in unserem Rahmen als Rockband - und solchen Arrangements gebastelt haben, hatten wir nun eben Bock, das so zu machen. Nicht, weil wir das nicht mehr gut finden, sondern weil wir eben Lust auf etwas anderes hatten. Weißt du, uns gibt's ja schon so lange, und da sehe ich es auch als Herausforderung an, sich Anreize zu schaffen, etwas Neues zu machen.

Also einfach mal ein Schritt in die Gegenrichtung?

Nagel: Die Gegenrichtung würde ich das nun gar nicht nennen, sondern dass man einfach mal versucht, wie weit man Sachen auf die Spitze treiben kann. Ich habe nichts gegen Pop und Opulenz, aber das machen so viele im Moment, dass man einfach etwas anderes machen will. Ein Song wie "Alles War Schön Und Nichts Tat Weh" ist im Prinzip eine 1a-Popnummer, der auch auf Akustikgitarre funktioniert, aber auf Platte ist er der schnellste Punkrocksmasher, den wir seit langem gemacht haben. Wir hatten eben keine Lust darauf, den so zu spielen, wie man es als erstes vielleicht erwartet hätte.

Ein weiterer Aspekt deiner vier Punkte war "lebensbejahend". Ich sehe immer eine gewisse Diskrepanz zwischen Optimismus und Pessimismus in der Platte - zum Beispiel der sehr positiv klingende Albumtitel "Gute Aussicht", der aber auch stark im Kontrast des Titeltracks steht, oder auch Zeilen wie "Die Party ist vorbei, lasst uns feiern". Siehst du diese Diskrepanz auch?

Nagel: Auf jeden Fall. Das ist auch gewollt und im Prinzip auch eine Reaktion darauf, das alles immer einfach gemacht wird. Besonders in der Musik gibt es so eine Tendenz: Alles muss immer sofort zu verstehen sein, alles muss auf einen Nenner runtergebrochen werden können, alles muss eine ganz klare Aussage haben, jede Band braucht eine Corporate Identity, an der man sie sofort erkennt, im Radio dürfen bloß keine zu langen Wortbeiträge laufen, die die Leute ablenken würden, der Sänger darf auf keinen Fall schreien.....Musik wird immer mehr zu einem Hintergrundgedudel gemacht. Das ist ja eine lange Entwicklung. Mich interessiert das einfach nicht mehr. Das Leben ist halt einfach oft widersprüchlich oder absurd. Ich will, dass sich das auch in unserer Musik widerspiegelt und auch verschiedene Emotionen zugelassen werden. Es ist eben nicht alles logisch, warum sollte meine Band es dann sein? Bands, die so agieren, machen alles kleiner, als es ist.

Und meinst du denn, dass das eine aktuelle Entwicklung ist oder hat es sich an der Oberfläche nicht schon immer so abgespielt?

Nagel: Klar, das stimmt auf jeden Fall, auch wenn es insbesondere, was das Radio angeht, seit den 90ern bestimmte Entwicklungen dazu gibt, dass es immer hintergrundkompatibler sein muss. Ansonsten ist es natürlich immer so, dass versucht wird, Dinge leicht konsumierbar zu machen, und dafür ist Musik mir einfach zu wichtig.

Ist so eine Art von Mittelweg, wenn man es so nennen will, denn gleich schlecht?

Nagel: Ne, überhaupt nicht, ich steh ja auch auf Popmusik. Wir machen ja auch keine avantgardistische Musik, unsere Musik hat ja auch Melodien und Refrains, sie hat auch Größe. Wir spielen Rockmusik, das ist ein altes Genre, das ist im Prinzip die Musik unserer Väter. Deswegen will ich gar nicht so tun, als ob wir subversive Außenseiter wären. Mich als Musikkonsument zumindest reizt es mehr, wenn ich bei einer Band etwas zu entdecken habe. Das geht mir bei Büchern genauso, dass ich mir sie lieber selber erschließe, anstatt dass mir alles auf dem Silbertablett serviert wird. Das sind für mich gute Bands, das sind für mich gute Bücher. Ich bin jetzt vielleicht weit weg von deiner Frage, aber das ist für mich auch ein Grund, Diskrepanzen zuzulassen.

In diesem Fanzine, das ihr den bei eurem Label bestellten CDs mitgeschickt habt, gibt es auch ein "Fake"-Interview mit einem "Freund der Band", der meint: "Ach, Nagel muss ja nur aus dem Fenster gucken und er schreibt 'nen Text." Ist das so? Wie entstehen Texte bei dir?

Nagel: Die Grundidee ist tatsächlich so, dass ich auf einmal eine Zeile in meinem Kopf habe wie "Romantik ist nur Dummheit in Geschenkpapier" oder "Niemand will mehr Rüben ernten" und denke: Wow, das ist stark, da kann ich was draus machen. Das entsteht schon dadurch, dass ich, metaphorisch gesagt, aus dem Fenster gucke und mit offenen Sinnen durch die Welt gehe. Dann den Text zu machen ist aber ganz schnöde Arbeit, die auch manchmal frustriert. Da sitze ich manchmal wirklich Nächte oder Wochen. Es gibt auch Songs, die Jahre gedauert haben.

Es ist aber schon ein Unterschied für mich, ob du mit einer Songzeile anfängst oder aus dem metaphorischen Fenster schaust - das ist dann für mich ein abstraktes Thema.

Nagel: "Fenster gucken" meine ich so, dass meine Texte nicht im luftleeren Raum entstehen, weil ich mir fantastische Geschichten ausdenken würde oder so, sondern immer eine Reaktion auf irgendetwas sind, das ich gelesen, gesehen, gehört habe. Ich schreibe nur einen Songtext für Muff Potter, wenn ich gute Zeilen habe. Ich habe noch nie gedacht "Zu dem und dem Thema muss ich jetzt meinen Senf loswerden." Es fängt immer mit einer konkreten Zeile an, weil mir Stil wichtig ist - Inhalt natürlich auch, aber weißt du, eine Aussage zu treffen, ist relativ einfach, dafür brauche ich auch keine Lyrik oder Songtexte, keine Kunst. Bei Kunst ist die Frage: WIE schafft man diese Stimmung? Das stilistische Element daran reizt mich.

Auf der neuen Platte sind ja auch wieder sehr viele der für dich charakteristischen Wortspiele wie "Blitzkredit Bop" und "Der Platz an der Hypotheke". Geht ein Text auch manchmal so los?

Nagel: Diese Zeilen sind zum Beispiel gar nicht von mir, "Hypotheke" ist von Brami (Dem Bassisten der Band, Anm. des Autors). Es KANN ein Wortspiel am Anfang stehen, aber Wortspiele zu machen, finde ich sehr einfach. Ich hoffe aber schon, dass meine Texte keine Aneinanderreihung von Wortspielen sind, sondern mehr ein spielvoller Umgang mit Sprache. "Niemand will mehr Rüben ernten" finde ich als Bild schon interessant, und daran reizen mich dann auch die Worte "Rüben ernten". Das möchte ich dann auch singen, weil das vor mir noch keiner gesungen hat und ich nicht immer auf die selben alten Metaphern zurückgreifen möchte, "Es ist Herbst in meiner Seele" oder so, das ist schnöde und abgelutscht. Das ist eine stinkende, alte, verrottete Sprache, damit kann man nichts mehr ausdrücken.

Der Satz "Niemand will mehr Rüben ernten" ist auch schon eine Art Mikrokosmos, der die ganze Aussage des Liedes bereits in sich trägt, finde ich.

Nagel: Ja. Es gibt so einen anderen Satz in dem Lied, "Bäume ohne Rinde mit Kreuzen davor". Das ist von Brami, und wenn man das hört, hat man bereits ein Bild vor Augen, wie's in der Gegend aussieht. Discotodmarkierungen am Fahrbahnrand.

In der aktuellen VISIONS nennt man dich "Punk-Poet". Was hältst du von dem Ausdruck?

Nagel: Ich finde, das klingt ganz schrecklich (lacht). Ich habe nichts dagegen, so bezeichnet zu werden, mir ist auch egal, wie unsere Musik bezeichnet wird. Ob das nun Punk ist, oder Indie, oder was weiß ich....So höre ich keine Musik, dafür habe ich keine Zeit und keine Energie. Ich frage in Plattenläden oft Verkäufer, wo eine bestimmte Platte steht, weil ich selber nicht weiß, was das ist. Was ist "Rocket From The Crypt"? Rock? Punk? Keine Ahnung. Naja, gut, also, wenn ich über jemanden anderen lesen würde: "Der Punk-Poet", dann würde mich das abschrecken.

Glaubst du, dass der Fakt, dass du deinen Roman geschrieben hast ("Wo die wilden Maden graben", Amn. des Autors), deine Art, Texte zu schreiben, verändert hat? Schließlich ist ein Roman ja ein ganz anderes Literaturgenre als Songtexte, das eine ist der Epik, das andere der Lyrik zuzuordnen. Ich weiß ja nicht, wann du das Buch geschrieben hast...

Nagel: Das Buch ist relativ zeitnah entstanden mit den Texten von "Steady Fremdkörper". Ich kann das halt selbst immer nicht so beurteilen, daher möchte ich das an sich auch gar nicht beurteilen, aber ich glaube, dass man es da schon etwas gehört hat, dass mehr als vorher bei Muff Potter Geschichten erzählt wurden, so wie bei "Das Finkelmannsche Lachen" oder "Ich Bin Doch Kein Idiot". Das hätte ich auch alles als Kurzgeschichten nutzen können. Ich bin ja auch Autodidakt, ich hab nie gelernt, Gitarre zu spielen, zu singen, zu schreiben, ich habe das alles nur irgendwie machen wollen und mir angeeignet. Es heißt ja immer "Punkrock - Drei Akkorde und 'ne Band gründen", aber ich konnte wirklich nur drei Akkorde und habe sofort eine Band gegründet. Das ist meine Herangehensweise - Ausprobieren und am Ball Bleiben, wenn's einem Spaß macht. Da kann ich nie wirklich benennen, wie sich etwas gegenseitig beeinflusst hat.

Hat dir das Schreiben denn so Spaß gemacht, dass es Pläne für ein zweites Buch gibt?

Nagel: Auf jeden Fall. Ich habe auch schon angefangen, aber mache mir da jetzt keinen Druck. Jetzt ist erst mal Muff-Potter-Alarm, auch dadurch, dass wir die Platte selber machen, ist wirklich viel zu tun, da könnte ich nicht nebenbei noch an einem Buch arbeiten. Ich will mich da aber irgendwann dieses Jahr noch einmal dransetzen.

Von wegen "Muff-Potter-Alarm": Was ist denn aus euren Welteroberungsplänen geworden? Ihr wart ja zum Beispiel mit eurer vorletzten Platte "Von Wegen" auch im Ausland, in Japan und habt die Platte auch auf Englisch aufgenommen.

Nagel: Das sind Sachen, die man natürlich gerne macht, wenn man die Möglichkeit dazu hat, aber die Welt erobern werden wir mit deutschsprachiger Musik wahrscheinlich nicht. Das ist schade.

Naja, was Tokio Hotel und Rammstein können....

Nagel: Genau, ich würde gerne so touren können, wie Rammstein touren können, kann man so sagen. Aber bei einer deutschsprachigen Punkrockband, die wie Muff Potter auch stark über ihre Texte wahrgenommen wird, ist das natürlich illusorisch, da muss man sich nichts vormachen.

Wessen Idee war es denn, "Von Wegen" auf Englisch aufzunehmen?

Nagel: Das war die Idee von Ingo von den Donots. Der hat ja auch das Label "Solitary Man Records" in Japan, und hat uns gefragt, ob wir Bock hätten, die Platte in Japan rauszubringen und das vielleicht auf Englisch zu machen. Die Idee war eigentlich abwegig, weil die Leute dort wohl so schlecht Englisch können, dass es egal ist, ob man die Platte auf Deutsch oder Englisch herausbringt und deutsche Bands da auch ziemlich angesagt sind. Es war aber echt eine Herausforderung, das zu machen; und die Platte noch einmal neu einzusingen war wirklich aufschlussreich, weil sie auf einmal so melodisch und glatt klang - einfach dadurch, dass diese harte deutsche Sprache durch diese runde Popmusiksprache Englisch ersetzt wurde.

Hast du die Texte auch alleine übersetzt oder war das Gemeinschaftsarbeit?

Nagel: Das habe ich auch mit Ingo zusammen gemacht.

Wie schwierig war das denn? Gerade das Spiel mit der Sprache, von dem du gesprochen hast, ist ja in der Muttersprache immer sehr viel einfacher und Literatur zu übersetzen immer ein Problem.

Nagel: Ich hab's auch nicht übersetzt. Manche Lieder habe ich mehr oder weniger übersetzt, andere behandeln in etwa das gleiche Thema und haben andere Zeilen, und ein Song, "Punkt 9", hat einen komplett anderen Text. Die Thematik versteht in Deutschland schon kaum jemand, und dann im Ausland erst recht nicht. Das war wirklich eine totale Herausforderung - ich liebe die englische Sprache und bei ein paar Stellen muss man vielleicht ein paar Abstriche machen, aber an anderen gibt es auch viel mehr Wortspiele. Zum Beispiel bei "Alles Was Ich Brauch": Aus dem Original Zwischen "Never Surrender" und "License To Ill" liegt alles was ich hab' und alles was ich will wird dann Between "Never Surrender'" and "License To Ill" I found a place called home, a "Basement On A Hill" - wiederum ein Elliott-Smith-Zitat. Da sind dann in der englischen Version sogar mehr Wortspiele drin. Auch ein Lied wie "Den Haag" - If love is a battlefield, then this is your Den Haag - diese Zeile habe ich ja wirklich im Original aus einem Pat-Benatar-Song, und auf Englisch wird das dann auf einmal wieder offensichtlich.

Aber ganz allgemein - wenn wieder etwas im Ausland an euch herangetragen würde, dann gerne? Mit dem Goethe-Institut wart ihr ja auch in Afrika.

Nagel: Gerne! Ansonsten ist "Huck's Plattenkiste" (Das Muff-Potter-Hauslabel, Anm. des Autors) ja nicht gerade ein internationales Imperium.

Na, dann wünsche ich euch erstmal Glück, dass die deutschlandweite Muff-Potter-Invasion klappt und danke für das Interview!

Nagel: Danke - erst Deutschland, dann die Welt! (lacht). Mach's gut!

Jan Martens

Lesen


Rezension zu "Colorado" (2018)
Rezension zu "Gute Aussicht" (2009)
Interview (2005)

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.