Interview

Mother Tongue


Happy Birthday, Mother Tongue! 20 Jahre sind schon ein stolzes Alter, die mit einer ausführlichen Deutschlandtour und einem Interview mit helga-rockt gefeiert werden können. Thema des Gesprächs mit Sasha Popovic (Drums) und Christian Leibfried (Gitarre & (manchmal) Gesang) ist nicht nur, was sich in dieser Zeit verändert hat, sondern auch, was in Zukunft noch kommen mag. Ihr mögt doch alle Jazz?

Hey! Das ist heute der Beginn eurer ersten richtigen Tour seit längerer Zeit, oder? Ihr müsstet Deutschland ja mittlerweile fast besser kennen als die USA.

Sasha Popovic: Teile zumindest. Wir sind aber auch oft betrunken, wenn wir hier sind (lacht). Aber ja, genau. Wir haben ansonsten letztes Jahr nur zwei Shows für's VISIONS-Jubiläum gespielt, und das war's.

Ist es nicht frustrierend, wenn man auf einen komplett anderen Kontinent fliegen muss, um Menschen zu finden, die einen spielen sehen wollen?

Sasha: Nein, eigentlich gar nicht, es ist viel mehr aufregend, einmal rauszukommen. Man erlebt eine andere Kultur, isst anderes Essen, trifft andere Leute...Natürlich ist es schon etwas amerikanisiert, aber immer noch ein ganz anderes Land.

Ist es wichtig für euch, wieviele Leute ihr erreicht?

Christian Leibfried: Überhaupt nicht, solange sie ein Feedback geben – ob das nun zehn oder tausend Menschen sind. Die Hauptsache ist, dass wir eine Connection fühlen.

Ist euch denn wichtig, dass ihr spielen könnt, was ihr wollt? Ich frage, weil ja beispielsweise Jesse (Tobias, ehemaliger Gitarrist der Band, Anm. des Autors) nach seiner Bandkarriere Gitarrist bei Alanis Morrissette war und ihr euch ja auch mit allen möglichen Jobs nebenbei über Wasser haltet. Würdet ihr es auch als Job in Betracht ziehen, Musik zu spielen, die euch nicht gefällt?

Sasha: Das ist eine interessante Frage. Ich weiß nicht, ob ich dazu fähig wäre – nicht wegen des musikalischen Anspruchs, sondern weil es wahrscheinlich schwierig wäre, wenn ich keine Verbindung zu meinen Mitmusikern spüren würde. Wenn ich nichts dabei fühle, gibt es mir nicht viel, Musik zu machen.

Christian: Es ist allerdings aber auch sicher möglich, aus einer Job-Situation heraus zu spielen und trotzdem Spaß daran zu haben, mit der Band aufzutreten. Dazu muss man ja auch beispielsweise nicht die Songs selber schreiben, so spielen Sasha und Bryan ja auch bei einer anderen Band Songs, die andere erdacht haben (Gemeint ist Gitarrist Bryan Tulao, die beiden spielen bei Black Math Horseman, Anm. des Autors). Sie fühlen aber trotzdem einen guten Vibe, deswegen kann man Musik sicher auch als Job praktizieren.

Also wäre das nicht möglich, wenn ihr die Musik schrecklich fändet, die ihr spielt?

Sasha: Also, das kommt im Endeffekt auch auf die Situation an, in der ich mich befinde. Ich müsste schon ziemlich pleite sein, dann würde ich auch gut bezahlte Angebote annehmen. Am Leben zu bleiben, ist dann ja schon das Wichtigste.

Seit die Band 1990 gegründet wurde, hat Livemusik ja vielen Stimmen zufolge einen sehr viel höheren Stellenwert bekommen, da ein Konzert eben, im Gegensatz zu einem Album beispielsweise, nicht heruntergeladen werden kann. Beeinflusst das die Herangehensweise an Konzerte und Albumaufnahmen?

Sasha: Für uns nicht, denke ich, da Mother Tongue schon vor dem Wandel der Musikindustrie vorrangig eine Liveband waren. Seit ich in der Band bin, gab es eigentlich nie Momente, in denen wir für eine Livesituation geschrieben hätten. Wir beginnen höchstens, wie auf einem Konzert zu jammen und schauen dann, wohin uns das führt. So entstehen oft Songs, und dann denken wir „Okay, mal sehen wo das live hinführt“. Die Aufnahmeprozesse mögen wir auch nicht so sehr, wir spielen die Songs sowieso viel lieber live.

Ihr mögt den Aufnahmeprozess nicht?

Sasha: Naja, ganz so ist es auch nicht, es ist nur sehr schwer, das Feeling zu vermitteln, das wir live vermitteln.

Chris: Genau, bei vielen Bands muss man sich nur einmal Studio- und Livealben anhören, um zu merken, dass sie dieses Livegefühl nicht auf Platte einfangen können.

Viele Bands nehmen ja überhaupt nur Alben auf, um eine „Berechtigung“ für's Touren zu haben.

Sasha: Also, wir nehmen auch gerne Alben für unsere Fans auf, damit sie etwas haben, dass sie sich zuhause anhören können, wenn sie nicht bei unseren Shows sind. Klar machen die Aufnahmen auch Spaß, aber es hat immer etwas von einer Liebe-Hass-Beziehung, da wir eben im Studio nie das Livegefühl einfangen können, das wir eigentlich wollen.

Insofern finde ich es auch merkwürdig, dass ihr nie ein Livealbum herausgebracht habt.

Chris: Das liegt auch daran, dass wir es uns nicht leisten können. Leute, die wirklich professionelle Aufnahmen machen, sind schon teuer, das Geld brauchen wir alleine schon, um touren zu können. Die Idee kam uns aber auch schon mal.

Sasha: Ein Livealbum beinhaltet ja normalerweise auch nur alte Stücke. Viel interessanter wäre es sowieso, ein Album mit brandneuen, aber live aufgenommenen Songs herauszubringen. Wir möchten unseren Fans aber eben auch neue Songs geben, aber für Liveaufnahmen würden die sich von Konzert zu Konzert zu sehr verändern. Das ist schon komisch. Wir sind eine komische Band (lacht). Es gibt aber ja auch genügend Live-Bootlegs von unseren Shows im Internet.

Wo wir beim Internet sind: Ein Grund dafür, dass Mother Tongue 1994 zunächst für einige Jahre aufgelöst wurde, war ja auch, dass das Album nirgends erhältlich war und es daher kaum jemand kaufen konnte, was euch frustrierte. Wenn das Internet damals schon so verbreitet gewesen wäre wie heute und der Vertrieb über Amazon etc. möglich gewesen wäre – hätte das etwas am Schicksal der Band geändert?

Sasha: Ja, wahrscheinlich. Wir hatten aber schon Glück, dass uns hierzulande die VISIONS immer sehr unterstützt hat. Die VISIONS war eine lange Zeit lang quasi unser Internet.

Chris: Ja, schon seit es die Band gab, eigentlich. Eine meiner ersten Erinnerungen an Live-Konzerte beinhaltet VISIONS-Redakteure, die in irgendwelchen schäbigen kleinen Clubs backstage herumrennen, total hin und weg von der Musik sind und von ihrem kleinen Indie-Magazin erzählen. Damals war VISIONS noch klein, aber sie haben schon einen ziemlichen „Hype“ um uns erzeugt und uns in Deutschland sehr unterstützt.

Sasha: Ja, sie waren quasi unser Amazon, wenn man das so sagen will. Natürlich bietet das Internet heute ganz neue Vertriebsmöglichkeiten, aber sie haben uns mehr oder weniger die Mother-Tongue-Kerze angezündet.

Ist das Internet im Allgemeinen denn eurer Meinung nach für die Musiker eine eher gute oder eine eher schlechte Sache?

Sasha: Vorrangig denke ich, dass das einfach nicht in unseren Händen liegt. Es ist natürlich schade, dass die Tage vorbei sind, an denen Hörer heiß darauf waren, eine Vinyl oder eine CD als physisches Produkt in den Händen zu halten. Aber wir haben darüber eben keine Kontrolle und wissen auch nicht, was wir deswegen machen könnten.

Chris: Es gibt natürlich positive und negative Seiten. Musiker können ihre Musik eben viel leichter unter das Volk bringen, auch wenn sie damit dann kein Geld machen. Dafür denke ich aber, dass die Livemusik dank des Internets wieder auf dem Vormarsch ist. Zuvor mussten viele Bands einfach gute Musik produzieren und keine Ahnung mehr davon haben, wie man sie live spielt. Oft sah man dann nur eine Liveversion eines fertig produzierten Albums, und da bedeutet Livemusik für uns eben mehr. Für uns muss eine Show schon ein Erlebnis sein, bei dem wir die Musik zu einem lebendigen Organismus werden lassen.

Es ist also wieder wichtiger für Bands geworden, auch live gut zu sein?

Beide: Absolut, ja.

Jetzt haben wir ja schon über die Vergangenheit und Gegenwart geredet, nun ist die Zukunft dran. Die beiden neuen Songs, die auf eurem Best Of in der VISIONS zu hören sind, klingen wieder mehr nach dem Debüt. War das eine bewusste Entscheidung?

Sasha: Nein, war es nicht. Es ist aber gerade eine ganz lustige Situation, weil du der erste bist, mit dem wir überhaupt über die neuen Songs reden – das ist unser erstes Interview in mehreren Monaten. Dass die Songs mehr so klingen, ist uns wohl noch gar nicht aufgefallen.

Chris: Der Kreislauf ist abgeschlossen, wir sind nach 20 Jahren wieder am Anfang angelangt (lacht).

Also gibt es 2028 ein neues „Follow The Trail“?

Beide: Ja, genau (bekommen sich nicht mehr ein vor Lachen).

Sasha: Vielleicht auch ein „End Of The Trail“ (hört nicht auf zu lachen).

Wird es Mother Tongue denn in 20 Jahren auch noch geben?

Sasha: Weiß man nie, Mann. Vielleicht spielen wir dann Jazz (beide fangen sofort wieder an zu lachen). Eine Jazzversion von jedem Song.

Chris: Weiß ich auch nicht, aber wir sind ja fast schon eine Bruderschaft und sehr enge Freude. Auch wenn es die Band einmal nicht mehr geben wird, wird das für unsere Freundschaft nicht gelten. Es ist ein Bonus, überhaupt gerade hier sein zu können. Die VISIONS hat uns wieder hierher gebracht. Wenn uns noch mehr Menschen unterstützen – um so toller! Es wäre wirklich toll, nächstes Jahr mit einem neuen Album wiederkommen zu können. Aktuell denken wir aber Tag für Tag.

Hoffentlich dann noch kein Jazzalbum! Danke für das Interview!

Sasha: Genau, hoffentlich nicht (beide lachen sofort wieder los). Danke!

Photo by Travis Shinn

Jan Martens

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