Interview

Karnivool


Bereits zum zweiten Mal gastieren Karnivool im Hamburger Logo, um ihren Prog-Rock-Monolithen "Sound Awake" vorzustellen. Wir treffen uns mit Gitarrist Drew Goddard und blicken mit ihm in Vergangenheit und Zukunft – neben einem Resümée von 2010 fragen wir den sympathischen Australier nach neuem Material aus und erfahren, was sicherlich nicht darauf zu hören sein wird.

Hallo Drew! Alles klar bei dir?

Drew: Ja, wir sind gerade mitten in unserer zweiten Europatour dieses Jahr. Mit Paris und Amsterdam ging's los, wo wir unsere jeweils ersten Auftritte gespielt haben, danach Deutschland und die Schweiz, bevor wir die Tour im UK abschließen. Dann geht's zu Weihnachten zurück nach Australien.

Und was werdet ihr dann in Australien machen? Habt ihr schon mit neuem Material angefangen?

Drew: Ja, das haben wir. 2011 wird ein kreatives Jahr für uns werden, damit wir Album #3 fertigstellen können. Wir sind aber noch an einem frühen Punkt.

Mit "Sound Awake" wolltet ihr ja ein komplexes Album schreiben, das seine Zeit braucht, bis man es vollständig durchdrungen hat. Wollt ihr diese Richtung weiter verfolgen?

Drew: Wir wollen auf jeden Fall weiterhin Musik schreiben, die uns selber fordert und ebenso auch die Hörer. Um zu sagen, wie das genau aussehen wird, ist es aber noch zu früh, wir wollen uns auch selber keine Richtung vorschreiben, die das Ganze zu nehmen hat. Wir haben natürlich immer Ideen, aber die schmelzen dann mit der Zeit erst zu einem großen Ganzen zusammen.

Wenn du davon sprichst, dass die Musik euch fordern soll: Was genau ist denn der fordernde Teil beim Songwriting? Wenn man einen zehnminütigen Song wie "Change" hat, ist, den Punkt zu finden, an dem man fertig ist, doch sicher ebenso schwierig wie der eigentliche Schreibprozess.

Drew: Ja, beim Songwriting weiß man oft selber nicht so genau, was man macht und stolpert sozusagen erst einmal durch die Dunkelheit. "Change" fing zum Beispiel ursprünglich komplett anders an, dann schrieben wir den Refrain – wenn man das so nennen will – und den Jampart in der Mitte. Die Teile nahmen wir dann erst einmal auf und setzten uns dann knapp sechs Monate später noch einmal ran und schrieben einen komplett anderen Anfangspart. Der Song hat also quasi ein Jahr gebraucht, um zusammen zu wachsen. Dass ein Jampart schon sehr früh steht, ist aber relativ normal. Schwierig ist es häufig, in der Mitte eines Songs zu entscheiden, wohin sich der Song weiter entwickeln soll, wenn man so viele Optionen hat. Man hat vielleicht den Anfang und das Ende, aber der Weg dazwischen ist das Schwierige.

Ein Mitglied von The Mars Volta meinte einmal, dass die größte Herausforderung für sie vielleicht wäre, einen einminütigen Song zu schreiben, also schnell auf den Punkt kommen zu müssen. Kannst du das nachvollziehen?

Drew: Wir haben ja sogar einen einminütigen Song für "Sound Awake" geschrieben, "The Medicine Wears Off", auch wenn der teils eine Überleitung von einem anderen Song zum nächsten darstellt. Ansonsten geht es uns da wahrscheinlich auch wie The Mars Volta: Das kann wirklich schwierig sein.

Ein Song auf "Sound Awake", "Set Fire To The Hive", sticht relativ heraus, da er eben keine langen Jamparts enthält, sondern ziemlich direkt nach vorne geht.

Drew: Naja, wir hatten ja schon immer einen recht harten Hintergrund. Aggressionen raus lassen zu wollen ist auch immer ein Teil unserer Musik gewesen, und dieser Song war dann das Ventil für diese angestauten Gefühle. Am Anfang stand da dieser Gitarrenpart, der nach summenden Bienen – oder auch nach Polizeisirenen – klang. Daraufhin hatte ich ein Bild einer Bienenkönigin gemalt und "God Save The Queen" darunter geschrieben, daraus entstand dann die Idee des Liedtitels "Set Fire To The Hive", und das Lied beschäftigt sich ja auch mit Infragestellungen von Autoritäten und hat einen recht anarchistischen Inhalt: Nothing's wrong but I'm on fire.

Mit einer Zeile wie I spit in the face of your God ist das Lied ja auch ziemlich anti-religiös. Aber fungiert Musik für viele nicht auch als eine Art Religion?

Drew: Definitiv. Diese Zeile hatte einfach für sich genommen einen gewissen Klang, und es geht uns auch nicht um Religion im Speziellen. Wir haben nichts gegen religiöse Menschen, viel mehr gegen Institutionen und Hierarchien an sich, die man auch in der Religion wiederfindet. In der Politik gibt es diese zum Beispiel ja ebenso. Befreiungen aus diesen Hierarchien interessieren uns.

Viele sind aber ja auch glücklich damit, einen genauen Platz in einer solchen Hierarchie zu haben, da gibt es ja nicht nur schwarz und weiß.

Drew: Klar. Im Großen und Ganzen ist es uns vorrangig wichtig, alles potentiell in Frage zu stellen. Auch viele Religionen bieten natürlich interessante Ideen, gerade auch in spiritueller Hinsicht. Am wichtigsten ist es eben, einen offenen Geist zu bewahren.

Das bringt mich wieder zurück zum Thema des neuen Materials: Wenn ein Album so erfolgreich war, wie es "Sound Awake" gerade in Australien war, gibt es stets Leute, die bereits an der Startlinie stehen, um alles Neue sofort scheiße zu finden.

Drew: Das lässt sich nicht vermeiden. Das hat uns aber nie soviel bedeutet – es ist immer schon schwierig genug, uns selbst mit unserer Musik zufrieden zu stellen. Das ist schon genug Druck für uns, weiterer Druck wäre definitiv zu viel.

Was ihr gerne beibehalten könnt: Ihr seid, glaube ich, die einzige progressive Rockband, bei der nicht in einem, sondern sogar zwei Songs ein Xylophon zum Einsatz kommt!

Drew: Es ist lustig, dass du das erwähnst. In der High School habe ich Musikkurse belegt und musste Xylophon spielen – das fiel unter "Percussion" und kam in der Abschlussklausur dran. Ich habe mir damals vorgenommen, nie wieder ein Xylophon anzufassen. Und jetzt sind es die ersten Töne, die du auf "Sound Awake" hörst! Das hat also nicht funktioniert. Da es einerseits sehr melodisch, andererseits aber auch schnell und sehr scharf klingt, passte es einfach perfekt, gerade in Verbindung mit dem verzerrten Bass am Anfang von "Simple Boy". Diese Kombination ist toll.

Bei uns musste man in der Grundschule Blockflöte lernen, was immer fürchterlich klang. Gibt es irgendein Instrument, das du so sehr hasst, dass du seine Nutzung für eure Musik boykottieren würdest?

Drew: Wir haben in Australien ein ganz ähnliches Instrument, das bei uns Recorder heißt und das als Kind auch gelernt werden musste. Es klingt einfach so fürchterlich schrill. Dem könnte ich wirklich nichts abgewinnen, aber wer weiß? Ich bin beim Xylophon ja auch schon vom Gegenteil überzeugt worden.

Okay, zum Abschluss – und da das Jahr sich dem Ende zuneigt – noch ein paar Best-Of-Fragen. Zunächst: Drei Alben des Jahres?

Drew: Das ist ziemlich schwer dieses Jahr. Zunächst fällt mir da eine Band namens Intranaut ein, die ein neues Album namens "Valley Of Smoke" herausgebracht haben. Sie machen progressiven Metal und haben ein paar sehr interessante Ideen, da sollte jeder einmal reingehört haben. Weiterhin "The Age Of Adz" von Sufjan Stevens. Das ist Wahnsinn, das bringt mein Hirn zum Platzen (lacht). Das Album ist so ambitioniert. "Illinois" war ja schon großartig, aber dieses Mal spürt man auch in jeder Zeile regelrecht die Sorgen, die diesen Mann plagen, das ist manchmal nicht leicht zu hören. Was noch....Ich komm später darauf zurück und schreib dir eine eMail, ok? In einer Stunde wird mir sowieso ein drittes Album einfallen und ich werde mir an den Kopf schlagen, dass es mir nicht sofort eingefallen ist (lacht).

(Anm. des Autors: In der Tat antwortete Drew per Mail auf unsere Rückfrage: 'Schmeiß "Diamond Eyes" von den Deftones mit dazu – nicht von vorne bis hinten ein Meisterwerk, aber wenn man sich vor Augen hält, was die Band durchgemacht hat, um diese Platte heraus zu bringen...')

Okay – schlechtester Gig, den ihr dieses Jahr gespielt habt?

Drew: Bei mir war das wohl der in Paris vor ein paar Tagen. Da hab aber nur ich beschissen gespielt und der Rest der Band hat diese Beschissenheit wieder recht gut wettgemacht (lacht). Die meisten Shows waren aber schon ziemlich gut, bis auf eine in Sacramento, bei der der Sound einfach nicht hingehauen hat. Allgemein können wir uns aber nicht beschweren.

Und eine letzte Frage: Arschloch des Jahres.

Drew: Da nehm ich einen Landsmann von mir, Rupert Murdoch. Ein riesiges Arschloch. Der hat dieses Jahr eigentlich nichts Herausstechendes getan, aber es ist furchtbar, dass er so eine riesige Kontrolle über die Medien hat und dabei so selbstsüchtig ist. Damit ist er natürlich nicht der einzige, aber ich wäre überhaupt nicht traurig, wenn er tot umkippen würde.

Photo: Kane Hibberd

Jan Martens

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