Interview

Junip


José González und seine Mannen haben in den letzten Monaten mehr Kilometergeld gefressen als jeder Bahnschaffner. Zeit für uns, ihnen mal auf den Zahn zu fühlen, wie es Junip während dieser ersten gemeinsamen großen Tour ergangen ist, wie es um den Nachfolger zu "Fields" steht und welche Zukunftsgedanken man sich heutzutage als Musiker machen muss.

Ihr tourt jetzt schon über ein Jahr. Wie fühlt man sich denn nach zwölf Monaten nonstop on the road?

José González: Wir stehen jetzt unmittelbar vor einer längeren Pause, in der wir auch neues Material aufnehmen werden, und die wird uns gut tun. Von Zeit zu Zeit waren wir ziemlich geschlaucht in den letzten Wochen. Andererseits gehört das ja auch zu dem, was wir unbedingt machen wollen: unterwegs sein und unsere Musik spielen.

Tobias Winterkorn: Genau. Wenn man auf Tour geht, weiß man auch eigentlich, auf was man sich da einlässt. Da braucht man dann nicht nach ein paar Monaten rumjammern und nach Hause wollen.

Ihr kennt euch untereinander ja jetzt auch schon sehr viele Jahre und dennoch war diese lange Zeit, die ihr miteinander auf Tour verbracht habt, relativ neu für euch. Gab es da noch Dinge, die ihr nicht voneinander wusstet und die erst mit dieser Tour ans Tageslicht gekommen sind?

José: Es stimmt, was du sagst. Wir kennen uns schon ewig, aber es war die erste richtige Tour zusammen und der erste größere Zeitraum, den wir ununterbrochen miteinander verbracht haben. Das Leben als Band unterscheidet sich schon sehr von dem "normalen" Leben, das man sonst lebt. Von daher war das für uns eine ganz neue Erfahrung, die uns natürlich auch viele neue Dinge an uns selbst erkennen ließ.

Tobias: Und es sind nicht nur Dinge, die man an den anderen erkennt, sondern auch neue Seiten an sich selbst, die man entdeckt. Mir fällt jetzt gerade kein konkretes Beispiel ein, aber es ist, als ob man sich selbst von außen betrachten würde. Das ist eine Lebenserfahrung, die ich auf jeden Fall jetzt, wo ich sie kenne, nicht missen wollen würde.

Eine weitere positive Erfahrung für euch muss auch der Erfolg eures Debüt-Albums "Fields" gewesen sein. Wart ihr etwas überrascht über die vielen guten Kritiken und die große Aufmerksamkeit, die euch plötzlich zuteil wurde?

Tobias: Naja, es ist nicht so, dass wir jetzt so richtig groß rausgekommen wären. In den USA kennt uns zum Beispiel niemand. Daher sind wir eher so semi-groß (lacht). Aber trotzdem freuen wir uns natürlich darüber, dass so viele Leute unsere Platten kaufen und zu unseren Shows kommen. So etwas hofft man im Vorfeld vielleicht immer, aber wenn es dann eintritt, ist man doch ein wenig überrascht.

Fühlt ihr nun einen gewissen Druck, wenn ihr an das Songwriting und die Aufnahmen der neuen Platte denkt?

Tobias: Unmittelbar nachdem wir mit "Fields" fertig waren, dachte ich mir: "Oh Gott, das wird ein hartes Stück Arbeit, noch ein mal so ein Album aufzunehmen." Nach all diesen Monaten bin ich aber jetzt der festen Überzeugung, dass die zweite Platte noch viel besser werden kann. Mit all diesen Erfahrungen, gerade auch was das Spielen der Instrumente angeht – ich hab in meinem ganzen Leben noch nie so intensiv Piano gespielt, wie über das vergangene Jahr hinweg – haben wir alles an Bord, was es braucht, um ein zweites Album einzuspielen.

José: Ja und darauf bin ich schon richtig gespannt. Wir haben für die "In Every Direction"-EP ja schon zwei B-Seiten eingespielt. Bei der Session entstanden aber gleichzeitig auch noch einige weitere Songs, von denen es sicher einige auf die nächste Platte schaffen werden. Das alles geschah sehr schnell, weil wir jetzt wissen, wie man richtig Songs aufnimmt. Der ganze Prozess, vom Jamming bis zum fertigen Song, hat sich unglaublich beschleunigt. Daher freue ich mich auch auf die nächsten Aufnahme-Sessions, weil ich nun weiß, dass wir alles reibungslos hinbekommen werden.

Wer kommt denn mit den Aufnahmen als erstes ins Ziel? Junip oder José González solo?

José: (lacht) Da müssen wir mal schauen, wer schneller mit der Musik fertig ist, denn die Lyrics kommen eigentlich immer ganz am Schluss. Im Moment hat die Band vielleicht die Nase ein wenig vorne, würde ich sagen. Aber mal schauen, da kann sich noch vieles ändern!

Wisst ihr denn schon, ob ihr das Album wieder ganz alleine produziert?

Tobias: Ja, eigentlich schon. Aber wir sind da etwas vorsichtig, weil es immer gut ist, eine vierte oder fünfte Meinung einzuholen. Daher werden wir auf jeden Fall jemanden engagieren, der das Ganze als eine Art Supervisor überwacht.

Habt ihr euch schon mit konkreten Namen auseinandergesetzt?

José: Auf "Fields" hat diese Rolle schon unser Sound Engineer Don Alsterberg übernommen und wir haben auch bereits bei ihm angefragt, ob er das noch einmal machen möchte. Er hat ein gutes Ohr für Dinge, die uns Musikern manchmal verborgen bleiben. Ich hoffe, er hat wieder Lust, aber ich bin da sehr zuversichtlich.

Und wie sieht es mit Gastsängern/Gastsängerinnen für das Album aus?

José: Gastbeiträge oder Cover sind so Dinge, die uns nicht wirklich interessieren...

Tobias: ...es sei denn, wir wollen bei einem bestimmten Song eine Flöte oder ein anderes Instrument dabei haben, das wir selbst nicht spielen können. Dann ist das aber natürlich auch "nur" ein befreundeter Musiker und keine Berühmtheit.

José: Richtig, aber definitiv niemanden an den Vocals.

Okay, weil ich mir nämlich ein paar Gedanken dazu gemacht hatte und ich fände, dass Matt Berninger von The National sicherlich gut mit Josés Stimme harmonieren würde.

Tobias: Könnte ich mir auch gut vorstellen! Vielleicht sollten wir ihn mal fragen? (lacht)

José, für die Medien bist du ja auch so etwas wie die Hauptperson bei Junip und das resultiert dann darin, dass sie dir viel mehr Aufmerksamkeit schenken, als Tobias oder Elias (Araya – Drummer). Hast du dabei manchmal ein unwohles Gefühl?

José: Das ist ganz schwierig zu sagen. Dieses Ungleichgewicht bei der Aufmerksamkeit kommt eigentlich nur zum Tragen, wenn wir live spielen, weil ich dann als Sänger auf der Bühne stehe und die Leute sich dann vielleicht auch aufgrund meiner Solo-Musik noch einmal stärker auf mich fokussieren. Da denke ich mir manchmal schon, dass eigentlich die anderen Jungs auch mal so im Vordergrund stehen sollten. Andererseits bin ich nun mal eben der Hauptsänger und kann daher die Rolle als Frontmann schlecht von mir abstreifen. Im Grunde beschäftigt mich das aber nicht so sehr, als dass ich ein ungutes Gefühl dabei hätte.

José hat es erwähnt, für ihn ist das Leben als Vollzeit-Musiker nichts Neues, wohingegen du, Tobias, vorher als Lehrer gearbeitet hast. Auch Elias war mit seinem Kunststudium anderweitig beschäftigt. Siehst du deinen neuen Lebensstil als Musiker als eine längerfristige Angelegenheit?

Tobias: Das hoffe ich sehr. Ich wollte immer Musik machen und mein Geld dadurch verdienen. Daher werde ich hart daran arbeiten, diesen Lebensstil so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Solange es sich gut anfühlt, ein Jahr zu touren, ein Jahr Musik aufzunehmen und wieder ein Jahr zu touren, sehe ich keinen Grund, irgendwas zu ändern.

José: Man muss ja auch nicht sein ganzes Leben von der Musik allein abhängig machen. Es ist auch möglich, irgendwelche anderen Jobs nebenher auszuüben und trotzdem ab und an im Studio zu sein oder mit einer Band zu touren.

Bleiben wir bei dem Thema. Früher haben sich Musikerkarrieren nicht selten über Dekaden erstreckt, während sich heutzutage viele Bands nach wenigen Jahren auflösen oder Solokünstler nach kurzer Zeit in der Versenkung verschwinden. Müssen Musiker heutzutage mehr an ihre Zukunft denken als früher?

Tobias: Ich würde nicht sagen "mehr", sondern "anders". Heutzutage kann im Prinzip jeder Musik machen. Es ist nicht schwer und auch nicht sonderlich teuer. Deswegen gibt es auch so viel Musik da draußen. Der Trick ist vielmehr der, konstant Aufmerksamkeit zu erregen. Das schafft man nur, wenn man in kurzen Zeitabständen immer wieder neue Songs und neue Alben veröffentlicht, damit man den Leuten gar nicht erst die Gelegenheit gibt zu vergessen. Früher konnten sich Bands locker mal drei oder vier Jahre zurücklehnen. Das geht heute definitiv nicht mehr. Wer von Musik leben will und seine Zukunft davon abhängig macht, muss eine Workaholic-Mentalität entwickeln. Nur so hat man eine Chance.

Benjamin Köhler

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Rezension zu "Junip" (2013)
Rezension zu "Fields" (2010)
Konzertbericht (2010)

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