Interview

Jamie T


„Aschenbecher? Asch einfach auf den Boden, wenn du rauchen willst, mach ich auch.“ Jamie T wirkt schon etwas sympathisch asozial, wie er in zerrissenen Jeans und Trainingsjacke im Backstage-Raum des Hamburger Grünspan sitzt (der schöne Teppich!) , eine Ziese nach der anderen raucht und seine Ausführungen gerne mit dem einen oder anderen Four-Letter-Word garniert. Seinen sympathischen Cockney-Akzent kann man dabei zwar nicht verschriftlichen, aber zumindest thematisieren – ebenso wie Jugend und Erwachsenwerden und Mr. Treays' heimliche Talente.

Gibt es irgendwelche merkbaren Unterschiede zwischen den Fragen, die Journalisten aus dem UK und andere Journalisten dir stellen?

Jamie T: Ja, die gibt es – in den UK scheint es manchmal sehr viel dümmere Fragen zu geben. Ich komme ja aus England und daher scheinen die Menschen in der Musikszene immer das Gefühl zu haben, dich über jemand anderen zu kennen und sind sehr an Gossip interessiert. In anderen Ländern, Japan zum Beispiel, wird sehr viel mehr tatsächlich nach der Musik gefragt. 

Wenn ich Artikel aus dem deutschsprachigen Raum über dich lese, scheint dein Cockney-Akzent immer ein Thema zu sein – er muss auf einige wohl irgendwie exotisch wirken oder so. Ist er auch ein Thema, wenn du in andere Gegenden Englands kommst, wo Cockney weniger weit verbreitet ist?

Jamie: Nicht wirklich. Es ist auch lustig, was Leute „Cockney-Akzent“ nennen, denn für einen Londoner hätte ich zum Beispiel keinen Cockney-Akzent. Ich komme aus Südwestlondon und Cockney kommt aus dem Osten. Im Ausland wird der Akzent in Südengland als Cockney-Akzent angesehen. Mike Skinner zum Beispiel ist ursprünglich aus Birmingham in Nordengland! So richtig „Cockney“ ist das auch nicht.

Für mich wirkt jede Art von Akzent auch immer sehr „Down-to-earth“, nicht wie das piekfeine Queen's English. Das steht ja vielleicht in einer Verbindung mit diesem Image als „Stimme der Mittelklasse“ oder gar „Poet of a Brokeback Britain“, das du hast und das dir sehr auf die Nerven zu gehen scheint?

Jamie: Ja, das tut's auch irgendwie, denn das bin ich nicht. Das ist etwas, mit dem Leute Zeitungen verkaufen wollen. Ich möchte für niemanden sprechen, ich schreib' nur Musik über mich selbst. Das haben dann Leute für sich beansprucht und daraus gemacht, dass ich verdammte Songs über „echte Menschen“ schreiben will oder so einen Scheiß. Ich will mit Sicherheit kein Sprecher für irgendein Britannien sein und für ein kaputtes schon gar nicht.

Die Presse scheint immer das Bedürfnis zu haben, potentielle Identifikationsfiguren zu finden.

Jamie: Ja, und in Schubladen und Genres zu denken. Die sollen machen, was sie wollen, ich bin auch kein Journalist und weiß nicht, wie ich es schreiben würde. Wahrscheinlich würde ich es auch ähnlich machen. Ich versuche, mir nicht zu viele Gedanken zu machen. 

Gefällt dir das Konzept „Identifikationsfigur“ allgemein nicht?

Jamie: Das ist eben nicht das, was wir tun, dieses „Brokeback Britain“ oder was auch immer. Das ist ein ziemlich beschissener Kommentar und deswegen mag ich das Label nicht. 

Hattest du irgendwelche Vorbilder, als du aufgewachsen bist?

Jamie: Ich war sehr viel jünger als viele meiner Freunde, weil ich zwei ältere Brüder habe. Ihre Freunde waren dann meine Vorbilder. In der Musik hatte ich auch welche. Die Beastie Boys zum Beispiel. Alles wirkte so spaßig, ihre Musikvideos und so. Wer noch....Nein, das war's.

Wo wir gerade vom Aufwachsen sprechen: Du warst ja auch recht jung, als „Panic Prevention“ rauskam. Glaubst du, dass Erfolg in so jungem Alter mehr dazu beiträgt, dass man schneller erwachsen wird, oder einen eher noch eine Weile länger jung sein lässt?

Jamie: Ich denke, ein bisschen von beidem. Es ist eine ziemliche Achterbahn, drei Jahre meines Lebens waren total verrückt und chaotisch. Daher denke ich, dass es dazu führt, dass man manche Lektionen schon früh lernen muss. Viele Leute erledigen Sachen für dich und versuchen, dich, wenn du jung bist – und ich fühle mich übrigens immer noch jung – auszunutzen. Man ist irgendwann mit allen Wassern gewaschen und hat einen starken Willen, und da bin ich froh, das so früh gelernt zu haben. Andererseits verbringe ich jetzt schon eine ganze Zeit damit, mit meinen Freunden herum zu reisen und Musik zu machen, und daran ist überhaupt nichts erwachsen. Diese Medaille hat zwei Seiten.

Hältst du dich für einen reifen Menschen?

Jamie: Nein. Ich hab mehr von einem Achtjährigen. An sich will man auch nicht zu schnell aufwachsen, sondern solange wie möglich jung bleiben. 

Das erinnert mich an den Song „Sticks & Stones“ von deinem aktuellen Album, in dem die Situation geschildert wird, wenn man merkt, dass Freunde aus Jugendtagen, mit denen man damals im Park gekifft hat, nun Aktienmakler mit Frau und Kind sind.

Jamie: Ja, genau. Ich habe auch – aufgrund der Musik – den Kontakt zu vielen Leuten verloren. Wenn man dann nach 18 Monaten von einer Tour zurückkommt, haben Freunde auf einmal richtige Jobs und man denkt nur: „Wow. Als ich dich zum letzten Mal gesehen hab, warst du ein Wrack, und jetzt hast du eine Familie.“ Manchmal gehen solche Dinge schneller, als man es gerne hätte, was auch irgendwie schockierend sein kann. 

Je älter man ist, desto schneller scheint die Zeit auch zu rennen, oder?

Jamie: Yeah. Ich habe einen Freund – ein ziemlicher Hippietyp – , der mir das mal wie folgt erklären wollte: Wenn du zwei Jahre alt bist, beinhaltet dein Konzept von Zeit eben nur zwei Jahre – sobald du zehn bist, kommt es einem schneller vor, weil die gleichen Zeitspannen im Vergleich kürzer wirken. Daher ergibt es Sinn, dass die Zeit schneller zu vergehen scheint, wenn man älter ist. Aber mein Freund ist verrückt, also weiß ich nicht, ob das stimmt. 

Da ich ja schon „Kings & Queens“ – zumindest einen Song – erwähnt habe: Konntest du irgendetwas nicht realisieren, das du gerne getan hättest?

Jamie: Nein, ich denke nicht. Ich hatte am Anfang ein paar Ideen, aber rückblickend waren die wohl nicht besonders gut und hätten sowieso nicht funktioniert. Zuerst hatten wir die Idee, ein Konzeptalbum zu schreiben, aber das langweilte mich ziemlich schnell. Akustischen, folkigen Kram. Im Endeffekt haben wir alle im Studio rumgedaddelt, ich denke, dass wir so auch am besten arbeiten können. Es ist besser, im Kleinen anzufangen als sofort an das Gesamtbild zu denken. Ich bin zufrieden mit dem Album, wie es nun ist.

Ich habe gelesen, dass du die Idee eines Akustik-Albums aufgegeben hast, weil du dich selbst für keinen besonders brillanten Gitarrenspieler hältst.

Jamie: Ja, genau. Das frustriert mich manchmal, wenn ich Songs schreibe, aber ich versuche zu lernen. Ich spiele andere Songs nach und lerne dadurch neue Akkorde. Vielleicht beim nächsten Album.

Wenn du kein besonders guter Gitarrenspieler zu sein glaubst – worin bist du denn dann richtig gut? Nicht nur auf die Musik bezogen. 

Jamie: (lacht) Keine Ahnung, Mann. (denkt lange nach) Ich kann ziemlich gut reden (lacht). Lange. Ich bin ein guter Wingman (Ein „Wingman“ ist jemand, der einem Freund dabei hilft, Mädels aufzureißen, Anm. des Autors). Da gibt es Regeln. Man muss nett sein....sich gut in die richtigen Situationen drängen können...Man ist wie ein Möbelstück: Hauptsächlich da sein, wenn man gebraucht wird. Ich finde, das ist ein Talent.

In Deutschland gibt es eine Redewendung: „Wer ficken will, muss freundlich sein.“

Jamie: Wer ficken will, muss freundlich sein....Hmm. Ich weiß nicht. Die fiesen Typen kriegen meistens die Mädels, die netten nicht.

Es bringt aber auch nichts, einen auf fies zu machen, wenn man eigentlich nett ist.

Jamie: Das stimmt, das stimmt. Mädels durchschauen diesen Scheiß. Wenn du ein netter Typ bist – sei ein netter Typ. Wenn du ein Arschloch bist – man, dann verpiss dich. 

Eine Weisheit, nach der es sich zu leben lohnt – vor allem, wenn man wie Jamie T definitiv zu Gruppe 1 gehört. Und so schlimm kann das mit der Leistung auf der Akustikgitarre auch nicht sein – ansonsten würde Herr Treays sein darauf folgendes Set kaum mit der akustischen B-Seite „St Christopher“ beginnen und auch später immer mal wieder zur Holzklampfe greifen. Bescheidenheit ist auch eine Zier – wenn man nicht gerade als Wingman tätig ist.

Photo by Alex Sturrock.

Jan Martens

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Rezension zu "Kings & Queens" (2009)
Rezension zu "Panic Prevention" (2007)

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