Interview

Fjørt


"Es ist einfach so der Peak des Glücks..." Fjørt touren mit ihrer aktuellen Platte "Kontakt" durch die Lande und lassen zum Tourabschluss ordentlich den Schweiß von der Decke des ausverkauften Molotows tropfen. Wir treffen die Band vor dem Konzert im Backstage des Clubs und reden über ihre Heimatstadt Aachen, Flitterwochen und, naja, Dieter Bohlen.

Der Auftritt heute ist der letzte der Tour. Wie ist es bisher gelaufen? 15 Termine ohne Off-Day sind ja bestimmt nicht ohne.

David: Das Befinden ist gut, allerdings gab es Höhen und Tiefen. Frank und ich sind verschont geblieben, aber Chris hatte nach vier Tagen den Niedergang, es aber irgendwie durchgehalten. Heftig war, dass es auch unsere Crew einmal reihum umgelegt hat und einige für Tage mit Grippe ausgefallen sind. Ansonsten haben wir uns aber gehalten.

Aachen war nicht im Tourplan, ihr seid aber noch dort ansässig und schreibt auch dort eure Musik. Viele Bands verschlägt es ja häufig bei steigendem Erfolg in Städte wie Hamburg oder Berlin. Was hält euch in Aachen?

David: Wir als Band sind der Meinung, dass man sich in größeren Städten gerne mal verläuft. Man geht auf Partys, lernt Leute mit neuen Projekten kennen und startet neue Sachen – alle ein bisschen, aber man kommt dann mit keinem wirklich nach vorne. Bei uns in Aachen ist dann die Sache, dass es relativ wenig bis gar nichts gibt, du aber trotzdem alles hast. Nur, dass es eben nicht den Druck oder die Verlockung gibt, Dienstag Abend jetzt noch in einem Techno-Schuppen zu versacken. Dadurch kannst du dann unheimlich gut und gezielt arbeiten. Deswegen fühlen wir uns da sehr, sehr wohl.

Was mich zuerst an Aachen erinnert, ist die Band Pale. Die waren damals ebenfalls beim Grand Hotel van Cleef. Wie kam es bei euch zu diesem Deal mit dem GHvC? Ihr hattet doch bei Charming Man Records sicher auch ein gutes Zuhause?

David: Erstmal zu Pale: die waren wohl der Ursprung für uns, überhaupt Musik zu machen. Ich höre die Platten immer noch rauf und runter und war auch bei der Abschiedsshow und so weiter. Eine unfassbar gute Band. Und das war auch das erste Kennenlernen des Grand Hotels, weil Pale dort halt gesignt waren und man dadurch auch auf das Label gestoßen ist. Als dann zehn Jahre später der Bumerang kam und das GHvC auf uns zukam und eine Platte machen wollte, unterhält man sich nicht mehr lange über Deals oder Verträge. Es ist dann einfach eine große Ehre, da sein zu dürfen.

Größeres Label, mehr Konzerte. Ihr bedient ja ein Genre, das auch noch häufig von Idealen getragen wird und schnell mal "Ausverkauf" schreit. Ist euch das bereits um die Ohren geflogen, gerade weil ihr ja auch zum "größeren" Label gewechselt seid?

David: Ich glaube, das gibt es. Wir sind allerdings damit noch nicht konfrontiert worden. Es hat uns bisher noch niemand Sell-Out-Band auf die Seite geschrieben beziehungsweise uns ins Gesicht gesagt. Aber wir merken das in Bezug auf andere Bands, wenn sich eine Band weiter entwickelt, Konzerte ausverkauft und Platten verkauft, und sich dann da eine Distanz entwickelt. Und es auch Leute der ersten Stunde gibt, die dann sagen, dass es ja jetzt alles nicht mehr echt sei. Ich finde diese Haltung sowas von falsch, weil wir als Band immer noch das Gleiche machen wie früher. Wir schreiben Songs und Platten und legen es nicht drauf an, dass es größer wird. Wir haben uns kein Pop-Kochbuch von Dieter Bohlen besorgt, wie man eine Hook schreibt. Wir machen einfach nur Musik, die uns gefällt – es kommen mehr Leute, was uns sehr freut und was die Band natürlich auch weiterbringen kann. Mehr Leute bedeutet für eine Band nämlich gleichzeitig besseren Sound, mehr Licht und Entwicklungspotential. Manche wollen das halt nicht akzeptieren. Die wollen ihre Band vor 50 Leuten im JUZ sehen. Darüber darf die Band nicht hinauskommen, weil natürlich nur sie diese Perlen kennen wollen. Das sind so typische egoistische Anflüge, die mal aus der Szene kommen.

Das typische "ich kannte sie schon, bevor sie Mainstream geworden sind"-Geschwafel.

David: Genau! Ich habe es mal verglichen, dass die Szene ihre Band in meterdicke Szenewände packt. Sie möchte ihre Band nicht rauslassen und sie soll nicht vor mehr Menschen spielen. Andere Bands, die auf der anderen Seite der Wand stehen, lassen sie wiederum nicht rein, was für mich teilweise ein bisschen Selbstbetrug ist. Wenn ich eine fantastische Platte höre, dann ist es doch egal, welcher Name draufsteht – ich höre das gerne. Wenn man da schon eine Schranke zieht, sollte man es mit dem Hören von Musik doch lassen.

Kommen wir mal zur Platte: Wenn man sie zum ersten Mal in der Hand hält, sieht man dieses Urlaubsfoto mit der Blindenschrift und dem Titel "Kontakt". Wie bringt man das zusammen? Es bietet ja viel Interpretationsspielraum.

Chris: Interpretationsspielraum ist uns generell sehr wichtig. Es stand halt zuerst dieses Wort "Kontakt" als Albumtitel fest. Dann kam irgendwann die Idee mit der Blindenschrift auf, weil es einfach ein schönes Symbol dafür ist, dass man Sachen wirklich anfassen muss, anstelle sie nur von weitem anzusehen. Zum Cover: Wir hatten vorher eine komplett andere Idee,. Weil das Album wieder sehr Fjørt-typisch ist, eher negativ und melancholisch angehaucht, wollten wir erst ein schwarz-weißes Cover. Bis wir dann irgendwann bei David in die Wohnung kamen und dieses wunderbare Foto da rumstand. Da haben wir dann gleich mal nachgehakt und es stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein Foto seiner Eltern in deren Flitterwochen ist. Und selbst ein paar Tage später geisterte dieses Fotothema noch rum – was steckt da für eine Geschichte hinter, wann haben sie es aufgenommen etcetera. Sie sehen einfach so glücklich aus auf diesem Bild. Dann wurde uns relativ schnell klar, dass dieses Foto von allein viel mehr aussagt, als irgendein gestelltes Cover es kann. Da waren wir uns sicher, dass es ein wunderbares Album-Cover ist. Auch weil es einen großen Kontrast zum Inhalt der Musik darstellt. Es ist halt genau das Gegenteil und zeigt das pure Glück, was zwei Menschen finden können, wenn sie in Kontakt treten und zusammen was aufbauen. Und da wir gerne mit Kontrasten arbeiten, war es für uns relativ schnell klar, dass es dieses Cover sein muss. Es ist ein "echtes" Foto aus einer "echten" Lebenssituation, was man so überhaupt nicht nachstellen kann.

David: Es ist einfach der Peak des Glücks, den man so erreichen kann.

Und als ich dann den Metal Hammer aufgeschlagen habe und zwischen den ganzen düsteren Covern unser Cover gesehen habe, habe ich es schon sehr gefeiert.

Sind sämtliche Fotos aus dem Booklet aus den Flitterwochen deiner Eltern?

David: Ja. Ich habe meine Eltern gefragt, und da sie auf den Fotos ja sowieso keiner mehr erkennt, haben sie uns da super unterstützt, die Alben aus der Zeit gegeben und unsere Designerin hat sich dann ausgetobt und das Booklet dann so Magazin-mäßig zusammengebaut.

Was diente, neben den leider tagesaktuellen Themen von "Paroli" und "Abgesang", als thematischer Überbau der Platte? Gab es da ein Grundthema, oder sind es eher Momentaufnahmen von einzelnen Begebenheiten?

Chris: Ja, jeder Song ist eigentlich eine Momentaufnahme einer speziellen Geschichte, aber den Überbau bilden grundsätzlich zwischenmenschliche Geschichten. Geschichten, die irgendwie zwischen zwei Menschen ausgetragen werden, die in irgendeiner Beziehung stehen: Eltern/Kind-Beziehung, partnerschaftliche Beziehung und so weiter. Jedes dieser Stücke auf "Kontakt" erzählt eine kleine Geschichte, die einer von uns erlebt, und dann in irgendeiner Form lyrisch aufgearbeitet hat. Es ist vielleicht nicht sofort erkennbar, woran ich da in diesem Moment gedacht habe, weil es schon sehr spezielle Geschichten sind, die vielleicht in einem intimen Gespräch mal hochgekommen sind. Ich zitiere dann tatsächlich auch gerne Gesprächsfetzen von den Leuten, oder eben Dinge, die ich Leuten gerne sagen würde.

David: Das Bild von Fjørt ist auch immer, nicht Leute mit einem Text auf einen bestimmten Lebensweg oder eine Lebensart hinzuweisen. Das ist alles viel zu autoritär und machen schon genug Leute. Wir wollen eher Phrasen aufwerfen und sehen, ob es was bei einem auslöst, oder eben nicht. Bei den Songs "Abgesang" und "Paroli" ging das eben nicht. Das sind Themen, die diesen Spielraum einfach nicht zulassen. Ich könnte mich nicht mit einem Faschisten an einen Tisch setzen und seine Meinung grundsätzlich als OK empfinden. Dazu sind diese fundamentalistischen und faschistischen Bewegungen einfach gerade zu präsent.

Gerade bei einem Song wie "Paroli" fällt einem sofort dieser wuchtige Sound auf. Wie seid ihr "Kontakt" musikalisch angegangen? "D'accord" war ja schon ein ziemlicher Brocken. Wie verhindert man da, sich zu wiederholen?

David: Indem man sich Zeit lässt. Wir haben das nach jeder Platte, dass wir "leergezockt" sind. Wir haben uns Anfang des letzten Jahres mit Booking und Management zusammengesetzt und festgelegt, nur ein paar Perlen-Festivals zu spielen. Ein ganzes Jahr Ruhe haben und nicht eben jedes Wochenende auf der Straße und Shows spielen wie bei "D'accord". Wir hatten Zeit, haben Probewochenenden gemacht, probiert, aufgenommen, verworfen, etcetera. Man hat den Kopf dann einfach sehr frei und kann gut arbeiten. Das hat der Platte sehr viel Luft gegeben.

Chris: Es hat sich einfach über die Zeit aus kleinen Fragmenten zusammengefügt, sodass die Songs über die Zeit gewachsen sind und man hat sich noch mehr ins Detail gestürzt. Das hat der ganzen Sache sehr gut getan. Wir hatten auch am Anfang Songs, die dann klangen wie eine "D'accord"-B-Seite. Die haben wir dann aber relativ schnell wieder verworfen. Irgendwann ist man dann wieder warmgelaufen und hat neue Ideen, zum Beispiel den Einsatz eines Klaviers und einfach neue Elemente verbauen, damit man eben nicht Gefahr läuft, sich zu wiederholen.

Sönke Holsten

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Rezension zu "Kontakt" (2016)
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