Interview

Einar Stray Orchestra


"Wie schaffen wir es, die Welt zu retten?", fragen sich Einar und Ofelia von Einar Stray Orchestra. In der heilen Welt während des Interviews haben sie einige gute Antworten darauf gefunden. Wenn wir die ernst nehmen, wird das sicher was. Immerhin hat Einar ja auch eine tolle Stimme, weil er jahrelang fleißig Angebranntes gegessen hat. Was es damit auf sich hat, welche Wahrheiten und Unwahrheiten die Band außerdem beschäftigen, welche Superkräfte sie gerne hätten, und vieles mehr lest ihr hier.

"Zwischen Torte und Tatort", so heißt die Veranstaltungsreihe in Bielefeld, die hält, was sie verspricht: Konzerte am Sonntagnachmittag, die man sich nach dem Kuchenessen und vor dem Tatortschauen anhören kann. Einar Stray Orchesttra freut die frühe Uhrzeit sehr, denn sie sind hellwach und motiviert, als das Konzert los geht. Genauso auch das Publikum, das die Musik so sehr würdigt, dass es während der Stücke mucksmäuschenstill und der Applaus nach den Stücken dafür umso überwältigender ist. Und weil draußen noch die Sonne scheint und alles so entspannt ist, nehmen sich Einar und die Band nach dem Konzert auch noch Zeit für ihre Fans. Eine ganze Gruppe ist zum Beispiel aus Detmold angereist. Die haben an der Hochschule für Musik dort Stücke von Einar Stray Orchestra im Seminar analysiert. Nun haben sie die Gelegenheit genutzt, diese nicht nur live anzuhören, sondern auch noch mit den Musiker_innen darüber zu sprechen. "Das ist schon ziemlich cool! Es könnte ein Lebensziel von Musikmachenden sein, dass die eigenen Stücke in einer Schule analysiert werden. Darauf sind wir sehr stolz!", erzählt Ofelia Østrem Ossum, Cellistin der Band. Einar Stray Orchestra sind selbst gut darin, ihre eigenen Stücke bis ins kleinste Detail auseinander zu nehmen und zu analysieren. Selbst die Setlist von Ofelia ist eine kleine Interpretation der Songs. Statt der Namen der Songs hat sie darauf zu jedem Song ein Assoziationsbild gezeichnet. "Die einzelnen Zeichnungen sind das, was mir als erstes in den Sinn kommt, wenn ich an einen Song denke. Jeder unserer Songs hat seine eigene Zeichnung. Für den Song 'Last Lie' habe ich den Arbeitstitel in der Zeichnung. Er hieß mal 'Diamond Slippers'. 'Seen You Sin' hat einen Mittelfinger und Augen, die das Sündigen des Mittelfingerzeigens gesehen haben", erzählt Ofelia und lacht. "Mein Lieblingssymbol ist das für den Song 'Caresed', es ist einfach nur ein Smiley, weil es so ein fröhliches Lied für uns ist. Vor allem früher, als sonst alle Songs in Moll geschrieben waren, war das unser Happy-Song!", erzählt Einar grinsend.


Setlist // Foto-Credit: Lukas Haese

Vom letzten Interview mit Sookee gibt es drei Fragen von Sookee an die Band. "Was ist schöner: Einschlafen oder Aufwachen?" ist die erste. Einar weiß sofort die Antwort: "Es ist wunderbar aufzuwachen. Es ist immer ein neuer Anfang, ein neuer Tag." "Ich bin das Gegenteil", erzählt Ofelia. "Ich bin sehr, sehr lange wach und freue mich dann übers Einschlafen. Wenn ich dann wieder aufwachen muss, ist es meist sehr schwierig. Aber ich liebe es, wenn ich ohne Wecker ausschlafen kann. Am schönsten wäre es, immer lange wach zu bleiben und trotzdem morgens fit zu sein." Das gleicht ja schon fast einer Superkraft – die nächste Frage geht auch genau in die Richtung: "Welche Superkraft hättest du gern?" Ofelia: "Ich würde gerne fliegen können! Das Gefühl zu fliegen muss unglaublich und befreiend sein!" "Ich will so schnell sein können wie sonst niemand auf der Welt. Dann könnte ich auch super schnell überall hin kommen und die langweiligen Sachen könnte ich super schnell hinter mich bringen", träumt Einar. "Wieso? Weshalb? Warum?" heißt Sookees letzte Frage. "Die Antwort ist natürlich 42!", antwortet Ofelia und alle müssen lachen. "Es ist immer gut, Dinge zu hinterfragen!", erzählt Einar. "Ich habe mal Philosophie studiert, weil ich die Hoffnung hatte, dass mir Fragen dadurch beantwortet werden. Aber ich habe nur noch mehr Fragen bekommen." "Wir fragen uns auch 'Warum?', wenn wir Musik machen. Wir haben oft so viele Ideen, dass wir an einem bestimmten Punkt die Songs hinterfragen müssen: So sortieren wir aus und machen die Songs so, wie sie sein sollen."

In den Songs selbst geht es Einar Stray Orchestra auch immer wieder darum, die Gesellschaft und die eigene Sozialisation zu hinterfragen. Gab es bestimmte Dinge, die die Bandmitglieder von ihren Eltern erzählt bekommen haben, von denen sie im Nachhinein heraus gefunden haben, dass sie Quatsch waren? "Ich habe viele Jahre geglaubt, dass ich, wenn ich angebranntes Essen esse, eine bessere Stimme bekomme! Meine Mutter hat mir das beim Lagerfeuer erzählt, wenn etwas richtig doll angebrannt war. Nun weiß ich, dass das sogar krebserregend ist! Als ich es vor ein paar Jahren meiner Mutter erzählt habe, war sie verwundert, dass ich überhaupt jemals daran geglaubt habe", erzählt Einar und muss viel lachen bei seiner Geschichte. "Meine Mutter hat auch so etwas erzählt! 'Wenn du die Kruste vom Brot isst, wirst du lockige Haare bekommen!' Bei meiner Schwester hat es funktioniert, die hat Locken. Bei mir hat es leider nicht geklappt", erzählt Ofelia amüsiert. "Ich habe natürlich den Anspruch, später zu meinen eigenen Kindern ehrlich zu sein und ihnen möglichst viele Freiheiten zu gewähren. Auch, wenn ich weiß, dass das super schwierig sein wird", meint Einar. Aber erstmal ist es auch gar nicht geplant, dass jemand in der Band ein Kind bekommt. Dafür ist der Respekt, mit Kind auf Tour zu gehen, zu groß. "Es gibt einen Dokumentarfilm über das Touren von Thee Silver Mt. Zion, der 'Come Worry With Us!' heißt. Es geht darum, wie sie damit umgegangen sind, dass sie ihr Kind mit auf Tour gebracht haben, was ziemlich aufregend war." Ofelia war selbst als Kind auch mit ihrer Mutter auf Tour. Die macht im Trio Mediæval immer noch erfolgreich Musik. "Am besten war es, als ich zwölf war. Da war ich auf der UK-Tour dabei. Das war sehr, sehr cool!"


Bühnenbild // Foto-Credit: Lukas Haese

Einar Stray singen viel über das Leben in Oslo und die Hassliebe zur Stadt. "Es ist verrückt, ich gehe eine Straße entlang und habe eine super schöne Erinnerung an einen Ort, gehe weiter und denke: 'Oh, shit, hier hat meine Freundin mit mir Schluss gemacht!' Es ist ein ständiges Auf und Ab, die Stadt ist voller Erinnerungen, da wir dort so lange und intensiv gelebt haben", erzählt Einar. Darum drehen sich auch einige Songs um die Erfahrungen dort. Die Songs für das aktuelle Album "Dear Bigotry" hat die Band schon vor zwei Jahren geschrieben, als hätten sie vorausgeahnt, was kommt. "Sie passen so gut in die aktuelle Zeit. Menschen werfen mit Fake News um sich, was extrem gefährlich ist. Aber wir selbst sind auch ein Teil davon. Wir teilen Informationen im Internet, von denen wir glauben, dass sie die Wahrheit sind und vergessen die Komplexität der Welt. Social Media ist eine super Sache, aber es kann auch sehr gefährlich sein. Ich habe viele Statistiken gelesen in letzter Zeit, in der Hoffnung, darin mehr Wahrheit zu finden. Es gibt zum Beispiel Zahlen darüber, die belegen, dass es für Norwegen sogar von Vorteil ist, Geflüchtete aufzunehmen. Auf der anderen Seite haben wir auch Politiker, die den Hass gegen Geflüchtete schüren wollen. Manche Leute glauben ihnen, obwohl die Fakten anderes belegen. Auf der anderen Seite regt es mich aber auch auf, dass Menschen außerhalb von Norwegen denken, dass bei uns alles in Ordnung ist. Die norwegische Bevölkerung wurde gerade zur glücklichsten auf der Welt erklärt. Wer hat uns gefragt? Wir sehen das nicht so, es gibt auch im Land selbst viele Probleme. Depression, Engstirnigkeit und Fanatismus sind Probleme – und auch der Fakt, dass Norwegen unglaublich viele Waffen exportiert und damit Kriege unterstützt, das wird oft nicht gesehen."


Ofelia und Einar // Foto-Credit: Lukas Haese

Was brauchen wir denn dann, um die Welt zu retten? "Oh, das ist ganz einfach zu beantworten!", witzelt Einar. "Die klassische Antwort wäre: Liebe! Wir müssen einander wieder menschlicher behandeln. Liebe, Gleichheit, Bildung und Kultur, das sind die Antworten. Ich habe die Hoffnung, dass in 100 Jahren die meisten Grenzen geöffnet sein werden." "Das denke ich auch. Viele vergessen, dass wir alle Menschen sind! Wir haben alle Gefühle und Bedürfnisse", meint Ofelia.

Die Frage, wie man die Welt retten könnte, geben Einar und Ofelia an die nächste Band weiter. Außerdem empfehlen sie die Serie "SKAM", die gerade in Norwegen und dem Rest der Welt sehr populär ist. "Es wird immer tiefgründiger und sie haben ein richtig gutes Timing, was die Themen angeht. Außerdem spielen sie mit sozialen Medien, denn die Charaktere in der Sendung haben alle einen Instagram-Account und so. Es ist ziemlich cool!" Also, alle SKAM anschauen!

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Dear Bigotry" (2017)
Rezension zu "Politricks" (2014)

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