Interview

Astra Kid


Wir betreten das "Schick&Schön", die Kulturlounge in der ehemaligen Wartehalle des Mainzer Südbahnhofes. Im Backstagebereich (dem ehemaligen Fahrkartenschalter) sitzen Astra Kid und amüsieren sich über die falsche, aber denoch lärmende Bahnhofsuhr. Obwohl wir aufgrund des Virginia-Jetzt-Viruses noch vollgepumpt mit Tabletten sind, genehmigen wir uns ein Begrüßungsbierchen. Sänger Pele beendet sein Telefongespräch um eine freudige Mitteilung weiterzuleiten: "Wir sind Helden machen in der TV Spielfilm Werbung für AOL und Judith hat ein Astra Kid T-Shirt an." Dann werden Christian und Marc zum Essen geschickt, damit Pele und Andre uns ein paar Fragen beantworten können.

Bleiben wir doch gleich bei den Helden. Mit denen ward ihr vor kurzem auf Tour. Wie kamt ihr dazu die Helden zu supporten?

Pele: Da gab es mehrere Faktoren. Erstmal hatte jede Band irgendwie die Chance da mitzuspielen, dann haben die halt den Booker den wir früher hatten und ich glaube die fanden die CD auch ganz gut. Das es so lustig wird, wussten wir auch vorher nicht.

Als ihr als Support gebucht worden seid, war "Die Reklamation" da schon erfolgreich oder war das vor dem Hype?

Pele: Das war irgendwie vorher schon. Da waren auch irgendwie kleinere Läden gebucht, in Köln Prime Club hieß das und Frankfurt Batschkapp, das wurde dann später komplett ausgedehnt, der Booker durfte quasi sämtliche Konzerte noch mal neu buchen. Köln, E-Werk, ausverkauft, wenn man da steht, das ist natürlich toll.

Früher habt ihr mit Virginia Jetzt getourt.

Pele: Electric Club und Virginia Jetzt, damit hat es ja angefangen mit der ganzen Misere. Das ist jetzt eineinhalb, ach nee, es ist ja schon wieder Winter, zwei Jahre her. Das war auf jeden Fall die lustigste Tour, da kann fast nur noch die Wir sind Helden Geschichte mithalten.

Zuletzt habt ihr die Stereophonics begleitet. Wie war das?

Pele: Oh, das war auch sehr schräg. die haben auch richtig Rock'n'Roll, das hab ich auch so noch nicht erlebt. Die sind halt auch unterwegs und wenn eine Tür abgeschlossen ist, wird nicht geklopft, sondern erstmal versucht einzutreten. Und das bei einer Eisentür.

War das auch diese verfluchte Vorband Geschichte oder hattet ihr mit denen schon Kontakt?

Pele: Das Problem war, die hatten ja dieses Schlagzeuger-Problem und hatten sich zwischendurch mal in die Haare gekriegt, auch mit dem Black Crows Schlagzeuger jetzt. Ich war glaub ich der einzige von uns, der mal Kontakt mit denen hatte und das ging dann hauptsächlich darum, das unser Bier leer war. Weil die soviel hatten, das sie es gar nicht schaffen konnten und ich dann noch ein paar Bier geschnorrt habe. Wir hatten uns halt die ganze Zeit vorgenommen ein Abend noch was zu trinken, aber beim letzten Mal letzte Woche in München haben wir es wieder nicht geschafft.

Kann es sein das die Stereophonics so ein bisschen die Heros jeder deutschen Indierockband sind? Bis jetzt waren die in all unseren Interviews irgendwie Gesprächsthema.

Pele: Für uns war das eher so: "Wir supporten die halt jetzt!" Das war auch alles wesentlich kleiner als mit Wir sind Helden. Was die Herausforderung für uns war, war, dass wir wesentlich mehr Englisch sprechen mussten. Was anfangs dazu geführt hat, das wir erstmal gar nichts gesagt haben.

Andre: Die Backgroundsängerinnen waren sehr gesprächig.

Pele: Die dachten halt auch wir wären wer weiß wie groß. Die haben dann halt gefragt: "Wo ward ihr denn schon so überall? Ward ihr schon in London und habt da ein Konzert gegeben?" Und wir so: "Mmmh, Nö!"

Gäbe es eine Band für die ihr wahnsinnig gerne mal Support spielen würdet?

Pele: Das Problem ist, die Band, mit der wir gerne zusammen touren würden, wären quasi schon die Queens Of The Stone Age. Wahrscheinlich würden wir da komplett untergehen. Für mich wäre es sonst noch Beck und ansonsten Foo Fighters.

Naja, vielleicht wird das was. Immerhin haben die Queens Surrogat aus dem Vorprogramm genommen, weil die ihnen "zu hart rockten!"

Pele: Echt?

Andre: Wenn wir davor spielen würden, würden wir glaub ich ausgebuht werden und Christian's schlimmste Befürchtung wird eintreten: Wir würden beworfen werden.

Pele: Aber das ist gut, dann könnten wir von vornherein mit so Bauarbeiterhelmen auftreten.

Andre: Das wär auch ein super Video für ein Lied. Wenn man die ganze Zeit beworfen wird, in so einem Schutzanzug ein Konzert spielt und dann halt filmt, hätte man nachher ein super Video. Das ist ein ganz großer Traum von mir: Endlich mal richtig ordentlich beworfen zu werden. Auf jeden Fall mit Steinen oder leeren Flaschen oder so was.

Das neue Album heißt "Müde, Ratlos, Ungekämmt". In welcher Hinsicht ratlos?

Pele: Eigentlich durchgehend, weil wir so einen Zustand erreicht hatten, wo wir dann gar nicht wussten, ob wir überhaupt noch eine Platte veröffentlichen werden und einfach die ganze Zeit willkürlich durch die Gegend gefahren sind. Was im Endeffekt auch nicht soviel gebracht hat, außer dass die Leute sagten: "Ihr hattet vor zwei Jahren mal 'Planet der Affen'." Bis wir dazu kamen in Eigenproduktion eine Platte zu machen, bis zu diesem Punkt waren wir schon sehr ratlos. Wir mussten viel lernen, bevor man weitermacht und auch mal Eigeninitiative ergreift.

Hat die Plattenfirma Druck gemacht?

Pele: Ne, das nicht mal. Wir waren einfach unorganisiert. Wenn man auch noch aus einem Ort wie Datteln kommt, hat man nicht direkt so die Verbindung zu den Leuten, wo man dann auch sagen kann: "Gut, wir machen jetzt eine Platte!" Wir mussten halt Kontakte knüpfen, obwohl wir Sven auf dieser besagten Tour mit Virgina Jetzt kennen gelernt haben und irgendwann haben wir uns mit dem eingeschlossen. In dieser Phase davor ist halt auch "Müde, Ratlos, Ungekämmt" entstanden.

Wenn man euch vom Sound her mit den anderen deutschen Indiebands vergleicht, wirkt euer Sound wesentlich härter.

Pele: Es ist halt teilweise schon auf die Fresse. Das ist uns aber auch wichtig. Vielleicht ist das diese gewisse Härte die man aus dem Ruhrgebiet mitkriegt.

Wir haben uns die Texte durchgelesen und festgestellt, dass die Texte sehr komplett wirken. Es bleiben irgendwie keine Fragen offen.

Pele: Ist ja auch irgendwo Quatsch. Man kann halt Sachen kompliziert ausdrücken und allen ein Fragezeichen auf die Stirn malen, aber wenn man es direkt sagt ist es auch wesentlich einfacher. Ich schränk das ja nicht ein, ich lass das nach hinten ja offen, aber es ist mir wichtig verstanden zu werden. Es gibt beim nächsten Album auch wieder Stücke die schon nachdenklicher sind, aber nach der ganzen Zeit hat ich auch schon die Schnauze voll intellektuelle Texte zu schreiben. Manchmal möchte ich einfach direkt verstanden werden und dann weiß ich auch woran ich bin. Das weiß ich sofort und das weiß ich nach dieser Platte. Und entweder es finden die Leute scheisse oder richtig gut, es gibt halt nicht so ein Zwischending. "Teletubbiepoesi" war einer der geilsten Artikel den ich gelesen habe. Da sieht man auch wo die Kritiker ihre Position setzen. Ich glaub das teilweise die Leute einfach nur Platten verlangen, die nur Germanistik-Studenten verstehen können und dann fühlen die sich super, weil sie die einzigen sind, die das verstehen können und dann schreiben sie eine gute Kritik.

Es muss ja auch nicht immer so kompliziert sein, wie bei Blumfeld oder Tocotronic.

Pele: Die alten Tocotronic sind ja auch in der einfachsten Sprache gehalten. Das war auch so mit ein Grund, was mich damals bewegt hat deutschsprachige Musik zu machen: Gitarrenhändler ihr seid Schweine!

Ist die Hamburger Schule ein großer Einfluss in eurer Jugend gewesen?

Pele: Also schon prägend während des Musikprozesses und während der Identifikationsphase, wo man sich selbst definiert eher Nirvana oder Sonic Youth. Das war der Grund deutschsprachig zu machen.

Andre: Die Richtung in die wir uns textlich bewegen wollen.

War das von Anfang an klar, dass das Projekt deutschsprachig wird?

Pele: Man muss halt überlegen in wie fern man wirklich beim ersten Mal ganz am Anfang gedacht hat das es ernsthaft wird. Ich mein, der erste Text den wir ausprobiert haben war "Reis mit Soße" (Pele fängt an zu lachen) und das war noch sehr Punk angehaucht. Das war dann Fun-Punk Schiene und ganz egal. Irgendwann kam dann spätpubertäre Depression mit hoch und dann kann man sehr gut traurige Lieder schreiben.

Könnt ihr euch erklären warum es derzeit ein so großes Verlangen nach deutschsprachiger Musik gibt?

Pele: Es gab jederzeit eine deutschsprachige Band die ganz weit oben war. Gut, diese Überbrückungszeit mit Echt und Atemlos wollen wir mal ganz schnell vergessen, aber Blumfeld oder Tocotronic waren auch immer noch da. Es hieß ja immer das deutschsprachige Musik bis jetzt tot wäre, nur weil es jetzt so einen Überschwall gibt. Aber das sind alles Bands die es schon ewig gibt. Wir machen das jetzt seit acht Jahren und machen das jetzt einfach weiter. Da können auch zwei Leute eine Platte kaufen und wir werden wahrscheinlich noch eine machen.

Der Musikexpress hat vor zwei Monaten die Rückkehr des deutschen Pop ausgerufen...

Pele: Das ist aber totaler Quatsch! Smudo hat in der Produktion "Pop2000" etwas sehr schlaues gesagt und zwar das alles mehr oder weniger in Dekaden abläuft. Es gab für jede Musikrichtung immer eine Phase. Es gibt dann halt diese Hochphase und irgendwann sind alle übersättigt, dann flacht das wieder ab. Und dann hören wieder alle englischsprachige Musik, weil sie sich doch nicht so gerne mit den Texten auseinandersetzen. Und genauso wird das jetzt auch wieder bergab gehen und es wird halt Überbleibsel geben.

Seht ihr euch mit den anderen momentanen Bands als Bewegung?

Pele: Man lernt sich halt kennen und das ist sehr nett, weil alle auch sehr normal sind.

Aber als deutschsprachige Band hat man es im Moment schon leichter. Englischsprachige deutsche Bands haben es wesentlich schwerer.

Pele: Thees Uhlmann hat wohl mal gesagt, in Deutschland muss man deutschsprachige Musik machen, um überhaupt irgendwie wahrgenommen zu werden. Und an diesem Satz ziehen sich jetzt alle deutschsprachigen Bands hoch. Und englischsprachig, ja gut, für Miles ist es jetzt nicht so gut gelaufen. Readymade, die machen jetzt Pause. Ähhm ... Blackmail! Die haben ihre Fanbase!

Andre: Jeanette!

Was haltet ihr von der Deutschquote?

Pele: Total lächerlich, entweder selbst drauf kommen und machen, aber eine rechtliche Grundlage was gespielt werden muss ist Quatsch! Das ist mein Statement!

Und wie lautet dein Statement zum momentanen Verkaufs-Problem? Habt ihr ein Problem, wenn sich auf dem Konzert einer die Platte kauft und zehn die sich brennen?

Pele: Find ich okay! Grundsätzlich find ich das okay, weil man so im Gespräch bleibt.

Glaubt ihr, dass die Industrie mit Kopierschutz und hohen Preisen vielen Bands ein Grab geschaufelt hat?

Pele: Die Labels verdienen gar nicht mehr so viel. Wenn man sieht was die Händler, die die Platten ankaufen, später noch draufsetzen, da ist man fast bei einer hundertprozentigen Preissteigerung. Und das ist eine Frechheit. Ich finde da sollte man anfangen, dass die Plattenläden vielleicht sich auch mal Mühe geben, die Platten, die sie bestellen ein bisschen mehr zu featuren.

Ihr habt neben eurer Homepage ein digitales Tourtagebuch im Netz stehen.

Pele: Ach das Tourtagebuch. Das sind die Jungs die auch unser Video gemacht haben. Damit haben wir gar nichts zu tun, das sind Freunde von uns. Irgendwann kam halt mal die Idee auf, dass die auch mitfahren. Die waren halt die ganze Zeit über dabei und deswegen sind da auch diese schrägen Interviews teilweise drauf. So in der Form, das jeden Abend upgedatet wurde, das gab es auch vorher noch nicht. Die Jungs wollen das glaub ich auch ausbauen und für andere Bands irgendwann machen.

Merkt ihr einen Publikumsunterscheid?

Pele: Die Sache ist irgendwie das wir hauptsächlich in Süddeutschland gebucht werden.

Andre: Im Süden kommen halt mehr Leuten zu den Konzerten ist uns aufgefallen, als bei uns in der Heimatstadt. Im Süden ist man für verschiedene Arten von Musik wesentlich offener, die gehen auch mehr ab auf Konzerten. Und im Osten läuft es auch ganz gut, hab ich das Gefühl.

Was hört ihr so im Moment?

Pele: Ich find Tomte live super, hab aber immer noch keine Platte. Es ist immer noch so, dass bei mir Die Sterne "Posen" auf Heavy Rotation läuft. Ich hab da halt echt so meine Lieblingsplatten und es gibt momentan einfach nichts, was mich wirklich so vom Hocker reisst. Ich find aber ein paar Sachen von Kettcar super. Das sind auch Bands die mich live immer überzeugt haben, ich glaub das ich das eher daran fest mache momentan. Wenn ich aber eine Platte im Angebot sehe, kauf ich mir mal eine. Ich hab mir vor kurzem Travis' "The Man Who" geholt.

Die neue Travis schon gehört?

Pele: Die neue noch nicht, ich hab nur das Video gesehen, das find ich super. Da prügeln die sich die ganze Zeit. Das wäre DAS Video für uns gewesen.

Und sonst so an englischsprachiger Musik?

Pele: Das letzte was mich wirklich vom Hocker gerissen hat, war die Mars Volta wo ich ständig den Titel vergesse.

Andre: Die würde ich auch gerne mal live sehen.

Pele: Der Sven hat die gesehen und fand die scheisse.

Habt ihr die neue Strokes schon gehört?

Pele: Ja, ich meine die Platte ist gut, die finde ich richtig gut.

Andre: Ich hab die beim Marc gestern noch gehört, die erste find ich auch grandios und ich war auch mal im Kölner E-Werk auf einem Konzert und das kam wie Playback rüber. Ich war so enttäuscht, das war echt das enttäuschendste Konzert in meinem ganzen Leben. Wirklich, ist kein Scherz jetzt.

Pele: Das Problem war: Live waren die super, aber es war eins zu eins übersetzt. Das macht dann ein Konzert auch langweilig. Das einzige was wirklich sympathisch war, war, dass er nicht wusste, dass er in Berlin war, er musste wirklich eine halbe Minute überlegen wo er jetzt ist. Ich weiß ja auch nicht was die an Drogen nehmen.

Wisst ihr immer in welchem Ort ihr gerade spielt?

Pele: Es gibt Tage wo ich schon noch überlege.

Außer Hotel und Spielstätte bekommt man von den Städten ja auch nicht viel mit.

Pele: Wenn, dann ist es mittlerweile von unserem Schlagzeuger und meinem Bruder Sport geworden, sich die Zoos der jeweiligen Städte anzugucken. Da kommen sie halt mittags bevor wir losfahren wieder und sagen wir haben diese Tiere gesehen.

Andre: Thema Nummer 1 im Bus, wenn wir wieder zurückfahren.

Pele: Das sind auch unsere Tierspezialisten irgendwie. Wir haben auch irgendwann angefangen die Autobahnfauna zu entdecken, wo es dann so Winkevögel gibt zum Beispiel. Die liegen immer an der Seite und lauschen ob Autos kommen und winken.

Und was macht ihr sonst so auf den Fahrten von Ort zu Ort?

Andre: Streit ist immer eine gute Möglichkeit sich die Langweile zu vertreiben. Oder man setzt Körperdünste raus. Das passiert aber meistens vorne im Wagen und Pele und ich sitzen meistens hinten.

Pele: Der Fahrer kann das sehr gut, der sitzt normalerweise ganz hinten bei Konzerten und spielt Schlagzeug. Und im Winter ist es echt hart zu touren, weil da kann man nicht eben mal kurz das Fenster aufmachen.

Schreibst du auf Tour schon Songs?

Pele: Ich hab meistens so Phrasen, die ich die ganze Zeit mit mir rumschleppe und die trage ich wenn ich Ruhe habe zusammen, meistens auch mit einer Gitarre zusammen.

Wie sieht es bei euch mit Festivals aus?

Pele: Oh, wir kamen mal auf dem Taubertal-Festival unter. Das gab's den besten Backstagebereich den wir je erlebt haben. Damals hatten die irgendwie super Sponsoring und das war wirklich das die Backstage ein Zelt mit Masseurinnen hatten und ein Whirlpool und solche Sachen. Wir hatten vorher gesagt, wir wollen kein Hotel, aber dafür Backstagepässe für alle 3 Tage. Wir haben als Opener gespielt und danach...

Andre: ...gelebt!

Carsten Roth

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