Interview

Angus & Julia Stone


Im Backstage-Raum des Kampnagel-Theaters nehmen sich Angus und Julia Stone Zeit, mit uns über ihren Umzug nach London, die Verbindung von Musik und Literatur und andere Themen zu sprechen. Obwohl der eher schüchterne Angus einen Großteil der Unterhaltung an seine große Schwester delegiert, erweisen sich die beiden trotzdem als freundliche und sympathische Gesprächspartner.

Das ist heute die erste Station einer großen Europatour für euch, stimmt's? Seid ihr aufgeregt?

Julia Stone: Ja, ja, das sind wir!

Was macht ihr denn, um euch auf Tour die Zeit zu vertreiben? Schreibt ihr Songs?

Julia: Naja, wir haben den Großteil der letzten drei Jahre auf Tour verbracht, und das Touren ist ein großer Teil unseres Lebens geworden, da ist es ganz natürlich, dass dort viele der Songs geschrieben werden, backstage oder so.

Ich hatte nämlich gelesen, dass sich, wenn ihr Songs schreibt, jeder von euch in seine eigene kleine Welt zurückzieht. Ich kann mir vorstellen, dass dies das Songschreiben schwieriger gestalten dürfte, da euch dann nicht mehr soviel individueller Freiraum zur Verfügung steht.

Angus Stone: Manchmal ist das wirklich so, denn manchmal braucht man einfach Platz, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, und das ist auf Tour dann in der Tat schwieriger.

Wird dadurch das Schreiben erschwert?

Julia: Das kommt darauf an – wenn man schreibt und andauernd laufen Leute um dich herum, wünscht man es sich schon etwas ruhiger. Andererseits laufen auch zu Hause andauernd Leute um dich herum...

Könntest du Aspekte nennen, die deine Songs von Angus' Songs unterscheiden?

Julia: Ich habe bisher immer gedacht, dass die Unterschiede ziemlich offensichtlich wären, schließlich klingen wir ja auch verschieden, weil Angus nun einmal ein Mann ist und ich eine Frau bin, wodurch die Musik eine eher maskuline beziehungsweise eine eher feminine Färbung erhält. Was die Texte angeht... Da behandeln wir schon beide immer die gleichen Themen, nur immer auf verschiedene Art und Weise. Angus, kannst du das noch weiter ausführen?

Angus: Hmm, ich weiß auch nicht...

Hat jemand von euch schon mal einen Song geschrieben und dabei irgendwann gedacht: "Hmm, der würde besser zu meinem Bruder/meiner Schwester passen"? Bei eurem Auftritt auf dem Reeperbahnfestival im Imperial Theater hast ja zum Beispiel Du, Angus, "Hollywood" gesungen, was eigentlich einer von Julias Songs ist.

Julia: Ja, uns hat mal jemand die Idee in den Kopf gesetzt, die Lieder des jeweils anderen zu spielen. Angus hat schon mit einer eigenen Version von "Wasted" herumgespielt und ich habe das gleiche mit "Just A Boy" gemacht, so ist es dann dazu gekommen, dass wir andere Versionen der Lieder des jeweils anderen aufgenommen haben. Es war also nicht unbedingt der Gedanke, dass Songs besser zu dem/der anderen passen würden, es hat uns einfach glücklich gemacht, die Songs so neu interpretieren zu können.

Möchtest du dem noch etwas hinzufügen, Angus?

Angus: Es hat ziemlich viel Spaß gemacht, Julias Songs – oder irgendjemandes Songs – zu spielen. Es ist so sehr viel leichter, sich auf die Melodien zu konzentrieren, die Texte strömen einfach so durch deinen Kopf, weil sie schon fertig da sind. Ich finde das ziemlich spaßig, weil die Songs so einfach "fließen".

Ihr zwei seid ja schon früh in Kontakt mit Musik gekommen. Könnt ihr mir etwas über euer Heranwachsen mit Musik erzählen?

Julia: Ich glaube, wir sind eine Familie, die schon immer Musik gemacht hat, in verschiedensten Varianten. Meine Mutter hat in einem Musiktheater mitgewirkt, und Papa war Musiklehrer, hat auch in einer Band gespielt und die Schulband geleitet. Die Musik, die er seine Schüler dann in ihrer Band hat spielen lassen, hat er auch in seiner Band gespielt – das war eine Coverband, die auf Hochzeiten und so gespielt hat, Blues Brothers, Beach Boys und so etwas eben. Meine Großmutter war Opernsängerin, und so war es ganz natürlich, schon früh mit dem Singen anzufangen, immer zu singen und sich auch Songs auszudenken.

Glaubt ihr, dass ihr jetzt auch Musiker wärt, wenn ihr nicht in so einer musikalischen Familie aufgewachsen wärt?

Julia: Weißt Du: Wer weiß schon, was gewesen wäre, wenn Dinge anders gelaufen wären? Ich denke gerne, dass man so oder so den Weg zur Musik gefunden hätte, aber es war so definitiv einfacher, die Musik zum Beruf zu machen, weil es in unserer Familie eben nichts Ungewöhnliches war und auch unsere Eltern uns so sehr unterstützt haben, dass uns niemals in den Sinn kam, dass die Idee, mit Musik Geld zu verdienen, komisch wäre.

Denkst Du, dass es wichtig ist, schon früh mit Musik in Kontakt zu kommen, um später Musiker zu werden?

Julia: Ich glaube, das macht es definitiv einfacher. Auch wie man aufwächst, ob die Eltern einen festen Job, ein festes Einkommen, ein eigenes Haus haben, ist wichtig und beeinflusst die Art und Weise, wie man die Welt versteht. Dann ist man wahrscheinlich eher geneigt, eine Ausbildung an der Uni oder so zu verfolgen, aber wenn deine Eltern Künstler sind, fühlt man sich nicht so schnell dazu gedrängt, diesen anderen Pfad zu verfolgen. Man hat die Freiheit, zu solch höheren Bildungswegen auch einfach mal "Nein" zu sagen.

Ich würde nun gerne etwas über "A Book Like This" mit euch reden. Fran Healy [Sänger von Travis, Anm. des Autors] hat einige der Songs produziert. Könnt ihr mir sagen, wie diese Beziehung zustande kam?

Julia: Angus, das solltest du erzählen.

Angus: Wir haben einen Song geschrieben, der auf einem Klavier gespielt werden sollte, und wir hatten kein Klavier zuhause.

Julia: Wir waren gerade nach London gezogen.

Angus: Genau, wir waren gerade nach London gezogen. Wir haben dann ein Angebot von unserem damaligen Plattenlabel bekommen, die uns erzählten, dass Fran ein wunderschönes, altes Klavier hätte. Also haben wir ihn angerufen und gefragt, ob wir sein Klavier benutzen dürfte und er meinte nur: "Klar, kommt ruhig her!" Und es war sehr cool, bei ihm abzuhängen und zu musizieren – wir haben ihn also über die Musik kennen gelernt, was eine schöne Sache war.

Da ihr gerade euren Umzug nach London erwähnt hattet – gab es irgendwelche spezifischen Gründe, warum ihr von Australien nach London gezogen seid?

Julia: Das war die Idee unserer Managerin. Sie meinte, dass es, wenn wir in Australien blieben, schwieriger wäre, dort immer, immer weiterzumachen und voranzukommen. Sie meinte, es wäre gut, wenn sie unsere CD mit nach London nähme, um dort zu sehen, was die Leute über das Album denken. Sie stellte die CD also verschiedenen Plattenfirmen vor und eine mochte unsere Musik so sehr, dass sie uns Geld gab, von dem wir nach London ziehen und dort leben konnten. Wir hätten es also wahrscheinlich nicht gemacht, wenn wir keine Hilfe für unseren Umzug aus Australien angeboten bekommen hätten.

Findet ihr, dass der Umzug nach London eure Karriere positiv beeinflusst hat?

Julia: Ja, wir haben so viele nette Leute in London getroffen, wie die Bands, mit denen wir getourt sind, und die Produzenten, mit denen wir gearbeitet haben. Wir haben von allen Seiten viel Unterstützung erfahren und alle waren wie eine Familie zu uns. Ich glaube, je mehr Leute man trifft, desto mehr wächst deine Musik auch. Wir wären ansonsten wahrscheinlich einfach bei unseren Eltern in Australien geblieben.

Noch eine Frage zu "A Book Like This": Ich weiß, dass ihr mehrmals betont habt, dass kein Konzept dahinter steckt, aber man kann schon Verbindungen zwischen eurem Album und einem Buch sehen: Zum einen wegen des Coverdesigns, und zum anderen hattet ihr bei eurem Auftritt im Imperial Theater ja auch Bücher auf den Verstärkern liegen.

Julia: Oh, diese Bücher waren ein Teil der Bühnendeko des Theaters.

Sie waren am Tag davor aber noch nicht da.

Julia: Waren sie nicht? Vielleicht wollten die Theaterleute sie ja einfach bei unserem Auftritt auf der Bühne haben.

Vielleicht will ich mich auch einfach nicht daran erinnern, sie am Tag davor schon gesehen zu haben...Aber wie dem auch sei, glaubt ihr, dass es Verbindungen zwischen Musik und Literatur gibt?

Julia: Sicherlich. Ich glaube, dass es Verbindungen zwischen jeglichen Kunstformen gibt. Musik und Gemälde, Musik und Literatur, Musik und Film... Sie hängen alle zusammen. Es sind nur verschiedene Arten, das, was man sagen will, auszudrücken, ob man es nun durch Schrift oder durch ein wunderschönes Bild ausdrückt. Ich glaube, dass die Musik auf unserem Album und der Fakt, dass das Album "A Book Like This" heißt, schon ganz gut passt. Ein Buch unserer Großmutter stand Pate für das Cover und so war es ein Teil unserer Geschichte. Es ergibt schon alles irgendwie Sinn – zuvor hatten wir nicht darüber nachgedacht, aber jetzt, wo wir im Nachhinein darüber reden, merken wir schon, dass jeder Song wie eine eigene Geschichte ist und so ist es schon cool, dass es so funktioniert hat.

Gibt es auch wichtige Unterschiede, die die Kunstform "Musik" von der Kunstform "Literatur" unterscheidet?

Julia: Literatur ist viel...literarischer (lacht). Literatur kann sehr viel detaillierter sein, während Musik abstrakter ist. Musik gibt einem viel mehr die Gelegenheit, eigene Erfahrungen einzubauen, während Literatur einem eher Geschichten bietet, zu denen man sich eigene Bilder schafft. Die Emotionen werden in eine bestimmte Richtung gelenkt. Ich meine, das macht Musik auch, aber oft verstehen verschiedene Leute Songs vollkommen unterschiedlich davon, wie er eigentlich gemeint ist. Man kann sich wirklich seine eigenen Geschichten zu den Songs ausdenken.

Lyrics sind oft ja eher Gedichten ähnlich.

Julia: Ja, das stimmt. Lyrics sind auch etwas wie kleine, kurze Romane.

Das sind doch schöne Schlussworte. Danke für das Interview!

Jan Martens

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