Festival-Nachbericht

Open'er Festival


Das war es also nun, das Abenteuer Polen. Ein Festival in unmittelbarer Nähe zum Ostseestrand, in einem Land, dessen Sprache als schwerste der Welt gilt, und Anreise samt Gepäck in einer achtstündigen Zugfahrt.

Erste Station: Bahnhof Gdynia. Für Festivalbahnhöfe üblich, bietet sich hier ein völliges Durcheinander an Menschen: Festivalbesucher treffen auf Normalbürger, die ihrem Alltag nachgehen. Einen Schritt weiter jedoch wird man zum ersten Mal mit der wahnsinnig durch–organisierten Seite des Festivals konfrontiert: Am Bahnhofsgebäude prangt ein riesiges Willkommensbanner, bereits direkt davor ist es möglich, die Karten gegen diverse Bändchen einzutauschen, und es stehen in langer Schlange bereits Busse bereit, die einen samt Gepäck erst einmal auf eine Stadttour mitnehmen. Da Gdynia aber nur so etwas wie der Industriehafen von Gdansk ist, kann man die Stadt nur Liebhabern sozialistischer Plattenbaukunst empfehlen.

Nach einer circa 20-minütigen Busfahrt entlässt der Bus die Besucher auf dem Gelände des Babie Doły Airport. Dort angekommen, hat man einen ersten Blick auf den wirklich schönen Campingplatz, der sich zwischen einzeln stehenden Bäumen, Graswällen und viel Wiese erstreckt. Es dauert allerdings etwas, bis man sich dort niederlassen kann, denn um sicherzugehen, dass auch wirklich jeder Campingplatzbewohner seine Nachbarn kennenlernt gibt es die Zeltplätze nur auf Zuteilung. Mag für einige Festivalbesucher etwas merkwürdig klingen, genau wie das Verbot, Alkohol mitzubringen.

Steht also das Zelt, hat man sich mit seinen Nachbarn bekannt gemacht, ist es an der Zeit, gen Festivalgelände zu wandern. Schon beim Betreten ist sichtbar, wie riesig dieses Gelände ist. Bei näherem Hinschauen merkt man, wie sehr Plan und Wirklichkeit auseinanderstreben. "Eigentlich sollte hier doch die Zeltbühne stehen – Ah, ich sehe da was blaues am Horizont, das muss es sein". Die Entfernung zwischen World Stage und Hauptbühne beträgt knapp zwei Kilometer. Dies sorgt zwar einerseits für sehr viel Platz, andererseits jedoch für lange Wege. Neben den sieben (!) Bühnen sind vor allem auch die Stände sehr interessant, so dass einige davon nicht unerwähnt bleiben sollen.

Stetig schwankt man hierbei zwischen Kunst und Kommerz. Eine Feuerschluckershow? Warum nicht? Ein Gitarrenzelt zur eigenen Betätigung? Cool. Ein eigenes Fashionzelt, in dem Designer ihre Sachen samt Modenschau vorstellen – kann interessant sein. Mehrere Xbox360 Spielstationen – unnötig. Ein Fitnesscenter auf dem Festivalgelände – was es nicht alles gibt. Unangefochtenes Highlight ist aber der Gynäkologenstand. Dort kann man, gegen Beantwortung eines Fragebogens zum Thema Sex, Verhütung und Aids sinnvolle Sachen, wie zum Beispiel Isomatten gewinnen. Die übrigen Stände zur Verpflegung kann man beim Open'er ruhigen Gewissens besuchen, hier bekommt man für wenig Geld qualitativ hochwertige Speisen und Getränke.

Ist nun eine erste Ortsbegehung erfolgt, steht man vor der Qual der Wahl: Bands! Die sind ja auch noch hier! Donnerstag eröffneten bereits die Arctic Monkeys und Basement Jaxx das Festival, blieben jedoch aufgrund der Freitagsanreise ungesehen. Am zweiten Festivaltag begann Maria Peszek auf der Hauptbühne. Musikalisch war das schon ganz gut, textlich war für nicht-polnisch-sprechende Besucher außer der polnischen Universalbeleidigung nicht viel zu hören. So ähnlich ist es auch in der Festivaltageszeitung beschrieben, welche jeden Tag erscheint und den Besucher mit News und Rezensionen vom Vortag versorgt. Tolle Idee übrigens. Als erste etwas bekanntere Band spielen Gossip auf und begeistern vom ersten Augenblick an. Beth Ditto wie immer im sehr knappen Outfit, sucht mehrmals die Nähe zum Publikum, und die Band spielt sich souverän durch ein Set, das neben Gossip-Stücken auch diverse Cover wie "Billie Jean", "We Are The Champions" oder "What's Love Got to Do With It" von Tina Turner beinhaltet. Hier macht sich bereits etwas bemerkbar, was im Laufe des Festivals noch mehrmals auffällt: Wie sehr das polnische Publikum bei jeder Band abgeht. Noch beachtlicher ist dabei die Art und Weise: Es gibt kein Gedränge und auch in einer heftig tanzenden Masse kommt es nicht zu Platzproblemen, da hier scheinbar jeder individuell für sich tanzt und nicht den Körperkontakt zum Nachbarn sucht. Lediglich The Prodigy werden da eine Ausnahme bilden, aber dazu später mehr.

Ebenfalls Freitag spielen die Isländer Hjaltalín auf der weit entfernten World Stage und so haben sich nur wenige Besucher zu Beginn des Konzertes eingefunden. Wer bei Isländischen Bands sofort Sigur Rós, Björk und Olafur Arnalds, sprich irgendwie entrückte, sphärische Elfenmusik im Kopf hat, wird bei Hjaltalín eines besseren belehrt: Das Oktett präsentiert sich in bester Spiellaune als europäische Antwort auf Arcade Fire und ist von dem mittlerweile aufgefüllten Publikum so begeistert, dass sie nochmals auf die Bühne kommen und Mangels neuer Songs bereits gespielte wiederholen. Einziges Manko an dem Auftritt ist die übersteuerte Bassdrum, die vom Sound mehrmals nur noch ein Dröhnen übrig lässt.

Den Abend schließt Moby musikalisch ab. E spielt ein sehr gutes Set mit seinen größten Hits und überzeugt vor allem dadurch, einen großen Teil seiner Musik mit Livemusikern zu spielen. Highlight ist eindeutig "Lift Me Up", bei dem die 60.000 Menschen vor der Hauptbühne, der Aufforderung mitzuspringen sehr eindrucksvoll nachkommen. Zurück am Zeltplatz wartet eine weitere Überraschung des Open'er-Festivals: Nächtliche Ruhe. Betrunken herumgröhlende Horden oder selbstgebastelte Musikanlagen in Bühnenlautstärke sucht man vergeblich, es scheint, als seien auf dem Festival nur Leute unterwegs, die wirklich wegen der Bands kommen – und zudem sehr aufgeschlossen sind.

Auch am nächsten Morgen bleibt es ruhig auf dem Campingplatz. Der Trend, in seinem Camp einen riesigen Müllberg zu verursachen, scheint in Polen noch nicht angekommen zu sein, obwohl die späten Anfangszeiten der Konzerte genug Zeit dafür lassen würden. Als Erklärung hierfür könnte man den extremen Luxusvorteil anführen, den dieses Festival hat: Die Lage. Der Festivalbus bringt die Besucher wahlweise an den nicht weit entfernten, wunderschönen Ostseestrand oder die Stadt Gdynia, in der gerade die polnische Version der Kieler Woche stattfindet oder die S-Bahn nach Gdansk bereitsteht. Die leider sonst komplett polnische Festivaltageszeitung enthält jeweils auf der letzten Seite unter dem Titel "Give Polish bands a chance" Informationen und Empfehlungen zu den am Tage spielenden nationalen Musikern. Diesen Hinweisen folgend waren Kamp! im Zelt das erste Ziel des Tages. Das Trio ruft mit der Mischung aus Dance-Punk, französischem Elektro im Stile von Daft Punk oder Justice und House erste ekstatische Bewegungen unter einem Großteil des Publikums hervor. Etwas später spielen auf der Talent Stage die Newcomer Kawałek Kulki, deren Texte sich zwar wieder einmal nur den einheimischen Fans erschließen, durch ihre Nähe zu Bands wie Vampire Weekend sind sie jedoch musikalisch sehr interessant.

Völlig verzaubernd ist der Auftritt Emiliana Torrini im Zelt. Das liegt an der guten Emiliana selbst, die betörend, süß, schüchtern, lieblich und völlig ergriffen von dem ist, was das Publikum auf der anderen Seite zurück gibt. Bereits Gossip und Hjaltalín wirkten völlig begeistert, Emiliana hingegen kann ihr Glück, heute hier zu spielen, kaum fassen und ringt mehrmals nach Worten. Völlig benebelt von diesem Auftritt, dessen Höhepunkte vor allem das für Torrini-Verhältnisse lautere Stück "Gun" und das sommerlich leichte "Unemployed in Summertime" sind, geht es nach draußen, wo der erste Regen des Wochenende für dringend nötige Abkühlung sorgt.

Währenddessen machen sich Faith No More auf, ihrer Wiedervereinigungstour ein weiteres gelungenes Kapitel hinzuzufügen. Das Set ist an diesem Abend recht aggressiv gehalten und Mike Patton beweist einmal mehr, zu welchen Höchstleistungen seine Stimme in der Lage ist. Für sehr viel Wohlwollen bei den Fans sorgt die Aktion, mit Regenschirm und Mikrophon bewaffnet ins Publikum zu laufen und nach Polen zu suchen, die "Evidence" übersetzen und singen können – was grandios scheitert. Ebenfalls großartig ist die Version von "Stripsearch", eingeleitet durch ein "Olé, olé, olé"-Megaphon und dem kitschigen "Chariots Of Fire" von Vangelis. Als Rausschmeißer des Abends fungieren Pendulum, die es trotz der späten Spielzeit (bis ca. 2 Uhr nachts) noch schaffen, dass Publikum an sich zu binden. Zwar sind Pendulum die stumpfe, prollige und mit einem sehr nervigen Frontmann versehene Version von The Prodigy, dennoch ist diese Musik genau das richtige, um aus ziemlich ausgepowerten Körpern noch technoid-ekstatisch zuckende Leiber zu formen.

Nachdem die erste Hälfte des Sonntags einem ausführlichem Touristenprogramm in Gdansk gewidmet wurde (unbedingt zu empfehlen), ging es 19.30 Uhr mit den vom Vortag verschobenen Buraka Som Sistema weiter. Diese präsentieren sich als perfekte Band, um einen Festivaltag zu eröffnen. Bei optimalem Wetter stellt sich spätesten mit der Aktion, 50 weibliche Festivalbesucher auf die Bühne zu holen extremste Partystimmung ein. Die Musik – ein Mix aus Baile-Funk, Rock und Breakbeat trägt ein übriges dazu bei. Als zum Abschluss sämtliche Zuschauer in die Hocke gehen und mit einem Mal aufspringen, ist das Highlight des Tages eigentlich schon erreicht.

Santigold etwas später am Abend präsentiert einen eher durchwachsenen Auftritt, was weniger an ihr liegt, sondern daran, dass die Hälfte der Songs in einem stumpfen Bassdröhnen untergeht. Kings Of Leon, von mir nur von weitem gesehen, bieten guten Grund, einmal ein wenig zu entspannen und sich für Placebo und Prodigy ein wenig fit zu machen. Der Auftritt wirkte aus der Ferne ziemlich langweilig. Lediglich die beiden sehr bekannten Singles "Use Somebody" und "Sex On Fire" finden einigermaßen Zuspruch beim Publikum. Völlig gegenteilig präsentieren sich Placebo. Trotz eines Sets, das sich stark auf das aktuelle Album fokussiert, weiß das neu formierte Trio um Brian Molko restlos zu überzeugen. Scheinbar gab es die alten Massive-Attack-Leinwände vom letzten Jahr irgendwo günstig, mit denen Placebo großflächige Videountermalungen unternehmen. Man zeigt deutliche Spielfreude und untermauert einmal mehr die Headlineransprüche. Balladen wie "Black-Eyed" und der Anfang von "Meds" sorgen für Gänsehaut, während "Taste In Men" oder "For What It's Worth" das Prädikat Rocksong hörbar verdient haben.

Zum Abschluss des Festivals spielen The Prodigy auf. Wer die Band kennt, kann sich ungefähr vorstellen, was einen in den ersten Reihen so erwartet. Erschwerend kommt beim Open'er hinzu, dass es zwar einen vertikalen, jedoch keine horizontalen Wellenbrecher vor der Hauptbühne gibt. Was in den anderen Tagen sehr gut funktioniert hat, wird nun zum Problem: Bereits am Anfang merken hunderte Leute, dass es vorn zu krass für sie wird und drängen mit einem Mal nach hinten. Dadurch kommt es zu unschönen Szenen, da viele Leute eingeengt werden. Hierbei gilt es sicherlich noch Verbesserungen im Konzept der Bühnensicherheit zu finden. Der Auftritt an sich ist nicht enttäuschend, eher ein wenig unter den Erwartungen. Der Sound klingt größtenteils als komme er vom Band und die Musiker um Keith Flint schaffen es nicht ganz so sehr wie andere Bands, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Nach bereits neun Stücken verabschiedet sich die Band ein erstes Mal. Es folgen jedoch 5 Zugaben, die doch ein wenig intensiver wirken, als der Genuss einer Prodigy-CD zuhause. Mit beginnendem Sonnenaufgang vier Uhr morgens beenden The Prodigy ihr Set mit der optimalen Hintergrundkulisse. Der Heimweg gestaltet sich danach als etwas schwierig, da sehr viele Menschen gleichzeitig in Richtung der Busse und einzigen Zufahrtsstraße laufen, sodass es dort zu erheblichen Wartezeiten kommt.

Als Fazit bleibt zu sagen: Dziękuję Poland! Ein schönes Festival, das durchaus in der Lage ist, mit anderen europäischen Festivals dieser Größe mitzuhalten. An einem wunderbaren Ort gelegen mit vielerlei Entfaltungsmöglichkeiten, und mit einigen kleineren Verbesserungen versehen könnte dies eine Option für jeden Festivalsommer werden.

Klaus Porst

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