Festival-Nachbericht

Omas Teich Festival


Es gibt viele Gründe, um auf bestimmte Festivals zu fahren. Sicherlich eine der Ursachen, die Größen wie dem Hurricane oder Rock am Ring jedes Jahr zu Besucherzahlen im hohen fünfstelligen Bereich verhilft, ist die Möglichkeit, dort tagelang, von früh bis spät in die Nacht, auf mehreren Bühnen Unmengen teils äußerst namhafter Bands anschauen zu können. Andere Festivals wie Stemwede oder Obstwiesen locken damit, dass sie nichts kosten. Und so mancher fährt sicher auch gerne auf Festivals in der näheren Umgebung, um sich jeden Morgen den Komfort einer warmen Dusche bewahren zu können.

Was die Frage aufwerfen würde: Warum fährt man zu Omas Teich? Irgendwo in der ostfriesischen Einöde gelegen, knapp südlich der Nordsee, zieht das Heimatargument sicher für verhältnismäßig wenige. Auch kostenlos ist der Besuch bei Oma nicht, so sind 60 Euro für ein Drei-Tages-Ticket zumindest kein Pappenstiel. Und der Bands-for-Money-Faktor? Obwohl Oma seit Jahren ein Talent dafür hat, kleine, feine Perlen zu buchen, kann das Festival doch selten mit Namen aufwarten, die bei nur durchschnittlich musikinteressierten Musikhörern ein Lämpchen aufleuchten lassen würden.

Und warum stieg dennoch die Anzahl der Oma-Besucher in den zehn Jahren seit der ersten Ausgabe konstant an, bis sie sich bei ca. 5000 eingependelt hat? Ganz einfach: Es ist das Festival selbst, das Festival mit seiner unglaublich heimeligen Atmosphäre. Denn von solch netten Mitarbeitern – alle in hübsche "Ich Crew, wer du?"-Shirts gekleidet – und einem solchen – auch von der Abwesenheit gehirntoter Saufspacken gezeichneten – heimeligen Campingplatz können die meisten Festivals hierzulande nur träumen. Und welches Festival hat schon sonst eine Attraktion namens "Omas süßer Garten"?

Und wenn dazu noch wie dieses Jahr das Wetter mitspielt – um so besser. Wo man sich 2007 noch unter dem Pavillon verstecken musste, um nicht im treibsandartigen Matsch vor der Bühne unterzugehen, konnte man sich nun ohne Furcht bereits während der ersten Freitagsbands zum Gelände begeben... und Omas Teich mit der herrlichen Elektrotrashband Bratze beginnen, die mal wieder die Frage aufwarfen, wofür man überhaupt Mediengruppe Telekommander und Deichkind braucht. Nach dem netten (nicht mehr, nicht weniger) Indie-Pop von The Horror The Horror gehörte die Bühne dann Turbostaat, die zwar ein großes Gefolge an Fans mitgebracht hatten, aber aufgrund eines fast ausschließlich aus neuen Stücken bestehenden Sets einen etwas schwachen Auftritt hinlegten. Ganz anders hingegen Headliner Kaizers Orchestra, die ihren hervorragenden Live-Ruf kräftigten und bewiesen, dass sie auf Festivalbühnen beinahe noch mehr florieren als in engen Clubs. Das Mehr-oder-weniger-Late-Night-Special (Premiere #1 bei Oma) bildeten dann die Elektroniker (Premiere #2) von Goose, die ihre Aufgabe ziemlich gut lösten und zeigten, dass auf "Provinzfestivals" nicht nur eintönige Melody-Punk-Bands punkten können.

Der nächste Tag – nicht weniger mit Sonne bedacht – setzte dann vorrangig auf deutsche Namen. Nach zwei Nachwuchsbands aus der näheren (die ostfriesischen Enno Bunger) und nicht so nahen (Kleinstadthelden aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen) Umgebung, die dem Buch deutschsprachiger Indie-Pop-Rock-Bands weitere Seiten hinzufügten, die man gerne ungelesen umgeblättert hätte, gaben sich drei der wohl interessantesten Nachwuchsbands aus deutschen Landen nacheinander die Klinke in die Hand: The Audience mit tollen, tanzbaren Indie-Tunes, die beeindruckend versierten Trip Fontaine und Escapado, die auf ihrem Sonnenscheinnachmittagsslot jedoch etwas deplatziert wirkten.


Photo Credits: Christian Meyer, row-people

In den späteren Abendstunden war es dann mit Blackmail eine weitere deutsche Band, die bewies, dass die deutsche Musikszene doch nicht komplett in die Tonne gehört. Eigentlich ist es schon eine Schande, dass die vielleicht beste Rockband des europäischen Festlandes den nationalen Durchbruch seit Jahren verpasst, während andere Gurkentruppen große Hallen füllen. Stört aber eigentlich nicht, solange Kurt Ebelhäuser weiter die tollsten Riffs aus seiner Gitarre schüttelt und Aydo... einfach Aydo ist. Sprich: Mal wieder strunzbreit, diesmal anscheinend mit dem unbedingten Drang, die Uhr am Bühnenrand zerstören zu müssen, dessen Überreste dann gerecht im Publikum verteilt wurden.

Der abschließende Sonntag – 2008 war das erste Jahr, dass dieser dritte Tag rangehängt wurde – wurde dann erneut von einheimischen Bands bestimmt, für die sich das "Fest van Cleef" verantwortlich zeichnete. Sogar noch mehr als geplant, dank beherzten Eingreifens des Wettergottes: Da bereits während des tollen Auftritts von Niels Frevert im Bühnenbereich alles herumzuwehen begann, was nicht niet- und nagelfest war, wurde daraufhin erst einmal Unwetterwarnung und Zwangsevakuierung des Festivalgeländes beauftragt. Das Unwetter entpuppte sich zwar als lediglich mittelstarkes Gewitter, trotzdem war der Zeitplan natürlich durcheinandergewirbelt: So entfiel der Auftritt der Manchesteraner von I Am Kloot bis auf drei Akustikstücke von Frontmann John Bramwell komplett, die drei folgenden Auftritte wurden zeitlich ebenfalls gekürzt. Trotzdem gelang es The Robocop Kraus, die Tanzbeine des Publikums zum Schwingen zu bringen, auch Tomte-Vorsteher Thees Uhlmann war sich wie immer für keinen blöden Spruch zu schade – zudem kamen Omas Besucher auch in den Genuss, einige Tracks des im Oktober erscheinenden, neuen Albums "Heureka" bereits live antesten zu dürfen. Den Abschluss des Tages bildete schließlich das GHvC-Flaggschiff Kettcar, die – ob Teilironie hin oder her – auch schon Talent darin beweisen, mit Rockstarklischees zu spielen: Ein Intro beginnt die Show, Mitsingparts fehlen ebenso wenig wie die allseits beliebte "Animierscheiße". Das ändert jedoch alles wenig daran, dass Kettcar – vieler Unkenrufe zum Trotz – schlicht und einfach eine der sympathischsten und vielleicht besten deutschsprachigen Bands momentan ist und der wohl einzigen zehnjährigen Oma der Welt eine verdiente Krone aufsetzte.

Und was ein gemütliches, kleines Festival wie Omas Teich zudem noch von Giganten wie Hurricane und RaR absetzt, zeigte sich unmittelbar darauf, als man, statt stundenlang im Parkplatzchaos darben zu müssen, ohne lange Wartezeiten sofort wieder feste Bundesstraße unter den Rädern hatte. So dauerte der Rückweg nach Hamburg dann doch nur knapp über zwei Stunden, was beweist, dass Großefehn eigentlich doch gar nicht so sehr am Gesäß der Welt liegt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Festivalfreunde aus Norden und Nordwesten Deutschlands sollten sich diese Alternative zur Massenabfertigung also auf jeden Fall einmal für 2009 vormerken. Man sieht sich!

Jan Martens

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