Festival-Nachbericht

Müssen Alle Mit Festival 2016


Was könnte es Schöneres geben, als an einem sonnigen Sommertag in einem gemütlichen Park rumzuliegen? Wenn es dazu auch noch den ganzen Tag tolle Livemusik und gutes Essen in gemütlicher Atmosphäre gibt, natürlich! Das Müssen Alle Mit Festival in Stade hatte am vergangenen Wochenende all diese Dinge im Angebot – und sogar eine improvisierte Gartenschlauchdusche für alle, die doch lieber ins Freibad gegangen wären.

Stade ist eine dieser typischen Städte, wie man sie häufig am Rand von Großstädten wie Berlin oder eben Hamburg findet: überschaubar, ganz nett, aber ein wenig schnarchig. Eine Stadt, wie sie Großeltern gefällt ("Da kann man dann ja sogar noch einmal schön durch's Alte Land fahren und Apfelbäume gucken!"). Einmal im Jahr allerdings nehmen auch jüngere Großstädter und Dorfkinder gleichermaßen den Weg nach Stade in Kauf: Das MAMF lockt sie alle und hält, was es verspricht. Auch im vierten Jahre seines Bestehens überzeugt das Festival mit sympathischem Booking und angenehm rustikaler Ausstattung des Geländes. Von zu viel Schnickschnack hält der Norddeutsche an sich ja bekanntlich auch nichts. Dafür haben die Veranstalter aber anscheinend den Wettergott bestochen; der strahlende Sonnenschein lockt schon früh viele Besucher und ihre Picknickdecken an, um sich ab der Mittagsstunde von einem abwechslungsreichen Programm mit meist deutschen Bands unterhalten zu lassen.

Parcels und Der Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen fällt es anfangs noch etwas schwer, die hitzeträgen Besucher zu mobilisieren, im Laufe des Sets der Gentlemen kommt das Publikum aber doch langsam in Fahrt und wirft zum Northern Soul der Hamburger fleißig mit Luftballons um sich. Hinterher weiß dann auch jeder, wie viele Buchstaben das Wort "Arbeit" hat. "Arbeit Ist Ein Sechsbuchstabenwort" – wieder was gelernt! Und mit dem Lernen geht es auch bei Rapper Fatoni weiter. Der hat nicht nur smarte Texte dabei, sondern erklärt nebenbei allen Uneingeweihten Begriffe des Hip-Hop-Slangs. Unaufgeregt geht es später weiter mit Isolation Berlin und Trümmer: Das Publikum hat die Trägheit abgestreift und lässt sich nun von Chansonpop und von der Neuen Deutschen Welle angehauchtem Indie berauschen, bevor Fraktus, die selbsternannten Erfinder des Internets und Begründer des Techno, die Bühne entern. Zwischendurch hat aber Moderator Alex Tsitsigias noch einen Mini-Überraschungsauftritt mit seiner Band Schrottgrenze, die ihr neues Lied "Sterne" im Gepäck haben.


Fatoni // Foto-Credit: Thomas Ertmer

Fraktus stehen zwischen Trümmer und Tocotronic auf den ersten Blick etwas deplatziert im Programm, fügen sich letzten Endes mit ihrem hervorragenden Quatsch aber doch nahtlos in diesen gelungenen Tag ein. Und hier zeigt sich eine der großen Stärken des Müssen Alle Mit Festivals: Bands von Pop über Rap nach Techno, das Publikum kunterbunt gemischt von 2 Monate alten Kleinkindern bis zu alternden Rockern mit langen grauen Haaren, dazwischen Hipster aus der Großstadt und die Landjugend aus den umliegenden Orten. Was sich auf dem Papier (oder vielmehr dem Bildschirm) zusammengestückelt liest, ergibt in Natura anscheinend mühelos ein vollkommen organisches Ganzes.

Und hier liegt der große Charme des Müssen Alle Mit Festivals: Es ist tatsächlich ein Festival, zu dem man alle mitschleppen kann, die man kennt. Alle kommen auf ihre Kosten. So sind, als dann schließlich Tocotronic mit "Let There Be Rock" den Abend ausklingen lassen, die Bahnen voll mit zufriedenen Menschen, die immer noch versuchen, den Ohrwurm von Fraktus' Hit "Freunde Sind Friends" loszuwerden und die sich jetzt schon fragen, was für eine bunte Mischung das MAMF nächstes Jahr wieder zusammenbuchen wird.


Tocotronic // Foto-Credit: Thomas Ertmer

Lisa Dücker

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