Festival-Nachbericht

Melt! Festival


Wenn man in der Nacht von Donnerstag auf Freitag durch die Tristesse der sachsen-anhaltinischen Dörfer, Kleinstädte und Vororte hindurch fährt und irgendwo zwischen den Bäumen und Feldern zwischen Dessau und Wittenberg weit entfernt am Himmel die Scheinwerfer erspäht, die als Vorboten eines 3-Tages-Marathons aus Musik, Menschen und Party wahrnehmbar werden, dann weiß man, dass man gleich in eine Parallelwelt abtaucht. Festivals haben im Großen und Ganzen immer den Charme einer Parallelwelt, eines mehrtägigen Ausnahmezustands, der sich jedoch leider viel zu oft in besinnungslosen Besäufnissen mit musikalischer Begleitung erschöpft. Das Melt! Festival in Gräfenhainichen erzählt da eine etwas andere Geschichte. Auch hier hat man es mit gut 20.000 Besuchern nicht mehr mit einem kleinen Festival zu tun und dennoch scheint hier der Einklang zwischen Mensch und Musik im Mittelpunkt zu stehen. Bei allem unerwünschtem Pathos: genau das ist das Fazit, das nach 3 Tagen Indie- und Elektromusik, Schlaflosigkeit und jeder Menge unbekannter Menschen, die für 3 Tage gute Freunde wurden, am Ende hinten rauskommt.

Der Freitag

Nach einer äußerst späten Anreise lockt Tag 1 des 12. Melt! Festivals mit strahlend blauem Himmel und halbnackten Menschen. Die unerträgliche Hitze, die damit einherging, konnte der Festivalbesucher am angrenzenden See persönlich bekämpfen. Das Angebot nutzten dann auch viele bis von jetzt auf gleich ein Unwetter aufzog. Tausende von Menschen hielten gleichzeitig ihre Pavillons mit der einen Hand fest und tranken ihr Bier mit der freigebliebenen Hand. Als es dann schlagartig aufhörte zu schütten und zu gewittern, setzte der Beat, der mit dem Einbruch des Regens zu schlagen aufhörte, unbeeindruckt wieder ein und die feierwütige Meute hatte ihr erstes kollektives Jubelerlebnis. Auch die Absage des Foals-Auftritts (Erinnerungen an das Hurricane-Festival 2008 kamen auf) konnte der Stimmung nichts anhaben. Schließlich kündigten sich ja alleine für diesen Freitag so viele hochkarätige Acts an, dass man ohnehin nicht wusste wo man seine Prioritäten zu setzen hatte.

Die Cold War Kids eröffneten den Indie-Teil des diesjährigen Melt! mit einem betörenden Auftritt, so hörte man allerorts, um dann den Weg frei zu machen für die bösesten Überschneidungen, die ein Festival, das nicht Glastonbury heißt, nur bieten kann. Spontan musste entschieden werden, und so fiel die erste Wahl für James Yuill und gegen Gisbert Zu Knyphausen aus. Der Laptop-Folk des Jarvis-Cocker-Verschnitts machte allerdings erstaunlicherweise selbst auf der Mainstage eine solch gute Figur, dass diese Entscheidung nicht bereut werden sollte. Die Klaxons eröffneten für die meisten (denn erst jetzt wurde es allmählich voller auf dem Gelände) den musikalischen Live-Teil des Festivals mit einem ebenso routinierten wie anheizenden Livegeklöppel ihres Gitarrenraves. Eines war klar: wer jetzt tobte, würde erst am Sonntagabend wieder aufhören. Berauscht von der Energie des Klaxons-Auftritts durften rund 200 Aufmerksame (nicht zum letzten Mal wurden kurzerhand Slots und Stages getauscht) dem ekstatischen Set Tim Exiles auf dem Sleepless Floor beiwohnen. In der Intimität des abseits gelegenen Durchmach-Floors fängt man erst langsam an zu begreifen, dass es jetzt erstmal eine ganze Weile so weitergeht.

Nach dem Röyksopp-Auftritt, der, sei es dem Slot, dem Set oder schlichtweg der Stimmung geschuldet, arg zäh, spröde und so wahnsinnig nichtssagend daherkam (Schade drum!), mussten dann aber dennoch Kräfte geschont werden. Das hieß in erster Konsequenz: Travis statt Skream und Kode9 - und in letzter Konsequenz: ein fortwährend schlechtes Gewissen bis zum heutigen Tag, obwohl Travis um Frontmann Fran Healy eine weit bessere Figur machten als erwartet (die letzten Platten mussten ja nun mal nicht zwingend sein!). Das Highlight des Auftritts war eine Gänsehautinterpretation von "Driftwood" inklusive 1000+ – Chor, und am Ende weiß man nicht so recht, ob es jetzt gut oder schlecht war, dass Fran Healy dem einsetzenden Regen zum Ende des Auftritts, aufgrund mangelnder Zeit, den Travis-Gassenhauer "Why Does It Always Rain On Me?" widmen durfte. Nach einem kurzen Abstecher zu den Crystal Castles hatte man schon La Roux im Soundwave Tent verpasst und bereitete sich ehrfürchtig auf Aphex Twin vor. Und Gott sei Dank befeuerten die Bässe die Fans vor der Mainstage so penetrant, dass trotz unmittelbarer Nähe, kein Ton von Beth Ditto und The Gossip hinüberdrang. Das wollte man jetzt auch gar nicht hören. Hecker und Aphex trugen einen, wenn man denn wollte, auf eine ganz andere Ebene. Alles andere schien jetzt egal und weit weg. Aufgrund eines später einsetzenden Unwetters war dieser Auftritt auch schon der Abschluss des ersten Tages. Deadmau5, Trentemoeller und Moderat (3 Highlights des Line-Ups) fielen wetterbedingt aus und so hatte der Tag dann doch noch eine größere Tragödie zu bieten als die Foals-Absage.

Der Samstag

Überflutete Zelte, nasse Klamotten, zerstörte Pavillions – das Resultat eines nächtlichen Unwetters. Jochen Distelmeyer und auch The Wedding Present mussten aufgrund letzter Trockenreinigungsaktionen leider abgehakt werden und so begann der Tag um 20.00 Uhr mit einem grandiosen Auftritt der Filthy Dukes. Im Gesamtpaket lieferten die Jungs aus London von folgenden Dingen Beweis ab: 1. Großartige Liveband. 2. Platte wirkt intensiver und anders nach dem Liveerlebnis. 3. Die Gemini-Stage kann doch was. Letzteres bestätigte die Mediengruppe Telekommander anschließend in einer viel zu kurzen halben Stunde mit einem Power-Play-Set, das gleichzeitig an eine Best-Of-Show erinnerte. Vorher und nachher bewiesen Erlend Oye und seine Whitest Boy Alive, dass sie auf der ganz großen Bühne auch ganz große Tanzgefühle auslösen können (qed), was von Animal Collective nicht zu behaupten ist. Der vielschichtige Weirdo-Pop der Brooklyner verlor sich in alle Richtungen und fand den richtigen Adressaten nicht. Wer die Musik schon mal intimer erlebt hat, weiß, wie schade das ist.


Photos by Andreas Peters // Mediengruppe Telekommander, Buraka Som Sistema, Phoenix

Die Franzosen von Phoenix nahmen mit einem furiosen Set, das selbst die höchsten Erwartungen zu toppen vermochte, jeden Wind aus den Segeln von Kele Okereke und Bloc Party. Während die Franzosen nur so vor Energie sprühten, die sie problemlos auf die Menge zu übertragen vermochten, hakte es bei den Engländern. Der Funke wollte nicht überspringen. Es war vielleicht doch zu spät zum Feiern? Nöö! Das bewies wieder einmal die Crowd vor der überdachten Gemini-Stage, die den hyperaktiven Auftritt von Buraka Som Sistema feierte als gäbe es kein Morgen mehr. Doch ein Morgen gab es.

Der Sonntag

Unter alteingesessenen Melt!-Gängern wurde der dritte Tag oft als unnötig belächelt, zumal er mit großen Namen wie Oasis, Kasabian und auch Polarkreis 18 eine große Menge an Leuten anzieht, die vorher vielleicht nicht den Weg nach Gräfenhainichen gesucht haben. Sei es drum: der dritte Tag lässt es weit ruhiger angehen. Auf nur 3 Stages tummeln sich nur halb so viele Artists wie an den vorangegangenen Tagen.

Der Auftritt der Schotten von Glasvegas konnte die mehr als überschätzte Platte auch nicht in ein besseres Licht rücken. Die Gitarren schwirrten zu sehr umher, ohne einen Adressaten suchen zu wollen, und der ohnehin schon unverständliche Gesang ergoss sich in einem noch viel unverständlicheren Genöle. Polarkreis 18 gehörten eigentlich in einen Slot, der Dunkelheit verspricht und Atmosphäre hergibt für die auf eben jene angelegten Songs des ersten Albums. Diese Slots haben sie sich mit ihrer Popularität in Folge des nervigen "Allein, Allein" selbst verspielt. Im Grunde eine Schande – da wäre eigentlich mehr gegangen.

Als Kasabian ihr Set mit "Underdog" eröffneten, wurde klar, dass das jetzt 1 ½ Stunden reinste Rockshow werden. Und so zelebrierten Kasabian dann ihre Fähigkeiten einer großartigen Liveband, die, objektiv betrachtet, die Gallaghers locker in die Tasche steckt. Doch auch die Britpop-Veteranen, die Unkaputtbarsten des Rockbusiness, lieferten anschließend einen überraschend soliden Auftritt. Nach dem obligatorischen Opener "Fuckin' In The Bushes" stolperte Liam zwar etwas unbeholfen und abwesend durch "Rock'n'Roll Star", steigerte sich jedoch von Song zu Song. Die Tatsache, dass einer der schlechtesten Live-Sänger des großen Rockzirkus hier seine arrogant-abwesende Selbstbeweihräucherung feierte, wird abermals dadurch verdeckt, dass Oasis – man mag sagen was man will - immer noch eine der größten lebenden Rockbands des Planeten sind. Das großartige Lennon-Cover "I Am The Walrus" gegen Ende des Sets dürfte dann auch nochmal die letzten Gelangweilten wachgerüttelt haben.

Die Durchstarter von Passion Pit schlossen das zwölfte Melt!-Festival im Soundwave Tent ab. Besonders Live wird die immer wieder heraufbeschworene Nähe zu MGMT endgültig ad absurdum geführt. Musikalisch, wenn überhaupt, eher in der Nähe Alexis Taylors und seinen Hot Chip zu verorten, fehlte bei den zurückhaltenden Jungs von Passion Pit außerdem jegliche Attitüde. Intimer hätte der erste Festivalauftritt der Newcomer kaum ablaufen können und besser hätte ein Festival wie dieses kaum beendet werden können. Zweimal wurden Passion Pit zurück auf die Bühne applaudiert, um eine Zugabe zum Besten zu geben, dann gingen endgültig die Lichter aus.

Der Schlaf ist am Ende die letzte Bastion des Rückzugs. Fertiger war man nur selten, glücklicher gleichzeitig auch. Erst am nächsten Tag, als man vollgepackt die Tristesse der sachsen-anhaltinischen Dörfer und Kleinstädte durchfuhr in Richtung Alltag, wird nochmal klar: Das war ein fantastisches, vollkommen gelungenes Festivalwochenende. Danke, Melt!.

Andreas Peters

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