Festival-Nachbericht

Burning Eagle Festival 2018


Nach zwei wundervollen Tagen bei bestem Festivalwetter ist das Burning Eagle Festival leider schon wieder vorbei. Was bleibt, sind viele Eindrücke.

Wenn man jemanden in die Welt der Festivals einführen will, gäbe es kaum einen besseren Ort als das kleine Festival am Reutlinger Listhof. Auch in der aktuellen Trockenperiode ist auf dem Festivalgelände in dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb grün die dominierende Farbe und zwischen den Bäumen und vor den Verkaufsständen findet sich oft ein schattiger Sitzplatz. In der Mitte des Geländes haben es sich viele auf mitgebrachten Picknickdecken gemütlich gemacht, die Anzahl der Barfußgänger ist hoch und Familien mit Kleinkindern tummeln sich überall auf dem Gelände. Fernab des Festivalmassenkonsums ist das Burning Eagle ein friedlicher Ort voller gut gelaunter Menschen. Passend dazu sind die feil gebotenen Speisen alle aus der Region: Wein von Jungwinzern findet man beispielsweise ebenso wie eine Ofenkartoffel mit Schmorgurkeneintopf oder ausgefallene Dinnede-Variationen (schwäbischer Flammkuchen) mit Maultaschen und Rotkohl oder Brokkoli und Cashewkernen.

Auf den beiden Bühnen gab es wie auch schon in den Vorjahren eine bunte Mischung mit einem Indie-Schwerpunkt und vielen Newcomern. Die meisten Festivalbesucher sind noch mit der Anreise oder dem Zeltaufbau beschäftigt, während Tiflis Transit und BRTHR spielen. Was an Klängen davon beim Campingplatz ankommt, weiß zu gefallen. Zu Tinpan Orange hat sich das Gelände bereits langsam gefüllt, um den bezaubernden Folk-Pop-Klängen der Australier zu lauschen. Rikas aus Stuttgart springen für Trudy And The Romance ein, die krankheitsbedingt die Segel streichen mussten und haben Gute-Laune-Pop mitgebracht. Nilüfer Yanga, die Londonerin mit türkischen Wurzeln, ist ein klassischer Next-Big-Thing-Kandidat mit einer starken Bühnenpräsenz. Altin Gün aus Amsterdam mixen türkischen Folk mit Rock und Soul. Im Gegensatz zu Nilüfer singen sie auf Türkisch, die leicht psychedelischen Songs funktionieren aber auch so bestens. Die vier Soundtüftler von AG Form aus Berlin kommen ohne Gesang aus: Die Drum-getriebenen Instrumentals mit Gitarren und elektronischen Elementen haben keine Stimme nötig.

Der Samstag startet mit dem jungen Dortmunder Opener Walking On Rivers, die die noch übersichtliche Menge von bereits anwesenden Zuschauern mit einer Mischung aus Folk und Indie schon zu früher Stunde zum Tanzen bringen. Die anschließenden No King. No Crown. könnte man mit ähnlichen Worten beschreiben, was aber nur auf dem Papier treffend wäre. Die talentierten Dresdener um Ren? Ahlig klingen reifer und vielschichtiger, ziehen das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann und sind trotz des frühen Slots eines der Highlights des Tages. Die Zaubershow von den vor Selbstvertrauen strotzenden Siegfried Und Joy ist auch für hartgesottene Festivalgänger ein nicht alltägliches Erlebnis. Im Anschluss können die beiden kaum einen Schritt über das Gelände gehen, ohne von der schwer begeisterten Kinderschar umringt zu werden. Der Ire Seamus Fogarty führt uns mit traditionellem Folk zurück auf gewohntes Terrain, bevor die Mailänderin mit dem (für Internetsuchen etwas unglücklichen) Bandnamen Any Other – die hier alleine auftritt und über die man leider noch nicht besonders viel erfahren kann, wenn man des Italienischen nicht mächtig ist – die kleine Bühne und die Zuschauer für sich einnimmt. Ihre englischsprachen Indierocksongs sind durchweg spannend, sowohl in ruhigen als auch in kraftvollen Lagen. Die ebenfalls ausgefallenen Swutscher wurden von zwei Mitgliedern der Dresdener Band Garda ersetzt, die sich mit ihrem kurzen Set mit viel Substanz nahtlos in das Line-up einfügen. Sam Vance-Law ist danach ein starker Kontrast. Der von einer Band begleitete Songwriter mit eigenwilligem Humor hat viele Songs mitgebracht, in denen er der heutigen homosexuellen Generation eine Stimme gibt. Ein Rufus-Wainwright-Vergleich liegt auf der Hand, Vance-Law ist aber deutlich fröhlicher (und jünger). Pom Poko aus Norwegen schließen die Mainstage ab und sorgen dafür, dass das letzte bisschen Restenergie tanzend verbraucht wird. Frontfrau Ragnild ist dabei mehr Vortänzerin als Sängerin und ist mit der Bezeichnung "Indietronic-Shamanin" vermutlich ideal in Worte gefasst. In ihrem roten Overall heizt sie dem noch verbliebenen Publikum ordentlich ein, steht nur zwischen den Songs still und lässt viele erschöpfte, aber glückliche Zuhörer zurück, die sich anschließend von den Klängen des Songwriters Ari Road zu ihrem Zelt oder Auto begleiten lassen.

Auch in diesem Jahr greift bei diesem Kleinod der deutschen Festivalkultur wieder eins ins andere: Ein kreatives Booking, der regionale Bezug, ein tiefenentspanntes Publikum und ein traumhaftes Gelände sind doch gute Argumente dafür, dass wir auch im nächsten Jahr wiederkommen sollten.

Dank an Paul Ramisch für das Foto.

Marcel Eike

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