Festival-Nachbericht

Appletree Garden Festival 2019


Ein Gewitter, das den gesamten Spielplan vorerst unterbricht, wild umherlaufende Menschen, viel Ungewissheit, aber auch viel Solidarität, von Festivalbesuchern mit Festivalbesuchern und von Diepholzer Bürgern mit dem gesamten Festival. Während auf den Feldern das Wasser teilweise kniehoch stand, saßen im Backstage-Bereich Pressevertreter, Künstler, Mitarbeiter und Organisatoren zusammen. Gerade noch standen sie alle zusammen bei Whitney vor der Hauptbühne, nun warteten sie auf Informationen zum weiteren Abendverlauf. Zur Überbrückung gab es eine spontane Lesung von Dirk Gieselmann, die im Zusammenspiel mit den Klängen des Regens, spielenden Kindern zwischen den Stühlen und dem Rauschen der Walkie-Talkies der Organisatoren und Securities seinen ganz eigenen, besonderen Charme versprühte. Irgendwie surreal wirkte der Freitagabend des diesjährigen Appletree Garden Festivals. Als wäre er einem Roman entsprungen. Am Ende verging der Regen fast so schnell wie er gekommen war, der Boden nahm den Regen gut auf und es spielten kurzfristig sogar noch Bands im Spiegelzelt, unter anderem Bonaparte.

Dem gewitter-bedingtem Chaos-Freitag standen mit dem Donnerstag und Samstag zwei umso besser verlaufende Tage entgegen. Schon zur Anreise passte alles: Eine gute und zügige Organisation und gutes Wetter ließen die Vorfreude auf den elektronisch geprägten Abend ansteigen. Hohe Erwartungen an Kerala Dust, Franc Moody und Jan Oberländer, die alle auf ihre Art und Weise zu begeistern wussten. Die Deep-House-Klänge der ersteren führten im gut gefüllten Spiegelzelt zu euphorischer Stimmung, sodass man sich nach einer guten Stunde schweißgebadet auf den Weg zur Hauptbühne machen konnte, wo Franc Moody mit ihrem Disco-Sound eine nicht weniger tanzbare Abwechslung waren. Wer danach noch feiern wollte, konnte dies an der liebevoll gestalteten DJ-Bühne, die in einem Baumhaus über einer der Bars thronte. Dort gab Jan Oberländer ein gefeiertes DJ-Set zum besten. Ein Abend, der auch viele genrefremde Festivalbesucher zum Tanzen brachte.

Apropos genrefremd, die Buchung von Roberto Bianco & Die Abbrunzati Boys irritierte auf den ersten Blick. Italo-Schlager auf dem Appletree? Im Laufe der folgenden Wochen mauserte sich die Band jedoch zu einem absoluten Must-See. Hits wie "Ponte Di Rialto" oder "Vino Rosso", die liebevoll mit fast jedem Schlagerklischee spielen, machten den Nachmittagsauftritt auf der Waldbühne zu dem Highlight des Festivals. Menschen lagen sich in den Armen und feierten die Überraschung des Wochenendes mit Sekt, Wein und Bier, was in einem stimmungsvollen Mitsingen des größten Hits "Ponte Di Rialto" mündete, dessen Refrain innerhalb von nunmehr fast anderthalb Wochen zu einem dauerhaften Ohrwurm wurde. Amore!

Was bleibt nun neben diesem Ohrwurm vom Appletree Garden? Etliche musikalische Highlights, die man gar nicht alle erwähnen kann. Da waren die wunderbaren Whitney, die nur vom strömenden Regen unterbrochen wurden, die Dauergäste von Say Yes Dog, deren tanzbarer Indie-Elektro als perfektes Kontrastprogramm zu Roberto Bianco & Die Abbrunzati Boys diente oder die Indie-Rock-Newcomer von Pip Blom, die das Publikum bei ihrem erst zweiten Deutschland-Gig in die goldenen Jahre der Indie-Musik zurück versetzten – sie alle werden lange in Erinnerung bleiben. Und wenn das alles nicht ausreichen sollte, gab es immer noch die alten und neuen Gesichter, mit denen der morgendliche Schwimmbadbesuch oder die mittäglichen Minigolf-Runden mit magenberuhigendem St. Hubertus-Tropfen erneut absolut herausragend war. Das ist wahrscheinlich der größte Pluspunkt des Festivals: Die Vielfalt. Wer keine Lust auf Gitarrenmusik hat, wird sich bei den Elektro- oder Hip-Hop-Acts wohlfühlen, wer überhaupt keine Musik hören will, besucht die Lesungen von Künstler*Innen wie Ronja von Rönne, die verschiedensten Workshops oder eben den fußnah zu erreichenden Ort. Deshalb wird das Appletree Garden in Diepholz auch in den nächsten Jahren Festivalbesucher aus ganz Deutschland anlocken, die dort eines der schönsten Wochenenden des Jahres erleben dürfen.

Oder um es mit Roberto Bianco zusammenzufassen: Das Wasser zu den Knöcheln, ein Gefühl von Ewigkeit.

Lewis Wellbrock

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