Konzertbericht

Wovenhand


Wieder mal ein Konzert, wieder einmal in Berlin, wieder einmal Wovenhand. In schöner Regelmäßigkeit, sprich: mindestens einmal im Jahr, haben Wovenhand es sich angewöhnt, der Hauptstadt einen Besuch abzustatten. Statt eines Kirchenkonzertes wie 2006 oder vieler technischen Pannen (die die Band dazu bewegten, einen Teil ihres Sets komplett ohne jegliche Verstärker zu spielen) bei ihrem letzten Konzert 2007, gab es dieses mal ein "normales" Clubkonzert ohne viel Drumherum. Toll war es trotzdem. Mit im Gepäck an diesem kalten Dezembertag sind "Ten Stones", das neue Wovenhand-Album und Birch Book, eine Supportband, die nicht besser hätte ausgewählt werden können.

Birch Book sehen aus, als kämen sie direkt irgendwo aus den tiefsten amerikanischen Wäldern und würden als Hauptbeschäftigung Bären jagen. Die Musik klingt ähnlich. Mit zwei Zupfinstrumenten und einer Handtrommel machen Birch Book ungefähr die Musik, die man aus dem großartigen Film "Dead Man" bereits kennt. Inklusive Neil Young ähnlicher Gitarrensoli. Folk, wie er ursprünglich entstanden ist. Leider verkennt ein Großteil des Publikums die Qualität der Band, weshalb es dazu kommt, dass der Auftritt der drei Musiker gnadenlos niedergequatscht wird.

Wenig später betritt dann die Hauptband des Abends die Bühne: Wovenhand, bestehend aus zwei Dritteln Sixteen Horsepower und zwei weiteren Musikern. Beginnen wird das Quartett, wie zu erwarten war, mit Songs ihres aktuellen Albums "Ten Stones". "Kicking Bird", auf dem Tonträger ein schnelles, kurzes Stück, wird zu einem langen, fast doomartig rockenden Brecher aufgebaut, so dass das folgende "Beautiful Axe" schon fast wieder abschwächend wirkt. Zu den schönen Dingen, die auf Konzerten passieren können, gehören Überraschungen seitens der Band, wenn diese nicht erwartete Klassiker in ihr Programm aufnimmt. So war es verwunderlich und wunderbar zugleich, die ersten Takte der Sixteen-Horsepower-Großtat "Splinters" zu hören, die sofort für Gänsehaut sorgen. Jenes Stück, wohl das beste der Vorgängerband Wovenhands, stellt einen absoluten Höhepunkt an diesem Abend dar und sorgt dafür, dass man sich wieder ins Gewissen bringt, wie sehr Sixteen Horsepower in dieser Musiklandschaft fehlen. Etwas später sorgt David Eugene Edward allein für einen Ruhepol in dem doch sehr laut gespielten Set. Allein mit einem Banjo trägt er im Scheinwerferkegel stehend "Whistling Girl" vor.

Die Setlist ist an diesem Abend sehr ausgeglichen gewählt, lediglich die ersten beiden Alben der Band sind etwas unterrepräsentiert. Allerdings strecken und verzerren Wovenhand jedes einzelne Stück. So werden aus dreiminütigen Songs schon mal epische Werke, an deren Beginn ein fünfminütiges Gesangssolo des Herren Edwards an den Herren über ihm gerichtet ist. Sehr viel hat er an diesem Abend zu predigen, vielleicht auch ein wenig zu viel, einige Stücke gehen fast in wechselnder Gesangspredikt contra Lärmorgie unter. Dennoch, in den knapp zwei Stunden, die Wovenhand aufspielen, wird viel geboten, vor allem bereits erwähnte Sixteen-Horsepower-Klassiker sorgen immer wieder für Jubelstürme im Publikum. Während des Konzertes stellt sich heraus, dass auch die Stücke des eher mittelmäßigen Albums "Ten Stones" sich live in das Œuvre der Band einpassen und dazu beitragen, dieses Konzert zu einer gelungenen Abendveranstaltung zu machen.

Klaus Porst

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