Konzertbericht

Wintersleep


Die Gedanken, die ein Album namens „New Inheritors“ auslöst, sind auch bei einer nach diesem Album benannten Tour nicht fehl am Platze: Wintersleep mussten nach „Welcome To The Night Sky“ das harte Erbe antreten, nach diesem Meisterwerk des Indierocks nicht zu enttäuschen, und ebenso mussten sie mit Fans umgehen, die zu großen Teilen sicher lieber Stücke von diesem Album als vom vorrangig „soliden“ Nachfolger hören wollten. In solch einer Situation kann man an sich wohl nur verlieren: Entweder man konzentriert sich dickköpfig auf neues Material, oder man tut dies eben nicht und gesteht sich damit selber quasi ein, dass die Highlights der Diskographie auf früheren Alben zu suchen sind.

Spannung also, was Wintersleep machen werden, die innerhalb von 18 Monaten immerhin von der winzigen Prinzenbar ins geräumigere Molotow umziehen konnten. Vor Beantwortung dieser Frage jedoch gibt es ein Vorprogramm, das so gar nicht zur Hauptattraktion zu passen scheint: Eine schnuckelige junge Dame namens Julia Marcell, die, nur mit Keyboard und Ukulele bewaffnet, die faule Hamburger Meute zum Tanzen bringen will und das zumindest im Falle einer einsamen Seele auch schafft – immerhin. Zum Abschluss dann noch ein Cover von Lady Gagas „Paparazzi“ – nur, damit man einmal hört, wie dieser Song klingt, wenn er von einer Frau vorgetragen wird.

Wenig später – und aufgrund gewöhnungsbedürftiger Kiez-Konzert-Regulationen an Wochenendabenden schon ziemlich früh – legen dann Wintersleep los, mit, Trommelwirbel: „Drunk On Aluminium“, einem der vielen fantastischen Songs von „Welcome To The Night Sky“, dem sogleich ein weiteres folgt („Archaelogists“).

Wer hier jedoch befürchtet, dass Wintersleep zu einer Art Metallica des Indierock mutieren, die sich live nur noch auf die Qualität ihres Backkatalogs verlassen, wird beruhigt: Denn auch wenn neueres Material vergleichsweise selten eingestreut wird, ist dies kaum der Angst vor möglichen negativen Reaktionen geschuldet, sondern eher dem Versuch, eine möglichst homogene Setlist zu schaffen, was gelingt und dazu führt, dass die beinahe 100 Minuten wie im Flug vergehen. Denn Wintersleep sind eine Band, die einfach wissen, dass sie mit all ihrem Schaffen gut und relevant sind – auch wenn sich manche Bandmitglieder gerne hinter Wäldern aus Bart zu verstecken scheinen und Paul Murphy's selbstironische Ansage – „We're Wintersleep, we're gonna play songs for you. Yay“ etwas unsicher wirkt. Aber ohne Selbstbewusstsein schmeißt man nicht immer wieder spontan die Setlist um und hämmert man das Publikum mit einem auf 10 Minuten ausgedehnten „Nerves Normal, Breath Normal“ nicht vollkommen in Grund und Boden. Egal also, ob „New Inheritors“ nicht ganz an seinen Vorgänger herankommen mag – Wintersleep bleiben auf Platte und live eine der spannendsten Rockbands unserer Zeit. Und würdige Erben sind sie sowieso.

Jan Martens

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