Konzertbericht

The Angelcy


Obwohl The Angelcy aus Tel Aviv erst vor einem Monat ihr Debütalbum in Deutschland veröffentlicht haben, eilt ihnen ihr Ruf als ausgezeichnete Live-Band schon längst voraus. Grund genug, uns bei ihrem gut besuchten Auftritt im Astra Kulturhaus in Berlin einen Eindruck über ihre Fertigkeiten zu verschaffen.

Eine gewisse Überraschung war es schon, dass sich das Sextett um Sänger und Gitarrist Rotem Bar Or in einer solch großen Venue wie dem Astra Kulturhaus einfinden würde. Dass das aber alles seine Richtigkeit hatte, zeigte sich rasch anhand der Menschenmengen, die sich an diesem Abend auf den Weg in den Berliner Club machten. So wenig wie sich die Band selbst wirklich einem Genre zuordnen lässt, so gemischt war auch das Publikum.

Während das Berliner Duo Nosoyo, das als Support ein schönes ausgiebiges Set spielte, eher klassischen Indie zum Besten gab, tut man sich beim Sound von The Angelcy mit der Einordnung deutlich schwerer. Irgendwo zwischen Klezmer, Gypsy-Jazz und Folk bewegt sich die israelische Band, bei der es sich ursprünglich um ein Projekt von Rotem Bar Or handelte. Wie gut sein Händchen bei der Auswahl seiner Mitstreiter war, zeigt sich auf der Bühne rasch. Über die Jahre ist mit The Angelcy eine Band zusammengewachsen, die ihren gemeinschaftlichen Geist beim Musizieren souverän auf das Publikum übertragen kann und mit den Songs ihres Debüts "Exit Inside" ein vielfältiges Programm im Gepäck hat. Flotte Songs wie "Freedom Fighters" mit Uri Maroms ausgezeichnetem Flötenspiel wechseln sich ab mit Stücken wie dem reduziert vorgetragenen "Giant Heart".

Allen Songs gemein ist jedoch ihre Melancholie, auf welche Weise auch immer Rotem Bar Or die Inhalte seiner Texte verpackt. Die Situation im Nahen Osten und deren Folgen für das alltägliche Leben der Menschen dort ist wohl das vorherrschende Thema in den Songs von The Angelcy, auch wenn sie es immer wieder schaffen, sich durch die Poesie ihrer Texte und die Eleganz ihrer Arrangements dem Stempel einer rein politischen Band zu entziehen. Manchmal stört einen an diesem Abend ein wenig der Mangel an Intimität, den nunmal eine Venue solcher Größe mit sich bringt und einen sich insgeheim wünschen lässt, dass The Angelcy vielleicht doch nicht ganz so erfolgreich wären. Umso schöner sind dann aber dafür die Momente, in denen Band und Publikum eins werden und Zeilen wie das fatalistische "We are a natural disaster" aus "My Baby Boy" gemeinsam aus voller Kehle singen. Wurden The Angelcy also ihrem Ruf als gute Liveband gerecht? Auf jeden Fall.

Kilian Braungart

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