Konzertbericht

Muse


Viertel vor elf. Verschwitzt und erschöpft drängen sich dutzende Menschen vor der Garderobe des Admiralspalastes. Keiner hat es eilig – mit ihren Gedanken sind alle noch bei dem, was sie gerade erlebt haben. Plötzlich meint ein dunkelblondes Mädchen zu meiner rechten: "Muse sind voll Kommerz geworden." Sie zieht viele Blicke auf sich, ein paar Leute schütteln den Kopf, einige versuchen etwas zu entgegnen, aber sie lässt sich nicht umstimmen. Statt dessen ergänzt sie: "Die Konzerte früher waren besser." Einer der Umstehenden merkt an, dass auch sie sich eines der T-Shirts des Abends für 25€ gekauft hat. Sie weiß nichts zu entgegnen und mein linker Nachbar in der Schlange raunt: "Manche Leute haben eben immer etwas zu meckern."

Kommerz hin, Kommerz her, als Fan der ersten Stunde hat man wenig Gelegenheiten, in die alten Zeiten zurück zu kehren. Wo O2-World und Color Line Arena auf dem Plan stehen, wirken die 1.500 Plätze des Admiralspalastes plötzlich familiär und irgendwie auch unkommerziell. 35€ pro Ticket liegen unter dem Preis der regulären Tour '06. Im Umkehrschluss hat nur ein kleiner Kreis der Interessenten das Glück, eines der Tickets zu ergattern, die in den freien Verkauf gelangt sind. Der altehrwürdige Saal füllt sich langsam, die Ersten saugen bereits anderthalb Stunden vor Konzertbeginn die Atmosphäre ein, andere kommen erst kurz vor 21 Uhr. Über all dem Gold und Samt thront ein überdimensionaler Kronleuchter, der sicherlich schon vieles miterlebt hat, aber ob eine solche gigantische Rock-Show, wie sie an diesem Abend folgen wird, darunter gewesen ist, darf bezweifelt werden.

Dann geht's los, die drei Engländer kommen auf die Bühne und beginnen ohne Umschweife mit der ersten Single des neuen Albums – "Uprising". Auf dem Parkett sind in weiser Voraussicht die Sitzreihen entfernt worden und unmittelbar vor der Bühne wird bereits getanzt, auch die Ränge verwandeln sich binnen Sekunden in Stehplätze. Riesige Scheinwerfer lassen den Saal zu einer Disco werden, den Takt inmitten des Lichtermeers geben die Musiker aus Teignmouth an – Matt, stilsicher wie immer in weißem Hemd und schwarzer Hose, Chris in schwarzem T-Shirt und Dom in roter Weste.

Schon nach wenigen Minuten reift die Erkenntnis, dass der Abend, trotz der kleinen Location, keineswegs zu einer Reise in die Vergangenheit wird – zumindest soundtechnisch nicht. Die Setlist bietet zwar jede Menge Songs, die in den letzten Jahren auf keinem Muse-Konzert fehlten – "Time Is Running Out", "Hysteria", "New Born", "Starlight" – doch die großen Klassiker wie "Muscle Museum", "Sunburn" oder "Citizen Erased" sind verschwunden. Einzig das mehr als zehn Jahre alte Cave nimmt eine Gastrolle ein. Allerdings ist der Song generalüberholt worden – als Piano-Version mit schwungvollem Rhythmus weiß der Track dennoch zu überzeugen. Weiterhin bemerkenswert: Den Synthie-Evergreen "Popcorn" covern die Briten souverän, wobei schon das Original mit seiner Penetranz nicht nur Freunde hatte.

Muse waren nie eine Band des Stillstands, stets geht der Blick nach vorne und so liegt bei den Fans an diesem Abend besonderes Augen- oder besser Ohrenmerk auf den Songs des neuen Albums, die – zumindest auf legalem Wege – zum Zeitpunkt des Konzertes noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind. Nimmt man das Publikum in Berlin als Gradmesser, so dürfte auch das neue Album viele Käufer finden. Die fünf neuen Songs bekommen mindestens genauso viel Applaus wie alle übrigen. Allerdings sind die eingefleischten Fans gegenüber jenen, die per Gästeliste gekommen sind, klar in der Minderheit. Unter den neuen Songs findet sich das epische "The Resistance", welches mit sphärisch-düsteren Synthesizerklängen beginnt. Es kann wie das später folgende "United States of Eurasia" seine musikalische Verwandtschaft zu Queen nicht verleugnen. Einige Wendungen sind so nah am Sound von Freddie Mercury, für kurze Momente hat man das Gefühl, er sei es, der dort unten mit Gitarre über die Bühne hüpft und sich am Klavier verausgabt. Doch wenn es nicht die Kenntnis um die unterschiedliche Statur beider Sänger ist, so holt einen spätestens "Undisclosed Desires" mit Streicher-Samples, Breakbeat und Justin-Timberlake-Gesang ins Jahr 2009 zurück. Es scheint, als wagten Muse auch auf der neuesten Platte den absoluten Genre-Mix: "Unnatural Selection" als letzter der neuen Songs beispielsweise wandelt zwischen Rock-Brett und jazziger Ballade, Orgel-Intro inklusive.

So unkonstant die Band innerhalb einzelner Tracks zwischen diversen Genres schwankt, so konsequent zieht sich der "aktuelle" Sound durch den gesamten Abend – Muse gehen definitv mit der Zeit. Konsequent wie eh und je ist auch die praktisch nicht existente Interaktion zwischen Band und Publikum. Macht nix, kennt man, lasst die Musik sprechen!

Nach atemlosen 90 Minuten beziehungsweise 16 Tracks ist dann Schluss, darunter eine Zugabe. Wie gewohnt sind Muse ihrem Ruf als einer der besten Live-Bands der Welt gerecht geworden. Sollte das Mädchen vom Anfang jemals wieder auftauchen, so sei ihm gesagt: Dass man mit guten Konzerten auch kommerziellen Erfolg haben kann, ist nur logisch.

Foto unter CC Lizenz von http://www.flickr.com/photos/admiralspalast/

Mischa Karth

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