Konzertbericht

Modest Mouse


31.03.2007. Ankündigung der Konzerttermine für Modest Mouse. Köln, Berlin, München, Frankfurt. Verflixt, verflucht, verdammt. Allesamt Städte, die sich vielleicht nicht mit dem beliebten, verallgemeinernden "Arsch der Welt, und Deutschlands sowieso" bezeichnen lassen, sondern – um bei der Anatomiemetapher zu bleiben – schon zumindest Handgelenke wären, was mir als einem Hamburger mit begrenzten Zeit- und Geldressourcen jedoch auch nicht weiter hilft. Mist. Dabei ist das frisch erschienene "We Were Dead Before The Ship Even Sank" doch wieder ein Meisterwerk des Indie-Rocks geworden, mit Perlen wie "Dashboard", die jeder Radiosender sofort in sein Programm aufnehmen sollte, oder Glanzstücken wie "Spitting Venom", die die Radiosender zusätzlich dazu noch überzeugen sollten, ganz allgemein auch Lieder mit acht Minuten Länge zu spielen. Das muss ich live haben, muss, muss, muss. Hurricane hin oder her, wo Modest Mouse wahrscheinlich sowieso nicht mehr als 60 Minuten werden füllen dürfen, das brauch ich in voller Länge.

23.06.2007, Hurricane-Festival. Samstag Nachmittag, Zeit für Modest Mouse. 60 Minuten, natürlich. Zumindest theoretisch, da ein schnöder Timetable Modest Mouse nicht sagt, wann sie die Bühne zu betreten haben, damnit! Im Endeffekt also 45 Minuten, vor einem Publikum, dem der Dauerregen den Großteil der Euphorie aus dem Körper gespült hat. Trotzdem 45 Minuten puren musikalischen Sonnenscheins, was jene Dreiviertelstunde aber auch nicht länger macht. Denk dir, du seist zutiefst verliebt in und unglaublich wuschig auf eine langhaarige, großbusige Schönheit, die dir zwar einen innigen Zungenkuss gibt, dann aber für immer aus deiner näheren Umgebung verschwindet. Zumindest solange, bis Modest Mouse das nächste Album rausbringen.

11.07.2007. Oha, zu früh getrauert. Zusatzkonzert. In Hamburg. Carsten Roth, für diese Nachricht schlösse ich dich in mein Nachtgebet ein, würde ich eins halten. Religiös wird's nämlich erst am 6. September. Johnny Marr, deren Gitarrenklänge so manchen Mitgliedern der letzten Generation das Leben retteten, Isaac Brock, du Halbgott mit Sprachfehler, ich werde euch huldigen.

06.09.2007. Hamburg, genauer: Die Fabrik. Das sympathische Jugendzentrum im Herzen Altonas, das sonst eher Events für Jugendliche unter 16 wie Töpferkurse, Kräuterlehrgänge oder Anti-Flag-Konzerte beherbergt, richtet das Konzert also aus. Und die Fabrik ist voll, sie ist ausverkauft. Vor Modest Mouse die Vorband mit Heimvorteil: Neat Neat Neat, ein Gitarrist, ein Schlagzeuger, klingen etwas, als hätten Johnossi ihrem (vielleicht mal vorhandenen) Bassisten erst die Bluesplatten geklaut, bevor sie ihn aus der Band geschmissen haben. Schlecht ist was Anderes, Decent Decent Decent mein Vorschlag, falls in Zukunft der Bandname geändert werden soll. Danach füllen sich die vorderen Reihen wirklich. Ach süß, ein Kiddie. Was macht der denn hier? Ach stimmt, Modest Mouse und der OC-California-Soundtrack, da war was. Oh, noch ein Kiddie. Noch eins. Ach, schau an, noch eins. Hab ich was verpasst? Naja, egal. Dann Modest Mouse. "We're not invisible" singt Isaac Brock, nein, das seid ihr mitnichten – Johnny Marr ausgenommen, den sehe ich wirklich nicht, eine Säule steht im Weg, wäre ich nicht so sicher, dass sie tragend ist, müsste man sie aus diesem Grund eigentlich einreißen. Ebenso, wie ich zunächst manchen Teenies die Köpfe einreißen möchte, als der vordere Bereich dank exzessiven, allgemeinen Gehüpfes zu einer Mischung aus Billy-Talent-Konzert und Hüpfburg umfunktioniert wird. Aber was soll's? Lieber mit den Wölfen als über die Kiddies heulen, und bei einem Konzert wirklich bewegt hab ich mich auch viel zu lange nicht mehr, ich alter Indienazi, ich. Also: Modest Mouse mal anders genießen, springend, das Shirt durchtränkt vom Schweiß der anderen. Aber genießen. "Good News For People Who Love Bad News" wird intensiv bedacht, "We Were Dead Before The Ship Even Sank" natürlich ebenso, "Spitting Venom" wird jedoch leider nicht gespielt. Also bitte, ihr bescheidenen Mäuse, wie sollen die Radiosender denn so ihre Lektion lernen? Auch Älteres zündet, "Doin' The Cockroach" verrückt wie immer, "Paper Thin Walls" und "Tiny Cities Made Of Ashes" sind eine Freude. Wie eigentlich alles, retrospektiv auch das Rumgehüpfe, ich bin ja eigentlich stolz auf jeden, der schon früh Musikgeschmack entwickelt. Ebenso stolz bin ich auf Modest Mouse, denen auch nach 90 Minuten Spielzeit und drei Zugaben – unter anderem dem abgefeierten und unrhythmisch mitgesungenen "We've Got Everything" – immer noch Zugabe-Rufe in die Kabine entgegen schallen, die den Pöbel aber unbefriedigt wieder nach Hause schicken. Auch hier gilt: Man sagt Modest Mouse nicht, wann sie die Bühne zu betreten haben. Naja, es sei ihnen gegönnt.

Jan Martens

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